Junger Lernender arbeitet an einer Anlage in der Produktionshalle der WellPack AG

Fachkräftemangel in der Industrie: Warum einzelne Massnahmen nicht mehr reichen

Technische Fachkräfte bleiben trotz abgekühlter Konjunktur knapp. Steigende Anforderungen und veränderte Erwartungen der jüngeren Generationen verschärfen die Lage. Aus meiner Sicht brauchen Betriebe daher ganzheitliche Konzepte statt Einzelmassnahmen.

Montagmorgen bei WellPack AG: Ein Lernender kontrolliert ein letztes Mal seine Zeichnungen, bevor er sie an die Maschine für die Musterproduktion sendet.

Die IGB Verpackungstechnologie beobachtet nicht nur an Berufsmessen: Das Interesse an der Lehre als Verpackungstechnologin oder Verpackungstechnologe EFZ ist gross. Gleichzeitig fehlten vielen Betrieben zuletzt die Ressourcen und Ausbildende, um Lernende auszubilden.

Dieser Widerspruch beschäftigt mich. Als Leiter Verkauf & Marketing bei der WellPack AG erlebe ich: Angelerntem Personal fehlt es oft an Fachwissen, um Anforderungen aus der Zeichnung in Maschineneingaben zu übersetzen. Das beeinträchtigt die Produktivität der Anlagen.

Die Lücke ist strukturell

Im 1. Quartal 2026 meldeten Schweizer Unternehmen 98’200 offene Stellen, in Industrie und Bau 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Viele Stellenprofile erwarten, dass Bewerbende alle Anforderungen sofort erfüllen. Das deckt sich immer weniger mit dem Arbeitsmarkt.

Gleichzeitig sind Betriebe tendenziell weniger in der Lage, Ressourcen in Form von Zeit und Personal in junge Berufseinsteiger zu investieren.

Fachkräftemangel ist auch eine Führungsfrage

Im Executive MBA an der Hochschule Luzern setze ich mich intensiv mit meiner eigenen Führungsrolle auseinander. Dabei wurde mir bewusst: Ob Menschen einen Beruf erlernen und danach im Betrieb bleiben, hängt stark davon ab, wie sie geführt, begleitet und gefördert werden.

Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein Problem des Arbeitsmarkts, sondern ein Prüfstein für die Führungskultur.

Was heisst das konkret? Aus meiner Sicht greifen vier Bausteine ineinander:

  • Ausbildung mit Perspektive: Lehrstellen mit klaren Entwicklungswegen, etwa zur Berufsmaturität.
  • Quereinstiege: Modelle wie die MEM-Passerelle erschliessen Fachkräfte aus anderen Branchen.
  • Arbeitsmodelle: Teilzeit oder Schichttausch sprechen Wiedereinsteigende und ältere Fachkräfte an.
  • Führungskultur: Offene Kommunikation und eine konstruktive Fehlerkultur binden Mitarbeitende.

Nachwuchs sichern heisst, die Organisation weiterzuentwickeln

Zurück zum Lernenden: Es ist Montagmittag, die Muster sind hergestellt, die Prüfmasse passen und er zeigt seinem Ausbildner stolz den Prototyp.

Ich bin überzeugt, auf den Fachkräftemangel können Betriebe nur mit einem abgestimmten Konzept aus Ausbildung, Entwicklung und Arbeitsgestaltung reagieren. Entscheidend ist, wie gut diese Elemente ineinandergreifen – hier ist die Führung gefragt, die Konzepte umzusetzen und noch wichtiger, die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen und Verantwortung zu übernehmen.

Gobi Bremasuthan

Gobi Bremasuthan ist Leiter Verkauf & Marketing bei der WellPack AG und absolviert zum Zeitpunkt der Publikation den EMBA an der Hochschule Luzern.

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