Digitalisierung im Bau scheitert nicht an den Mitarbeitenden

Digitale Tools gibt es im Bau inzwischen genug. Apps, Plattformen, BIM, Dashboards. Trotzdem bleibt der Nutzen oft überschaubar. Aus meiner Erfahrung liegt das Problem selten bei den Mitarbeitenden, sondern bei der Führung, Kultur und Organisation. Denn Digitalisierung wirkt nur dort, wo sie konsequent vorgelebt und priorisiert wird.

Wenn Digitalisierung vorschnell den Mitarbeitenden zugeschrieben wird

In vielen Bauunternehmen höre ich ähnliche Aussagen: «Die Mitarbeitenden ziehen nicht mit», «Das Tool wird nicht richtig genutzt» oder «Digitalisierung funktioniert bei uns einfach nicht». Diese Einschätzungen greifen jedoch zu kurz. Wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass die meisten Mitarbeitenden durchaus bereit sind, digitale Werkzeuge zu nutzen, sofern diese sinnvoll in den Arbeitsalltag integriert sind und einen erkennbaren Mehrwert bieten. Widerstand entsteht meist dort, wo Digitalisierung zusätzlichen Aufwand erzeugt oder ihr Nutzen unklar bleibt.

Der Baualltag lässt wenig Raum für Nebenaufgaben

Der Baualltag ist geprägt von hohem Termindruck, Kostenverantwortung und kurzfristigen Entscheidungen. In diesem Umfeld konkurrieren digitale Arbeitsweisen ständig mit vermeintlich dringenderen Themen. Wird Digitalisierung von der Führung nicht sichtbar priorisiert, wird sie zur Nebenaufgabe. Und Nebenaufgaben haben auf der Baustelle bekanntlich einen schweren Stand. Was heute nicht zwingend ist, wird auf morgen verschoben und gerät damit schnell in Vergessenheit.

Digitale Tools ohne organisatorische Veränderung

Ein zentrales Problem liegt darin, dass digitale Tools häufig eingeführt werden, ohne Arbeitsweisen und Strukturen konsequent zu verändern. Bestehende analoge Prozesse werden digital abgebildet, aber nicht neu gedacht. Dies geschieht oftmals, weil zu wenig Inputs aus der Business-Seite in Entscheidung und Evaluation einfliessen, unter anderem aufgrund fehlender interdisziplinärer Teams. Beispielsweise werden Dateien zwar digital abgelegt, Entscheidungen jedoch weiterhin per Telefon oder WhatsApp getroffen. Informationen existieren mehrfach, Verantwortlichkeiten bleiben unklar und am Ende weiss niemand mehr, welche Version gültig ist. Der versprochene Effizienzgewinn bleibt aus.

Dieses Phänomen lässt sich gut mit dem sogenannten SAMR Modell erklären. Es beschreibt vier Stufen der Digitalisierung: Substitution, Augmentation, Modification und Redefinition. In vielen Bauunternehmen verbleibt Digitalisierung auf den unteren Stufen. Digitale Werkzeuge ersetzen Papier oder verbessern bestehende Abläufe leicht, ohne die Zusammenarbeit oder Entscheidungsprozesse grundlegend zu verändern. Der Schritt zu neuen, kollaborativen Arbeitsweisen findet selten statt, da er bestehende Routinen und etablierte Entscheidungslogiken infrage stellt.

SAMR-Modell
SAMR Modell DigiLeB in Anlehnung an Ruben R. Puentedura, 2006
Befähigung statt einmaliger Schulung

Digitale Werkzeuge entfalten ihren Nutzen zudem nur dann, wenn Mitarbeitende ausreichend befähigt werden, sie sicher und routiniert einzusetzen. Punktuelle Schulungen reichen dafür selten aus. Entscheidend ist kontinuierliches Lernen im Arbeitsalltag, unterstützt durch klare Erwartungen, Zeit für Anwendung und eine Führung, die Lernprozesse aktiv begleitet.

Führung entscheidet über Verbindlichkeit

Genau hier kommt Führung ins Spiel. Führung entscheidet, ob digitale Werkzeuge verbindlich genutzt werden oder optional bleiben. Ob Standards definiert, kommuniziert und eingehalten werden, ob eine Kultur des ständigen Lernens etabliert ist und ob man selbst mit gutem Beispiel vorangeht oder digitale Prozesse im Alltag umgeht. Mitarbeitende orientieren sich weniger an Richtlinien als am Verhalten ihrer Vorgesetzten. Wird digital gearbeitet, ziehen andere nach. Wird dies nicht konsequent vorgelebt, bleibt Digitalisierung Theorie.

Mein Fazit

Aus meiner Sicht ist Digitalisierung deshalb kein IT-Projekt, sondern eine Führungsaufgabe. Sie beginnt nicht mit der Auswahl eines Tools, sondern mit grundlegenden Fragen: Wie wollen wir zusammenarbeiten? Was wollen wir erreichen? Wer sind unsere internen Ansprechpersonen? Und wie gelingt es, digitale Arbeitsweisen auch dann einzuhalten, wenn es hektisch wird und der Druck steigt?

Weiteres zur Digitalisierung im Bauwesen:

https://www.bearingpoint.com/de-ch/insights-events/insights/digitales-bauen-in-der-schweiz  – Forschung zum Stand der Digitalisierung im Bau

https://baumeister.swiss/baumeister-5-0/digitalisierung/baumeister-5-0-konzept/ – Konzept der Digitalisierung im Bauwesen des Schweizer Baumeister Verband

 

 

 

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Jan Rüttimann

Jan Rüttimann besucht das CAS Chief Digital Officer an der HSLU und arbeitet als Leiter Informatik bei der Firma Estermann Baumanagement GmbH. In seiner Rolle beschäftigt er sich täglich mit der Frage, wie digitale Werkzeuge im Bau nicht nur eingeführt, sondern auch wirksam genutzt werden können.

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