Von der Heimat geprägt

Noch ein letzter Kontrollblick in den Spiegel, die Uniform passt, die Schuhe glänzen – auf geht’s zum Stelldichein auf dem Schulhausplatz im Wegsol, wo sich am Donnerstag nach dem ersten Sonntag nach Pfingsten so manches «Terbji» von nah und fern trifft. Es sind unzählige Eindrücke und Momente, die diesen Tag prägen und eine heimelige, stolze Wärme in der Brust der Einheimischen aufkommen lassen – es ist Fronleichnam in Törbel.

«Güätuntag mitänand» und willkommen zum dritten Beitrag aus der Blogserie Handwerk mit Charakter

Viele von euch denken sich jetzt wohl: «Was in Gottes Namen haben Fronleichnam und die Karlen Sattlerei- und Handels GmbH, wie das Unternehmen offiziell heisst, gemeinsam?» Es sind nicht die Militärgurte, die möglicherweise tatsächlich noch von Karlen Titus hergestellt wurden und am besagten Tag von den Männern der Ehrenkompanie getragen werden, wo ich den Link in diesem Blogartikel setzen möchte. Nein, es ist die Kultur, Tradition, der Zusammenhalt und ganz eigene Charakter unserer Heimat, welche die Einheimischen von Kindheit an prägen und so auch das Unternehmen Karlen Swiss – es ist Törbel, wovon ich euch erzählen möchte.

Wo Törbel geografisch liegt, habe ich bereits im ersten Blogartikel kurz erklärt – von Visp Richtung Saaser- und Mattertal folgt man in Stalden rechts der kurvig, malerischen Panoramastrasse hoch und man erreicht das sonnige Plätzchen, mit seinem alten, braungebrannten Dorfkern und den zahlreichen neuen Einfamilienhäusern in der näheren Peripherie. Ebenfalls zum Dorf gehören die Weiler Brunnen, Feld und Burgen, die Voralpe und zwei Burgeralpen, mit darunter, die Moosalp, der Schatz der Einheimischen. Rund 500 Personen zählt das kleine Bergdorf heute. Im Gegensatz zu vielen anderen Bergdörfern konnte Törbel in den letzten Jahren die Abwanderung einigermassen in Grenzen halten. So blieben viele junge Familien ihrer Heimat treu und zogen das ruhige Leben in den Bergen dem hektischen Alltag der Stadt vor.

https://youtu.be/cHnmNdCCkbQ

Für Titus Karlen war die Wahl des Wohn- und Arbeitsortes damals, 1951 nach seiner dreijährigen Lehre in Zermatt, gar keine Frage. Er eröffnete seine eigene Werkstatt in Törbel. Schuhmacher war ein gefragter Beruf und zusammen mit den Aufträgen der Bevölkerung und Leuten aus den umliegenden Dörfern und später auch der Armee konnte er ganz gut von seinem Geschäft leben. Nicht zu vernachlässigen waren die Aufträge der Landwirte; Zaumzeug, Pferdegeschirr und über die Jahre auch immer mehr Glockenriemen für die Nutztiere. Mit letzterem hat sich Titus Karlen übrigens weit über die Dorfgrenzen hinaus einen Namen gemacht und so bringen heute noch die Bauern aus Törbel und Umgebung ihre Glockenriemen für Kühe, Schafe und Ziegen in die kleine Werkstatt zur Reparatur oder geben einen Neuen in Auftrag. Um das kunstvolle Handwerk aufrechtzuerhalten, lernte Hans-Jörg in den letzten Jahren immer wieder von seinem Vater.

Dieses Kulturgut, die Landwirtschaft mit Eringerkühen, Walliser Schwarznasenschafen und Schwarzhalsziegen, wird in Törbel bis heute durchaus gepflegt und trägt zum Erhalt des idyllischen Dorfbildes bei. Die Landwirtschaft hatte früher wie auch heute einen starken Einfluss auf Törbel und seine Bevölkerung. Damals vielleicht eher aus Gründen der traditionellen Selbstversorger-Landwirtschaft. Heute ist es ein Nebenerwerb aber hauptsächlich eine Passion und eine Leidenschaft, die mit Freunden geteilt wird. Die zahlreichen Traditionen und Anlässe um die Landwirtschaft bringen durchs Jahr immer wieder Jung und Alt aus der Bevölkerung zusammen. Sei es bei der Aufalpung der Kühe, der Prämierung der Schafe und Ziegen oder einem gemütlichen «Abusitz» im Stall eines Kollegen.

Kultur, Vereine und Traditionen spielen in Törbel bis heute eine wichtige Rolle und führen zu einem starken Zusammenhalt der Dorfbevölkerung. Dies wird einem schon von klein auf mitgegeben. So üben beispielsweise viele kleine Törbjierinnen und Törbjier bereits in einem der zwei Musikvereine mit oder trainieren auf dem Sportplatz des lokalen Fussballclubs. Insgesamt zählt Törbel über 15 Vereine, welche bedeutsam zur Attraktivität des Bergdorfes beitragen.

Karlen Swiss steuert ebenfalls der Attraktivität der Gemeinde bei, nicht nur durch die Originalität und breite Bekanntheit der Kollektionen und des Unternehmens generell, sondern auch als einer der grössten Arbeitgeber im Dorf. Die acht Frauen schätzen die Nähe und hauptsächlich die Flexibilität, die ihnen entgegengebracht wird. So können alle über Mittag heim, um für die Familie zu kochen. Vor allem als die Kinder noch zur Schule gingen, war dies überaus wertvoll.

Wie viele junge Familien ist auch Karlen Swiss und die kleine Schuhmacherei ihrer Heimat nach bald 70-jähriger Geschichte immer treu geblieben. Sicherlich gäbe es durchaus vorteilhaftere und wirtschaftlich effizientere Standorte. Aber das Leben im Dorf, abseits grosser Metropolen prägt auf seine eigene Art und Weise und bringt ebenfalls viele positive Seiten mit sich. Ich hoffe dies mit den wenigen kurzen Aufzählungen verdeutlicht zu haben.

Wie prägend unser Dorf sein kann, wird mir an Tagen wie Fronleichnam immer wieder aufs Neue bewusst. An Fronleichnam, wenn ich mir am morgen früh den Ledergurt mit den Initialen von Titus Karlen umschnalle und zur Besammlung auf den Dorfplatz gehe. An Fronleichnam, wo sich Jung und Alt trifft und jährlich alte Traditionen aufleben lässt.  An Fronleichnam, wo die Freude und Heimatverbundenheit den Törbjierinnen und Törbjiern ins Gesicht geschrieben steht und am Ende des Tages bei Einbruch der Dunkelheit noch einmal gemeinsam gesungen wird:

«Als Terbji giboru schlat mis Härz vollär Ahnustolz
fär mini gliäbt Heimat, fär Kollegu us rächtum Holz,
fär Dorf und Famili, fär du teifu starchu Bund,
fär alls wanäs Terbji mit där Giburt gscheichts bärchunnd» – Text: T. Juon


Verbundenheit und Stolz zum Dorf ist auch in den Produkten von Karlen Swiss spürbar und tragen somit ein kleines bisschen Törbjier Tradition in die ganze Welt hinaus.

«Zapfenstreich» am Abend zuvor, «Tagwacht» um 4 Uhr in der Früh, Prozession durchs Dorf, geselliges Beisammensein in der Gemeindestube oder auch nur das stolze Stemmen der Vereinsfahnen beim Ertönen des «Fahnenmarsches»– dies und vieles mehr sind die Eindrücke und Momente, für jeden individuell die seinen, die eine heimelige, stolze Wärme in der Brust der Einheimischen aufkommen lassen und jedes «Terbji» den Zusammenhalt durch Traditionen und Freundschaft spüren lassen.

Vielen Dank fürs Lesen.

Als gebürtiger und ansässiger Törbjier ist dieser Artikel aus einer eher subjektiven Sicht geschrieben.
Falls ihr die ersten zwei Beiträge verpasst habt, könnt ihr diese hier nachlesen:

Karlen Swiss – Von der Sattlerei zur Trendschmiede
Eine Reise in die Vergangenheit und zurück

Bei Fragen meldet euch jederzeit bei mir via Mail, Kommentar oder besucht unsere Homepage und Facebook-Seite.

Merci värgältesgott und bis zum neschtu Blog
Grüäss, Dominic

djuon

Aufgewachsen im kleinen Walliser Bergdorf Törbel, hoch über dem Vispertal an einem sonnigen Südhang, wo viel Wert auf Traditionen, Authentizität und Kultur gelegt wird - im selben Dorf hat das Familienunternehmen KARLEN SWISS seinen Ursprung. Ich heisse Dominic und werde euch in meiner Blogserie "Handwerk mit Charakter" das Unternehmen meiner Tante und Onkel näher bringen - von der Sattlerei zur Trendschmiede.

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