Im Bauwesen ist die Rollenverteilung klar. Der Architekt entwirft, der Statiker prüft, ob das Ganze hält. Beide sind unverzichtbar, und ihre Reihenfolge ist kein Zufall: Erst entsteht die Idee, dann wird sie tragfähig gemacht. In der Enterprise-Architektur wird diese Reihenfolge allzu oft umgedreht.
Ein paar Gedanken darüber, warum wir in der Enterprise-Architektur zuerst an Möglichkeiten denken sollten und erst danach an Grenzen.
Architekten als übergreifende Alleswisser
In der Enterprise-Architektur wird erwartet, dass man das gesamte Unternehmen versteht. Das ist eine ziemlich grosse Erwartung. Frameworks wie TOGAF zeigen, wie breit dieses Feld ist: Systeme, Daten, Schnittstellen, organisatorische Strukturen, rechtliche Vorgaben und strategische Ziele. All diese Bereiche gilt es miteinander in Einklang zu bringen und sicherzustellen, dass am Ende alles zusammenpasst. Gleichzeitig soll Innovation gefördert, neue Trends aufgegriffen und das Unternehmen am Puls der Zeit gehalten werden.
Die Einschränkungen beginnen schon bei der Methode und dem Framework, die bereits Struktur und Vorgehensweise vorgeben. Jeder Bereich bringt zudem eigene Spielregeln und Rahmenbedingungen mit. Viele dieser Einschränkungen haben weniger mit Notwendigkeit als mit Gewohnheit zu tun: starre Prozesse, knappe Ressourcen, ein „Das haben wir schon immer so gemacht“ vom Fach oder eine IT, die sich schlichtweg weigert. Zwar steht laut Framework die Vision am Anfang, doch in der Realität fliessen unbewusste Annahmen und Vorurteile oft schon von Beginn an mit ein. So entsteht ein enges Korsett, noch bevor die erste Idee auf dem Papier steht.
Strukturen sind wichtig, aber nicht der Anfang
Strukturen lassen sich nicht vermeiden und sind an vielen Stellen sinnvoll. Entscheidend ist, zwischen echten, oft rechtlich verankerten Vorgaben und selbst auferlegten Hürden zu unterscheiden. Datenschutz beispielsweise ist rechtlich verbindlich, lässt aber durchaus Spielraum bei der konkreten Umsetzung. Anders sieht es bei etablierten Kommunikations- und Kollaborationsformen im Unternehmen aus. Hier bestimmen oft Gewohnheit und Verbreitung, wie gearbeitet wird. Während beim Datenschutz die Anforderungen eingehalten werden müssen, sind bestehende Arbeitsweisen nicht zwingend vorgegeben. Trotzdem werden beide im Architekturprozess häufig als gleichermassen unveränderbar betrachtet. Solche gewachsenen Strukturen dürfen den Gestaltungsprozess nicht von vornherein einengen.
Dabei geht es nicht darum, Rahmenbedingungen zu ignorieren, sondern vielmehr um die Frage, wann sie im Architekturprozess betrachtet werden. Denn die Erwartungen an die Architektur sind widersprüchlich. Sie soll alle Strukturen berücksichtigen und gleichzeitig etwas ganz Neues schaffen. Gestaltung und Konformität stehen damit in einem echten Zielkonflikt. Wer also zuerst alle Einschränkungen sammelt und erst dann plant, erhält am Ende vor allem eines: ein sicheres Abbild des Status quo.
Warum Gestaltung Vorrang haben sollte
Ohne Zielbild gibt es keine Veränderung. Veränderung entsteht aus der Differenz zwischen Ist und Soll. Wer kein Zukunftsbild definiert, kann diese Differenz weder beschreiben noch gestalten. Erst wenn man weiss, wohin man möchte, kann man die ersten Schritte in die richtige Richtung tun.
Rahmenbedingungen sind schnelllebig. Was heute als unverrückbar gilt, kann morgen überholt sein, etwa durch neue Technologien, neue Regulierungen oder Organisationsformen. Wer seinen Lösungsraum vorschnell an aktuellen Rahmenbedingungen ausrichtet, baut Grenzen ein, die es bald vielleicht nicht mehr gibt.
Gleichschaltung kostet den Vorsprung. Wenn sich alle an dieselben Methoden halten, gleiche Einschränkungen akzeptieren und dieselben Best Practices leben, sehen am Ende alle Lösungen gleich aus. Vorsprung entsteht dort, wo jemand den Mut hat, vom bekannten Weg abzuweichen. Das heisst nicht, jeden Trend aufzugreifen oder grundsätzlich gegen bestehende Ansätze zu arbeiten, sondern vorerst eigene Lösungsräume zu schaffen und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Erst entwerfen, dann prüfen
Ein guter Statiker macht ein Gebäude sicher und realisierbar, aber er entwirft es nicht. Dieses Verhältnis gilt es auch in der Enterprise-Architektur zu bewahren. Zuerst braucht es den Mut zum Entwurf und ein klares Bild davon, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll. Danach erst wird geprüft, was trägt, was angepasst werden muss und welche Leitplanken unverhandelbar sind.
Wir sind Architekten, keine Statiker. Und das ist gut so.
Dieser Blogbeitrag wurde mit Unterstützung von KI erstellt. KI eingesetzt für: Sprache/Korrektur, Bildgenerierung
