Digitalisierung ist nichts für ältere Menschen – oder?

In vielen Lebensbereichen konnte durch Digitalisierung das Leben der Menschen vereinfacht werden. Doch an einer gewichtigen Gruppe der Gesellschaft – älteren Menschen – scheint diese Entwicklung vorbeizugehen. Dies, obwohl gerade auch Seniorinnen und Senioren durch die Digitalisierung an Selbstbestimmung und Lebensqualität dazugewinnen könnten. Woran liegt das und welche Möglichkeiten gibt es?

 

Digitalisierung als Mittel zur Erhöhung der Selbstbestimmung älterer Menschen

Erhalt der Gesundheit, Selbstbestimmung (insbesondere selbstbestimmtes Wohnen) und soziale Einbindung – diese Wünsche älterer Menschen liessen sich ideal durch digitale Lösungen unterstützen.

Es gibt viele Beispiele für altersgerechte Produkte: Smartphones mit grossen Tasten und integrierter Notruffunktion, intelligente Medizinschachteln, Schuhe mit integriertem GPS-Trackern oder gar Smart-Home-Systeme, die Licht, Heizung und Kühlschrank steuern.

Die Idee hinter diesen Lösungen ist es, mit Hilfe von digitalen Mitteln die Selbstbestimmung von älteren Menschen zu erhöhen und dadurch gesellschaftliche Teilhabe und ein erfüllteres Leben zu ermöglichen. Genutzt werden sie aber selten, und die Ursachen hierfür sind mannigfaltig.

Welche Gründe stehen der breiten Nutzung im Wege?

  • Überforderung bei der Bedienung und durch zu komplizierte Anleitungen.
  • Fehlendes Vertrauen in die neuen Technologien, den Datenschutz und die eigene digitale Kompetenz.
  • Angst vor Betrug oder davor, etwas kaputt zu machen.
  • Überforderung bei Nutzung von neuen Technologien, beispielsweise bei Bank- oder Fahrkartenautomaten.
  • Internetzugang vor allem in Altenheimen und Wohnanlagen noch nicht selbstverständlich.
  • Stigmatisierung durch seniorengerechte Produkte. Bei der Entwicklung wird der Fokus oft auf negative Aspekte des Alters und auf stereotypische Annahmen über ältere Menschen gelegt. Anders ausgedrückt: Habe ich ein seniorengerechtes Handy, sieht jede:r, dass ich alt bin.

Was es braucht: geschickte Produktausgestaltung sowie Unterstützung durch seniorenorientierte Plattformen und Assistenz

Um eine breitere Akzeptanz zu erreichen, müssen intuitiver verständliche Techniken entwickelt werden. Dabei ist es notwendig, auch auf die Bedürfnisse der Seniorinnen und Senioren einzugehen. Produkte müssen einfach bedienbar und ästhetisch ansprechend sein. Statt primär für ältere Menschen konzipiert zu werden, können bereits etablierte digitale Lösungen so angepasst werden, dass sie auch von älteren Menschen genutzt werden können. Ein erklärtes Ziel sollte sein, dass jede:r digitale Produkte selbst bedienen und instand halten kann.

Ältere Menschen brauchen Assistenz, um Hemmschwellen und fehlende Kenntnisse zu überwinden. Sie stehen der Technik nämlich nicht grundsätzlich nur skeptisch gegenüber oftmals fehlt es an einer Begleitung bei den ersten Schritten. Mit einer solchen Begleitung können positive Erfahrungen generiert und Ängste abgebaut werden.

Eine weitere Chance könnten Plattformen bieten, auf denen vertrauenswürdige und geprüfte Angebote wie spezielle Apps, Lernvideos und Vernetzungsmöglichkeiten gebündelt werden. Damit wird eine sichere Umgebung geschaffen, in der sich ältere Menschen im Netz bewegen können.

Ist dies nicht nur ein kurzfristiges Generationsproblem?

Schon die Babyboomer kommen mit Technologie gut zurecht. Daraus zu schliessen, dass sich im Bereich für altersgerechte Digitalisierung nichts ändern muss, wäre zu kurz gedacht. Obschon Hemmschwellen und Ängste abnehmen werden, haben ältere Menschen dennoch andere Bedürfnisse: Zum einen nehmen die körperlichen Beeinträchtigungen im Alter zu, zum anderen bleibt das Schritthalten mit dem digitalen Wandel generell eine Herausforderung. Digitalisierung muss darum auch ältere Menschen einschliessen.

Weiterführende Links zum Thema

  • Ein breites Angebot an Produkten findet sich bei der GGT (Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik).
  • Ein speziell für Seniorinnen und Senioren entworfenes Tablet bietet der SPITEX-Verband des Kantons Bern an.
  • Die HSLU selbst hat getestet, ob eine digitale Assistentin helfen kann, der sozialen Isolation während Corona entgegenzuwirken.
  • Der achte Altersbericht der deutschen Bundesregierung beschäftigt sich mit dem Thema der digitalen Teilhabe und (digitalen) Exklusion im Alter.
  • seniorweb.ch ist eine multimediale Kommunikationsplattform für Seniorinnen und Senioren.
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Clément Dupin

Clément Dupin ist Leiter Innovation Center bei der BKW Energie AG und bloggt aus dem Unterricht des CAS Digital Business Innovation. Er interessiert sich für das Thema Digitalisierung und die unterschiedlichen Anwendungsgebiete und Möglichkeiten der Digitalisierung.

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