Viele Unternehmen investieren derzeit intensiv in künstliche Intelligenz. Doch bedeuten neue KI-Tools automatisch einen Vorsprung? Der eigentliche Wettbewerbsvorteil entsteht jedoch nicht durch neue Tools, sondern wenn Prozesse, Zusammenarbeit und Wissen grundlegend neu organisiert werden.
Ich beobachte derzeit in vielen Unternehmen denselben Denkfehler: Bestehende Prozesse sollen mit KI schneller, günstiger oder effizienter gemacht werden. Doch häufig bleibt der Prozess dabei unverändert. Repetitive Tätigkeiten werden automatisiert, Meetings zusammengefasst oder Inhalte schneller erstellt. Das bringt kurzfristig Effizienzgewinne. Der eigentliche Wandel bleibt jedoch oft aus.
Eine aktuelle KOF-Studie der ETH Zürich zeigt, wie stark generative KI den Arbeitsmarkt bereits verändert, insbesondere in wissensintensiven Berufen wie Softwareentwicklung, IT oder Datenanalyse. Die Diskussion dreht sich deshalb stark um neue Technologien und künftige Kompetenzen. Was mir dabei häufig fehlt, ist ein vertieftes Verständnis für Prozesse und deren Zusammenhänge.
Digitalisierung ist kein Wettbewerbsvorteil, sondern Voraussetzung
Der Unterschied entsteht dort, wo Unternehmen beginnen, ihre Arbeitsweise grundlegend neu zu organisieren. Viele KMU dokumentieren Wissen beispielsweise noch immer manuell, verteilt über verschiedene Systeme und oft erst im Nachhinein. Genau hier entstehen neue Möglichkeiten.
Prompt vor dem Meeting: „Fasse die bisherigen Diskussionen zusammen, zeige offene Punkte und Entscheidungen und erstelle ein Briefing für das nächste Meeting.“
Besprechungen lassen sich heute automatisch transkribieren und strukturieren. Doch das alleine macht eine Organisation nicht zwingend effektiver. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn KI das nächste Meeting vorbereitet: Frühere Diskussionen werden zusammengefasst, offene Punkte priorisiert und relevante Entscheidungen automatisch eingebunden. Dadurch gehen Beteiligte besser vorbereitet in Gespräche, Diskussionen werden fokussierter und Entscheidungen bewusster getroffen.
Bestehende Abläufe wirklich verstehen
Genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Transformation. Nicht im Einsatz möglichst vieler KI-Tools. Sondern in der Fähigkeit, Prozesse, Rollen und Zusammenarbeit neu zu denken. Die KOF-Studie zeigt zudem, dass Unternehmen zunehmend Menschen suchen, die technologisches Verständnis mit Kontextwissen und Kommunikationsfähigkeit verbinden. Ich würde diese Liste um eine weitere Fähigkeit ergänzen: systemisches Prozessverständnis. Denn nur wer bestehende Abläufe wirklich versteht, erkennt auch, welche Teile sinnvoll unterstützt, vereinfacht oder vollständig neu organisiert werden können.
Im Executive MBA der Hochschule Luzern beschäftigen wir uns intensiv mit systemischem Management und vernetztem Denken. Gerade im Kontext von KI wird deutlich, wie relevant diese Perspektive wird: Unternehmen funktionieren nicht linear. Sie bestehen aus Beziehungen, Abhängigkeiten, Erfahrungen und gewachsenen Mustern. Deshalb werden erfolgreiche Führungskräfte künftig nicht einfach diejenigen sein, die KI-Tools beherrschen.
Erfolgreich werden jene sein, die Menschen, Prozesse und Technologie gemeinsam weiterentwickeln können. Denn KI ersetzt keine schlechten Prozesse. Sie macht sie nur schneller sichtbar.

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