Wie oft ist es schon vorgekommen, dass ihr etwas lest und sofort denkt: Das wurde doch mit KI generiert? Ich beobachte das immer häufiger, bei Veranstaltungsplakaten, Glückwunschkarten und sogar bei Beileidskarten. Ich nutze KI selbst gerne, frage mich aber: Was geht verloren, wenn wir nicht nur Zeit sparen, sondern auch das persönliche Denken und Formulieren abgeben? Meine These: Je polierter ein Ergebnis aussieht, desto weniger denken wir mit.
Wer KI ein fertiges Ergebnis liefern lässt, prüft es weniger und macht es weniger zu seinem eigenen. Das gilt für Informationen ebenso wie für persönliche Texte. Bei einer Glückwunsch- oder Kondolenzkarte heisst das: Sie klingt perfekt, aber der Absender fehlt. Bei einer Information heisst es: Sie wird ungeprüft übernommen. Der Auslöser ist derselbe: der Politur-Effekt.
Vielleicht steckt hinter der KI-Nutzung keine Faulheit, sondern der Wunsch nach etwas Schönem und Fehlerfreiem. Genau darin liegt die Ironie: Die Perfektion ist das Problem. Ich möchte aber nicht die perfekte Formulierung lesen, sondern die Worte eines Menschen.
Dass KI-Antworten geprüft werden müssen, wusste ich schon vor dem CAS. Im CAS wurde mir aber klar, wie schnell eine überzeugend formulierte Antwort täuscht, auch mich. Belegt ist das durch den «AI Fluency Index» von Anthropic. Die Untersuchung wertete 9’830 Claude-Konversationen aus. Entsteht dabei ein fertiges Ergebnis, etwa ein Text oder ein Dokument, geben Nutzerinnen und Nutzer der KI zwar deutlich mehr Vorgaben zu Ziel, Format und gewünschtem Resultat. Gleichzeitig hinterfragen sie weniger: Fakten werden seltener geprüft, fehlender Kontext seltener erkannt, die Argumentation seltener angezweifelt.
Fazit: Nur 15.8 % hinterfragen die Logik der Maschine.
Mein Eindruck: Wer klare Vorgaben macht, fühlt sich in Kontrolle. Die Sorgfalt steckt dann im Auftrag, aber nicht mehr in der Prüfung.
Der Grund liegt in uns: Unser Gehirn verbindet «sieht gut aus» allzu gerne mit «ist gut». Ein sauber strukturierter Text oder eine professionell klingende Antwort fühlt sich automatisch richtig an. Dabei formuliert eine KI eine falsche Information genauso souverän wie eine richtige. Dazu kommt unsere Gewohnheit: «Schreib mir eine Karte», «Mach mir daraus einen schönen Text» – und dann folgt allzu oft ein knappes «Passt».
Digitalisierung heisst: Ein bestehender Prozess wird schneller, etwa die Karte per KI statt von Hand. Digitale Transformation beginnt dort, wo sich Menschen und Kultur verändern: Wer denkt, prüft und verantwortet noch? Genau das ist für mich der Kern von «KI und Verantwortung». KI einzusetzen heisst nicht, die Verantwortung abzugeben. Je stärker KI in meinen Arbeitsalltag rückt, desto wichtiger wird es, zu wissen, wann ich ein Ergebnis hinterfragen muss. Die Frage ist deshalb nicht nur: «Was kann die KI für mich erledigen?», sondern auch: «Was muss ich weiterhin selbst beurteilen?» Ich bin verantwortlich für das, was ich veröffentliche, verschicke oder weitergebe. Wer eine Karte unterschreibt, macht die Worte zu seinen eigenen. Wer eine Information weitergibt, steht für ihre Richtigkeit ein. Deshalb stelle ich mir vor jeder Verwendung zwei Fragen:
- Stimmt es? Woher kommt die Aussage, und bestätigt eine zweite Quelle sie?
- Bin ich es? Erkenne ich mich im Text wieder?
Bei der Karte heisst das: Der KI-Entwurf ist der Anfang, nicht das Ergebnis. Ich streiche, was nicht nach mir klingt, und ergänze, was nur ich wissen kann. Bei Informationen suche ich die Primärquelle, also den ursprünglichen Bericht, die Studie oder die offizielle Statistik, und prüfe, ob die Aussage zu meinem Kontext passt. Meine Regel: Je überzeugender ein Ergebnis aussieht, desto genauer schaue ich hin.
Ich möchte KI nicht verteufeln. Sie liefert mir einen ersten Entwurf, wenn mir die Worte fehlen, sortiert Ideen und bringt Gedanken auf den Punkt. Auch bei Veranstaltungsplakaten stört mich nicht die KI an sich, sondern das Schema: Kalendersymbol, knackige Bullet-Points, beeindruckendes KI-Bild, und ich schalte innerlich ab. Ein holpriger Satz, der dafür ehrlich ist, sagt dem Empfänger oft mehr als ein makelloser.
Denn ein perfekter Text ist nicht automatisch ein guter, ein überzeugendes Ergebnis nicht automatisch richtig und eine schöne Karte noch lange nicht persönlich. KI darf uns Arbeit abnehmen. Denken, prüfen und persönlich werden sollten wir nicht delegieren.
Quelle: Inspiration aus Modul I mit Dozent Markus Dobbelfeld
KI eingesetzt für: Struktur, Korrektur, Bildgenerierung
