HomeVoice

Gesang studieren in Zeiten des Coronavirus

Niemand hätte sich Anfang März die Auswirkungen des neuen Coronavirus vorstellen können. Seit einigen Wochen machen wir alle zwangsläufig unsere ersten Gehversuche mit Fernunterricht und distance learning und vielleicht führt das auch zu neuen Erkenntnissen. Erste Erfahrungsberichte sind bereits online. Die Fachgruppe Gesang an der HSLU Musik leistet ihren Beitrag dazu.

Wir mussten uns in sehr kurzer Zeit an ganz viel Neues gewöhnen. Diese Pionierarbeit wird für alle noch weiter dauern und löst gleichzeitig enorm viel Kreativität aus. Unsere digitalen Fertigkeiten explodieren förmlich durch ständiges trial and error. Vieles klappt nicht, anderes gelingt immer besser. Die zahllosen Videoaktionen im ganzen Netz sind der Beweis, dass die Kunst keineswegs untergeht, sondern einfach ihre Schauplätze und Hörorte wechselt. Die im Kultursektor Tätigen legen nicht einfach die Hände in den Schoss, sondern bleiben kreativ. In Windeseile wurden digitale Lösungen gesucht und auch gefunden, wo das möglich ist. Digitaler Musikunterricht und digitale Chorproben sind nur einige Beispiele. Die SRG SSR erhöhte den Anteil an Schweizer Musik auf allen Sendern, um Schweizer Musikschaffende zu unterstützen. Weitere Beispiele finden sich auf swissmusic.ch.

The Seven Singing Steps

Liebe Sängerinnen und Sänger

endlich habt ihr genug Zeit zum üben! Die aktuelle Corona-Pause haben wir uns doch in der Hektik so oft herbeigesehnt. Jetzt ist sie da und was machen wir nun mit der plötzlichen Freiheit? Der Präsenzunterricht, in unserem Fall das tolle Eins-zu-eins Setting im Einzelunterricht, ist nun auf Wochen hinaus nicht mehr möglich und damit ihr euch nicht unbetreut fühlt, hier ein paar Gedanken.

Selbstverständlich können wir jederzeit in Kontakt treten über alle bekannten Kanäle: Klassenchat, Mails und Anrufe werden aber irgendwann unübersichtlich und der Videostream über Skype oder Zoom kann den Einzelunterricht nur begrenzt ersetzen, wie unsere ersten Erfahrungen zeigen. Dieser Blog sei deshalb Forum und Archiv für das neue, selbstbestimmte Lernen!

Aus eigener Erfahrung empfehle ich, den Tag gut zu strukturieren: einen eigenen Stundenplan erstellen, To-Do-Listen führen und nicht alles auf einmal erledigen wollen in den vielen freien Stunden, die vor einem liegen. Man kann sich in der neuen Freiheit auch verirren.

  1. Den Tag am besten mit Bewegung anfangen: Peter und ich schwören auf das «7 Minutes-Workout» – damit habt ihr in kurzer Zeit schon etwas erledigt und die Apps verleihen Auszeichnungen für Fleissige! Seven Minutes. Wir empfehlen diese für CHF 4.- aber es gibt auch viele gratis Apps dazu. Selbstverständlich könnt ihr euren Tag auch mit Joga, Pilates, Tai Chi, Jogging, frischer Luft und/oder einem Espresso beginnen – was euch gut tut und einstimmt!
  2. Danach braucht ihr einen Raum, in dem ihr arbeiten und üben könnt. Jetzt wo der Campus geschlossen wird, müsst ihr gut kommunizieren, wenn in eurer Umgebung Üben normalerweise nicht erwünscht ist: genaue Zeiten abmachen, sich daran halten und ab und zu die Früchte eures Tuns verschenken. Die Balkonkonzerte in Italien sind ein Hit und eure Stimmen werden von all den Home-Officern bestimmt geschätzt.
  3. Stellt euch ein gutes Übeprogramm mit eurem eigenen, individuellen Menu zusammen. Übephasen
  4. Neue Stücke könnt ihr mit System anpacken: Acht-einfache-Schritte (zusammengestellt von meinem Kollegen René Perler)
  5. Die Listen von Peter Brechbühler kann ich sehr empfehlen: AUFGABENSTELLUNGEN_Unterrichtsunterbruch / BÜCHERLISTE / GESANGMentaltraining_Arbeitsblatt
  6. Neue Musik-Apps ausprobieren, Liedtexte, Phonetik
  7. Online-Angebote unserer Bibliothek (Am besten über eine VPN-Verbindung, damit ihr bei IMSLP nicht warten müsst) – hier könnt ihr euch richtig austoben in Notensammlungen, Aufnahmen etc.

Viel Spass bei HomeVoice – schickt Bilder, Ideen, Kommentare!

Die Topp-Apps für HomeVoice

  1. Zoom Meetings ist besser als Skype für Videokonferenzen und Einzelunterricht. Zoom Meetings synchronisiert sich mit jedem Kalendersystem und bietet eine optimierte Videokonferenz von Desktop bis Handy. Für Musikunterricht unbedingt im Fenster oben links «Originalton einschalten» verwenden. Wie das geht, wird hier erklärt.
  2. Anytune spielt eure Audiofiles schneller, langsamer, höher und tiefer: ideal zum üben mit den wunderbaren Singalongs, welche Nadia, Tatiana und Tomasz zur Zeit massenhaft anfertigen!
  3. Wie man einen eigenen Videokanal (Youtube) einrichten oder
  4. Audiokanal (Soundcloud ist dasselbe ohne Bild)
  5. und diese mit einem WordPress-Blog verbinden kann. (Demo vom ICVT Kongress 2017)
  6. Radio Garden lässt dich auf einem Globus Radiostationen aus der ganzen Welt hören, während wir brav zu Hause bleiben.
  7. Für alle Fragen: das FU-Forum. Austausch Plattform für Fern-Unterricht

Bericht aus der Coronawoche 1:

Nach vier Tagen HomeVoice-Unterricht komme ich langsam in die Gänge, aber das Format hat seine Grenzen: Stimmbildung geht und «begleitetes Üben» auch, ein Lied am Klavier zu begleiten wird schwierig…Am besten fährt man mit einer guten WLAN-Verbindung und Computer plus Bluetooth Lautsprecher o.ä. Auch ein Headset kann von Vorteil sein und bei schlechten Verbindungen mussten wir auch schon notfallmässig auf reine Audiogespräche oder Sprachmemos ausweichen. Es gab auch viel zu lachen, wenn wieder ein Bild einfriert oder die Sängerin mitten in der Phrase im akustischen «Tunnel» verschwindet. Die Studierenden reagieren gut und scheinen froh, um die persönliche Kontaktaufnahme. Sozusagen ein keimfreier Hausbesuch in den diversen WGs und Heimaten meiner Klasse. Die ersten Tage waren sehr anstrengend und heute bin ich bereits selber froh, um diese Kontakte nach aussen! Ob wir das wochenlang so durchhalten, werden wir noch sehen…keep singing and resisting!

Hans-Jürg