In einer Arbeitswelt, die sich rasant in Richtung Agilität und Sinnstiftung entwickelt, stossen klassische Führungsinstrumente an ihre Grenzen. Besonders deutlich wird dies bei der Leistungsbeurteilung. Während viele Unternehmen noch an starren Skalen festhalten, zeigt die Praxis: Wer Zahlen durch echte Worte ersetzt, gewinnt.
Wie fühlen Sie sich, wenn Ihr Vorgesetzter Ihre Kommunikationskompetenz mit 6 von 9 Punkten bewertet? Bei der Bank WIR trafen wir vor fünf Jahren die strategische Entscheidung, unsere traditionelle 9er-Bewertungsskala komplett abzuschaffen und durch ein rein qualitatives System zu ersetzen.
Als Leiter Strategie & Unternehmensentwicklung bei der Bank WIR habe ich diesen Transformationsprozess von der ersten Konzeption bis zur kulturellen Verankerung eng begleitet.
Menschenzentriert statt zahlenfixiert
Im Rahmen des EMBA an der Hochschule Luzern beschäftige ich mich aktuell mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu moderner Führung. Qualitative Systeme sind kein «Nice-to-have», sondern eine Antwort auf den Wertewandel der Generationen Y und Z.
Zahlenbasierte Ratings suggerieren eine Objektivität, die es in der komplexen Wissensarbeit kaum gibt. Eine «6 von 9» in der Kategorie Kommunikation sagt wenig über die tatsächliche Leistung aus, erzeugt aber oft defensiven Rechtfertigungsdruck.
Qualitative Systeme hingegen rücken die individuelle Entwicklung und die intrinsische Motivation ins Zentrum. Anstatt sich in numerischen Einordnungen zu verlieren, entstehen echte Dialoge. Führungskräfte geben detailliertes Feedback zu spezifischen Stärken und benennen klare Wachstumsbereiche.
Trotzdem kein Selbstläufer
Trotz der klaren Vorteile war die Umstellung kein Selbstläufer. Ohne «harte» Kennzahlen besteht das Risiko einer höheren Subjektivität. Wir haben diese Schwächen jedoch gezielt gemildert: Durch strukturierte Feedback-Leitplanken und spezifische Trainings für Führungskräfte haben wir sichergestellt, dass die Beurteilungen fair, nachvollziehbar und vor allem vergleichbar bleiben. Ausserdem gibt es Unternehmensbereiche, etwa im Vertrieb, die neben qualitativen Zielen auch über quantitative Ziele verfolgen. Diese sind jedoch auf Team-Ebene angesiedelt und nicht auf Einzelpersonen.
Messbare Zufriedenheit
Kürzlich erhielt ich die Resultate unserer extern und anonym durchgeführten Befragung unter unseren Mitarbeitenden. Bei der Zufriedenheit schnitt unser qualitatives Bewertungssystem mit 89 von 100 möglichen Punkten ab – das ist branchenweit Platz 1. Dieser Fokus auf das «Wie» statt nur auf das «Was» stärkt das Vertrauen innerhalb der Teams und fördert eine Kultur des kontinuierlichen Lernens. Die Einführung qualitativer Bewertungssysteme ist ein Bekenntnis zu einer wertschätzenden Performance-Kultur. Für die Bank WIR war dieser Schritt der Schlüssel zu einer modernen Arbeitswelt. Doch Vorsicht: Ein solches System muss zur gelebten Unternehmenskultur passen. Entscheidend ist die Bereitschaft, Zeit in eine hochwertige Gesprächskultur zu investieren.

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