Wer kennt es nicht? Man möchte eine Besprechung über den Heilungsverlauf oder eine Impfberatung beim Hausarzt vereinbaren … «Das muss in der Praxis mit dem Arzt besprochen werden», heisst es dann oft am Telefon. Auch bei der Online-Terminvereinbarung können grundsätzlich nur Vorortermine gebucht werden. Telemedizinische Lösungen wie Telefon- oder Videokonsultationen? Fehlanzeige! Eine Übersicht der Hürden und Chancen einer zukünftigen telemedizinischen Hausarztversorgung.
Seit fast 30 Jahren habe ich Einblick in die Abläufe der Hausarztmedizin und kann bestätigen, dass sich seither viele Prozesse verändert und auch digitalisiert haben. Das Setting der Arzt-Patienten-Kommunikation hat sich dabei jedoch kaum verändert. Immer noch finden Termine beim Hausarzt fast ausschliesslich im Arztzimmer vor Ort statt.
Was ist Telemedizin?
Telemedizin ist Medizin, welche aus der Ferne mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien durchgeführt wird. Ihr Anwendungsbereich erstreckt sich von der Prävention und Diagnose bis hin zur Nachsorge. Viele Anbieter im Gesundheitssektor mit präventiven oder beratenden Tätigkeiten wenden diese Dienstleistungen bereits an. Allen voran gibt es bei den Krankenkassen viele telemedizinische Angebote. In der Hausarztmedizin ist dies nur spärlich zu finden.
Was beinhaltet eine Konsultation beim Hausarzt?
Eine Konsultation folgt einem strukturierten und allgemein geltenden Ablauf mit Anamnese (Krankengeschichte), klinischer Untersuchung (abhören, abtasten), Diagnostik (z. B. Labor, Röntgen, EKG), Beurteilung (Diagnose, Beratung), Therapie (Medikamente) und Procedere (Überweisungen, weitere Kontrollen). Diese standardisierte Abfolge wird sich auch in Zukunft nicht grundlegend verändern. Gerade Patienten mit akuten und körperlichen Beschwerden müssen sich von einem Arzt physisch untersuchen lassen. Was sich aber stark verändert hat, sind die Bedürfnisse der Patienten. Sie setzen nun vermehrt auf Prävention, möchten psychosoziale Beratungen, Besprechung der Ergebnisse und Einschätzungen über Therapien. Genau bei solchen Anliegen können telemedizinische Technologien wie eine Videokonsultation gut eingesetzt werden. Die Konsultationspunkte «Diagnostik» oder «klinische Untersuchung» können vernachlässigt werden.
Folgende Punkte sind bei der Umsetzung besonders zu beachten:
Von der FMH wurde im April 2025 das Merkblatt zur Durchführung von Telemedizin als Empfehlung erstellt und bietet einen sehr informativen Leitfaden für die Umsetzung in der Hausarztpraxis. Folgende Punkte sind dabei besonders zu beachten:
- Datenschutzbestimmungen (DSG) müssen eingehalten werden.
- Speicherung und Übermittlung von Dokumenten und Daten erfolgen verschlüsselt.
- Die eingesetzte Software muss sicher (2-Faktor-Authentifizierung) und gesetzeskonform sein (CE-Kennzeichnung).
- Überprüfung und Dokumentation der Einverständniserklärungen und Behandlung in der Krankengeschichte
- Gegenseitige Identifikation bei der Konsultation und Dokumentation.
- Klare interne Prozesse und Regelungen betreffend Triage und Behandlung.
Aus diesen Gründen ist die Telemedizin für die Zukunft unverzichtbar:
- Patientenzufriedenheit: Entfallen von Anfahrtswegen in die Praxis, keine Wartezeiten für Patienten im Wartezimmer, Termine können gut mit der Arbeit vereinbart werden. Dies alles ergibt eine klare Steigerung der Patientenzufriedenheit.
- Patientenversorgung: Gerade bei abgelegenen Regionen oder bei eingeschränkter Mobilität kann hier Abhilfe geschaffen und eine Versorgungsverbesserung erreicht werden.
- Infektionsschutz: Bei infektiösen Erkrankungen gibt es keine Ansteckungsgefahr beim Anfahrtsweg oder in der Praxis und gegenüber dem Personal.
- Mitarbeiterzufriedenheit: Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit und bessere Work-Life-Balance mit Homeofficemöglichkeiten für die Ärzte.
Darum scheitert es aktuell in der Praxis:
Vielen Hausarztpraxen sind kleine Player in der Gesundheitsversorgung und es fehlt oft an Geld. Eine digitale Lösung für die Telemedizin benötigt zusätzlich finanzielle und personelle MPA- und ICT-Ressourcen. Auch muss der gesamte Prozess neu erstellt und die Mitarbeiter entsprechend geschult werden. Ein Augenmerk ist dabei auf das Thema Missbrauch von AUF-Zeugnissen und Rezepten zu legen. Weil der Datenschutz in der Medizin als besonders schützenswert gilt, sind viele Hausärzte gegenüber neuen Technologien zurückhaltend eingestellt. Zudem können beim Abrechnungstarif Tardoc nur beschränkte Leistungen abgerechnet werden, im Gegensatz zur Vorortkonsultation. Gerade diagnostische Untersuchungen und Medikamente sind wichtige finanzielle Stützen in der Hausarztmedizin.
Trotz den vielen Hürden bin ich überzeugt, dass sich dieses Modell in der Zukunft etablieren wird, wenn auch in kleinen Schritten.
