Die Digitalisierung hat die klinische Sozialarbeit in den vergangenen Jahren tiefgreifend verändert. Papierakten, Faxgeräte und handschriftliche Verlaufsnotizen sind vielerorts digitalen Dokumentationen und vernetzten Informationssystemen gewichen. Prozesse laufen schneller, Informationen sind jederzeit verfügbar. Doch wo bleibt dabei unser Patient, unsere Patientin? Verschwindet er oder sie womöglich in den Untiefen von Spitalservern als digitaler Datensatz?
Neulich rief mich mein guter Freund Stefan an, ebenfalls Case Manager und tätig an einem deutschen Spital. Wir fachsimpelten über unseren Alltag in der klinischen Sozialarbeit und schnell wurde klar, dass er noch überwiegend analog arbeitet. Sämtliche fallbezogenen Patientendokumente erstellt er am Computer, druckt sie aus, um sie anschliessend zu faxen. Auch den Fallverlauf hält er schriftlich in der Patientenakte fest.
Erinnerungen an die eigenen Anfänge
Während seiner Ausführungen wurde ich an meine eigenen Anfänge in der klinischen Sozialarbeit erinnert. Auch ich erstellte damals alle Unterlagen, wie Anmeldungen und Pflegeberichte für Rehakliniken und Pflegeheime, Kostengutsprachegesuche für Versicherungen und vieles mehr, mühsam am Computer, druckte sie aus und faxte sie an die entsprechenden Stellen. Das bedeutete, sich in die Warteschlange beim Faxgerät einzureihen und warten bis man dran kam. Gleichzeitig war dies aber auch ein inoffizieller Treffpunkt für den täglichen Bürotratsch. Eine Art analoges Socializing.
Alltag im digitalen Klinikworkflow
Mit der Einführung des KIS (Klinisches Informationssystem) gehört dies der Vergangenheit an. Ich erledige meine schriftlichen Arbeiten heute direkt in der Kliniksoftware. Mit wenigen Klicks sende ich sämtliche Unterlagen, an interne und externe Stellen. Zudem habe ich in Echtzeit Zugriff auf die Patientenkurve, Pflegeberichte und Visiteninformationen. Ich arbeite zügiger und entlaste gleichzeitig Pflegepersonal und Ärzteschaft, da unnötige Rückfragen entfallen. Auch dokumentiere ich ausschliesslich digital in der Patientenkurve.
Mehr Zeit für das Wesentliche
Der grösste Gewinn besteht jedoch darin, dass Informationen nicht mehr verloren gehen und Missverständnisse reduziert werden. Entscheidungen können schneller gefällt werden und Antworten auf Anfragen treffen deutlich rascher ein. Die gewonnene Zeit nutze ich gezielter für Gespräche mit dem Patienten und seinen Angehörigen. Denn der Workload im Gesundheitswesen ist spürbar gestiegen. Die durchschnittliche Verweildauer in Schweizer Spitälern beträgt nur noch 4,4 Tage. Das bedeutet auch für meine Berufsgruppe, Patientenaustritte müssen zeitnah und effizient organisiert werden.
Digital, aber noch mit Medienbrüchen
Ich habe den Wechsel von der analogen zur digitalen Sozialarbeit hautnah miterlebt und schätze es bis heute, in diesem für mich faszinierenden Arbeitsumfeld tätig zu sein. Zugegeben: Nicht alles läuft bereits vollständig digital. Denn noch immer landen Unterlagen von verschiedenen Krankenversicherern analog auf meinem Tisch und müssen eingescannt werden. Dasselbe gilt für Rettungsdienstprotokolle, Zuweiserschreiben anderer Spitäler oder mancher Hausarztpraxen.
Und wo steht nun eigentlich unsere Patientin, unser Patient? In den Untiefen der Spitalserver?
Die Antwort ist erfreulich: Sie stehen noch immer dort, wo sie hingehören – nämlich im Mittelpunkt. Trotz aller digitalen Fortschritte bleibt der persönliche Kontakt zu unseren Patienten und ihrem sozialen Umfeld der zentrale Kern unserer Arbeit als Case Manager. Da teilen Stefan und ich die gleichen Erfahrungen – unabhängig vom Stand der Digitalisierung im Spital. Gerade in den oft intensiven Gesprächen über Krankheit, Unfall, Zukunftsängste oder existenzielle Fragen ist es entscheidend, die feinen Nuancen wahrzunehmen, also das, was zwischen den Zeilen mitschwingt und nicht explizit ausgesprochen wird. Diese lassen sich zumindest gegenwärtig nicht durch KI-gestützte Systeme erfassen oder angemessen einordnen.
Technologien verändern Prozesse – doch menschliche Nähe, Empathie und echtes Zuhören lassen sich bis heute nicht digitalisieren.
