Die Blockchain-Technologie hat sich in den vergangenen Jahren leise, aber konsequent ihren Platz in der Finanz- und Versicherungswelt erarbeitet. Was einst als technologische Spielwiese rund um Kryptowährungen galt, entwickelt sich heute zu einem ernstzunehmenden Infrastrukturbaustein für Versicherer, Vermögensverwalter und regulatorische Institutionen. Die Gründe dafür sind vielfältig: In einer Branche, die von komplexen Prozessen, sensiblen Daten und hohen regulatorischen Anforderungen geprägt ist, bietet Blockchain genau jene Eigenschaften, die bislang schwer zu erreichen waren – unveränderliche Datenhistorien, automatisierte Abläufe, transparente Register und ein effizienter Austausch zwischen verschiedenen Marktteilnehmern.
Besonders im Versicherungs- und Wealth-Management-Geschäft zeigt sich, wie stark die Technologie zur Modernisierung beitragen kann. Prozesse, die traditionell auf manuellen Prüfungen, Medienbrüchen und langen Abwicklungszyklen basieren, lassen sich über Smart Contracts digitalisieren und automatisieren. Damit werden Schadensabwicklungen schneller, Policen nachvollziehbarer und Transaktionen effizienter. Studien und Praxisberichte weisen darauf hin, dass sich durch Blockchain in bestimmten Prozessfeldern Kostenreduzierungen von bis zu 30 Prozent erzielen lassen – vor allem dort, wo repetitiver Aufwand, Fraud-Risiken oder aufwendige Abstimmungsprozesse dominieren.
Die Einsatzmöglichkeiten lassen sich grob vier Wertschöpfungsstufen zuordnen. Auf Produktebene entstehen etwa tokenisierte Fondsanteile, digitale Immobilienbeteiligungen oder sogar tokenisierte Versicherungsrisiken wie Cat Bonds, die Investoren und Versicherer auf neue Weise zusammenbringen. Hinzu kommen parametrische Versicherungsmodelle, die auf externe Datenquellen wie Wetter-Oracles zugreifen und Auszahlungen automatisch auslösen, sobald definierte Bedingungen eintreten.
Auf Prozessebene steht die Automatisierung im Vordergrund. Schadenregulierungen können ohne Medienbruch abgewickelt werden, Rückversicherungsnetzwerke teilen Daten ohne zentrale Instanz und Abwicklungsprozesse wie das Clearing und Settlement lassen sich nahezu in Echtzeit ausführen. In der Vermögensverwaltung bietet die Blockchain zusätzlich die Möglichkeit, Rebalancing-Mechanismen, Ausschüttungen oder Fondsregister direkt auf der Kette zu führen – ein Vorteil für Transparenz und Effizienz.
Technologisch spielt Blockchain ihre Stärken auch in den Bereichen Identität und Sicherheit aus. Self-Sovereign Identity (SSI) erlaubt es Kundinnen und Kunden, ihre Identitätsdaten selbst zu verwalten und nur ausgewählte Informationen freizugeben. Gleichzeitig können Know-Your-Customer- und Anti-Money-Laundering-Prozesse weitgehend automatisiert werden. Für den institutionellen Anlagebereich gewinnen Wallet‑basierte Custody-Lösungen an Bedeutung, insbesondere im Umgang mit tokenisierten Vermögenswerten. Oracles, also die Schnittstellen zwischen Blockchain und externen Datenquellen, ermöglichen darüber hinaus zuverlässige Echtzeitdaten für Versicherungs- oder Investmententscheidungen.
Die vierte Ebene betrifft Governance und Regulierung – ein Bereich, in dem Versicherer und Wealth Manager traditionell einen hohen Aufwand betreiben müssen. Automatisierte Audit Trails, fälschungssichere Datenhistorien und regulatorische Meldungen, die direkt auf der Blockchain entstehen, schaffen nicht nur Transparenz, sondern reduzieren auch Fehleranfälligkeit und Kontrollkosten. Besonders relevant sind diese Anwendungen im Kontext von ESG‑Reporting, Solvency‑II‑Anforderungen und den wachsenden europäischen Transparenzrichtlinien.
Für Versicherungsunternehmen wie Swiss Life ergeben sich daraus klare Vorteile: effizientere Abläufe, geringere Kosten, verbesserte Datenqualität und neue Produktmöglichkeiten. Kundinnen und Kunden profitieren von schnelleren Entscheidungen, transparenten Verträgen und einer erheblich vereinfachten Interaktion – vom Onboarding bis zur Leistungsabwicklung. Gleichzeitig entsteht eine Infrastruktur, die für die digitalisierte Vorsorge- und Finanzwelt von morgen unverzichtbar sein wird.
Blockchain ist damit keine Zukunftsvision mehr, sondern zunehmend betriebliche Realität. Viele Anwendungsfälle befinden sich zwar noch im Pilotstadium, doch die Richtung ist klar: Überall dort, wo Daten zwischen mehreren Parteien geteilt, Prozesse automatisiert oder regulatorische Anforderungen erfüllt werden müssen, bietet Blockchain einen strukturellen Mehrwert. Für Versicherer und Asset Manager ist es daher nicht die Frage, ob die Technologie relevant wird, sondern wie schnell sie in bestehende Geschäfts- und IT‑Strategien integriert werden kann. Blockchain ist damit nicht nur ein Innovationstreiber, sondern ein Schlüsselbaustein für die digitale Transformation der Branche.
