Stell dir vor: Du hilfst heute einer Nachbarin beim Einkaufen. Dafür erhältst du eine Stunde Zeitguthaben. In zwanzig Jahren, wenn du selbst Unterstützung im Alltag brauchst, kannst du dieses Guthaben einlösen – vielleicht für Hilfe im Garten oder bei einem Arztbesuch. Möglich macht das eine innovative Idee: Zeitvorsorge auf Basis der Blockchain-Technologie.
Zeitvorsorge: Was ist das?
Zeitvorsorge ist ein System, in dem Menschen ihre Zeit investieren, um anderen zu helfen, und dafür Zeitguthaben sammeln. Diese können sie später, wenn sie selbst Unterstützung benötigen, wieder einlösen – etwa für Gesellschaft, Begleitung oder Alltagshilfe (z. B. Spazieren, gemeinsames Essen, Einkaufen, Hilfe am PC, Fahrdienst, Gartenarbeit).
Warum braucht es Zeitvorsorgesysteme?
Zeitbanken und Zeitvorsorgesysteme gibt es bereits (z.B. Stiftung Zeitvorsorge). In Japan ist das Fureai Kippu-System seit Jahrzehnten erfolgreich und verbessert die Versorgung älterer Menschen spürbar. Auch in der Schweiz werden die Menschen immer älter. Zeitguthaben ermöglichen es, länger in der eigenen Wohnung zu bleiben und einen Umzug ins Pflegeheim hinauszuzögern. Zudem kann Zeitvorsorge der zunehmenden Einsamkeit entgegenwirken – soziale Isolation betrifft laut der World Health Organization WHO (Social Isolation and Loneliness) nicht nur ältere Menschen.

Herausforderungen der klassischen Zeitvorsorge
Es wäre zu begrüssen, wenn auf Bundesebene ein Zeitvorsorgesystem (allenfalls als 4. Säule) eingeführt würde. Die Stellungnahme des Bundesrates zum Postulat 19.4038 hat jedoch gezeigt, dass auf Bundesebene keine weiteren Arbeiten im Zusammenhang mit der Zeitvorsorge geplant sind. Da jedoch viele Gemeinden den Verwaltungsaufwand sowie die zusätzlichen Kosten, die mit der Verwaltung der Zeitguthaben und einer allfälligen Zeitgarantie verbunden sind, scheuen, ist ein flächendeckend funktionierendes Zeitvorsorgesystem derzeit nicht absehbar.
Die Blockchain als Lösung?
Angesichts der demografischen Entwicklung und der Herausforderung klassischer Zeitvorsorgesysteme rückt die Suche nach innovativen Lösungen in den Fokus. Die Digitalisierung eröffnet hier neue Möglichkeiten, insbesondere durch Technologien wie die Blockchain. Die Blockchain-Technologie bietet Eigenschaften, die viele Herausforderungen in Bezug auf ein Zeitvorsorgesystem lösen könnte:
- Dezentralisierung: Die Zeitguthaben werden nicht von einer zentralen Stelle, sondern von einem Netzwerk aus vielen Computern verwaltet. Das erhöht die Ausfallsicherheit und reduziert Abhängigkeiten.
- Transparenz und Unveränderbarkeit: Jede geleistete Stunde wird als Transaktion auf der Blockchain gespeichert. Nachträgliche Manipulationen sind ausgeschlossen.
- Vertrauen durch Technik: Die Transaktionen werden nicht von einer zentralen Stelle (z.B. Gemeinde), sondern von der Community validiert.
- Automatisierung durch Smart Contracts: Regeln wie Auszahlungsbedingungen oder Verfall von Guthaben können automatisiert werden.
- Kosten: Ist das System einmal eingerichtet, verursacht es kaum laufende Kosten.
Wie könnte ein Blockchain-basiertes Zeitvorsorgesystem aussehen?
Eine denkbare Umsetzung könnte folgende Merkmale aufweisen:
- Digitales Zeitguthaben: Jede Person erhält ein Anfangsguthaben (Zeit). Jede Transaktion wird als Token auf der Blockchain gespeichert.
- Wallets: Jede Person verfügt über eine digitale Brieftasche für ihr Zeitguthaben.
- Smart Contracts: Diese digitalen Verträge automatisieren die Übertragung und Einlösung von Zeitguthaben.
- Transparente Historie: Alle Transaktionen sind nachvollziehbar, aber persönliche Daten bleiben geschützt.
- Geschlossenes System: Die Tokens sollen nie gegen Geld getauscht werden können.
Fazit und Ausblick:
Um ein einfaches und lokal oder schweizweit funktionierendes Zeitvorsorgesystem mit minimalem Verwaltungsaufwand zu ermöglichen, könnten Zeitguthaben auf einer Blockchain gespeichert werden. Die Verbindung von Zeitvorsorge und Blockchain zeigt, wie neue Technologien gesellschaftlichen Mehrwert schaffen könnten. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, benutzerfreundliche und rechtssichere Lösungen zu entwickeln und die Community von den Vorteilen zu überzeugen. Ein sinnvoller nächster Schritt wäre ein Pilotprojekt in einer Schweizer Gemeinde, um praktische Erfahrungen zu sammeln und die Akzeptanz zu testen.
Wie findest du diese Idee? Würdest du ein solches System nutzen? Teile deine Meinung in den Kommentaren!
