Ein Entscheid in Minuten, ein Prozess von 3,5 Stunden: Was im psychiatrischen Pikettdienst schiefläuft

Entscheidungen im psychiatrischen Pikettdienst müssen oft schnell getroffen werden. Doch der eigentliche Zeitverlust liegt nicht in der klinischen Einschätzung, sondern in den Abläufen. Ein konkreter Fall zeigt, wo Prozesse versagen und wie Digitalisierung hier ansetzen sollte.

3,5 Stunden trotz klarem Entscheid

Pikettdienst (Einsätze ausserhalb der regulären Arbeitszeiten) in der Psychiatrie, später Abend: Eine Jugendliche nach Intoxikation mit Beruhigungsmitteln in suizidaler Absicht auf dem Erwachsenennotfall eines Spitals. Noch vor dem Ausrücken kläre ich telefonisch ab, ob ein stationärer Platz frei ist, bereits erfolgt. Erste Doppelspurigkeit.

Vor Ort erfolgt die Suizideinschätzung: Die Patientin ist aktuell nicht zuverlässig beurteilbar (aktuelle Einschätzung ihrer Sicherheit ist unsicher), eine stationäre Aufnahme ist indiziert. Alle Beteiligten sind einverstanden. Der Entscheid steht früh und trotzdem dauert der gesamte Einsatz 3,5 Stunden.

Nicht die klinische Entscheidung war die Herausforderung, sondern deren Umsetzung. Solche Situationen erlebe ich regelmässig und jedes Mal stellt sich die gleiche Frage: Warum dauert ein klarer Entscheid prozessual so lange?

Wo Zeit verloren geht

Unklare Zuständigkeiten

Wer übernimmt was? Aufgaben wie Koordination oder Dokumentation werden situativ weitergegeben. Rückfragen entstehen, Verantwortlichkeiten bleiben diffus.

Analoge Informationsflüsse

EKG und Laborwerte liegen auf Papier vor. Der Zugriff für andere Beteiligte ist umständlich und kostet Zeit.

Telefon statt Transparenz

Die Kommunikation läuft primär telefonisch. Schnell, aber nicht nachvollziehbar. Informationen müssen mehrfach weitergegeben werden.

Unstrukturierter Eintritt auf die psychiatrische Station

Auf der Station: Papierformulare, verzögerte Information der Eltern, kein klar definierter Ablauf.

Erkenntnisse aus dem CAS Digital Healthcare

Im CAS wurde deutlich: Solche Situationen sind systemische Schwächen. Der Begriff Patient Flow beschreibt die gezielte Steuerung von Patientenprozessen über Stationen und Beteiligte hinweg. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Patientenfluss). Optimale Versorgung scheitert selten an Kompetenz, sondern an Prozessen und Schnittstellen.

Studien zeigen, dass ineffiziente Abläufe und Medienbrüche zentrale Ursachen für Verzögerungen im Gesundheitswesen sind und durch digitale Lösungen verbessert werden können (vgl. https://www.ncbi.nml.nih.gov/pmc/articles/PMC6506550/).

Auch die World Health Organization betont, dass digitale Gesundheitslösungen insbesondere dann wirksam sind, wenn sie Prozesse strukturieren und Informationsflüsse verbessern (vgl. https://www.who.int/publications/i/item/9789240020924).

Digitalisierung bedeutet dabei nicht «mehr Tools», sondern bessere Abläufe. Informationen, Zuständigkeiten und nächste Schritte werden in Echtzeit sichtbar. Besonders im Pikettdienst, unter Zeitdruck und Unsicherheit, ist das entscheidend.

Kleine Hebel, grosse Wirkung

Gemeinsames zentrales Dashboard im KIS:

Alle sehen Status, nächste Schritte und Zuständigkeiten.

Ziel: Weniger Doppelspurigkeiten, besserer Patient Flow.

Digitale standardisierte Aufnahme-Workflows im Pikettdienst

Klare, kurze Abläufe geben Orientierung.

Ziel: Entlastung in stressigen Situationen.

Nachvollziehbare Kommunikation

Kurze schriftliche Updates statt reiner Telefonketten.

Ziel: Alle bleiben auf dem gleichen Stand.

Direkter Zugriff auf Befunde

EKG, Labor und Vorinformationen digital verfügbar.

Ziel: Weniger Verzögerung, weniger Fehler.

Digitaler Eintrittsprozess

Keine Medienbrüche bei Aufnahme und Einverständnissen.

Ziel: Schnellerer Start der Behandlung.

Klare Zuständigkeiten

Für alle sichtbar.

Ziel: Weniger Rückfragen, weniger Leerlauf.

Zentrale Botschaft

Effizienz entsteht nicht durch schnellere Einzelne, sondern durch bessere Systeme. Wenn der Entscheid klar ist, darf der Weg dorthin nicht unnötig Zeit kosten.

Ein Denkanstoss

Wie oft verzögert sich ein klarer Entscheid durch fehlende Übersicht, Medienbrüche oder unklare Abläufe? Welche digitalen Schritte würden in Ihrem Alltag sofort spürbar entlasten?

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Patrizia Götz

Patrizia Götz besucht den CAS Digital Healthcare an der Hochschule Luzern. Sie arbeitet in der neuropsychologischen Fachsprechstunde einer ambulanten Kinder- und Jugendpsychiatrie und betreut im Aufgabenbereich auch psychiatrische Notfälle im Pikettdienst. Zudem ist sie tätig als Lehrbeauftragte im Rahmen des Joint Medical Master der Universität Zürich und Luzern. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie digitale Lösungen klinische Prozesse und den Patient Flow sinnvoll unterstützen können.

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