Ich erinnere mich noch gut an eine Diskussion am Mittagstisch, kurz nachdem die Initiative lanciert wurde. «Die Schweiz wird bald zehn Millionen haben – das ist doch Fakt», sagte jemand. Ich habe kurz gezögert. Fakt? Eigentlich nicht. Die Zahl stammt aus einem Modell – einem sorgfältig erarbeiteten, aber eben einem Modell.
Wer täglich mit Daten arbeitet, weiss: Das ist ein grosser Unterschied.
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ab. Die Initiative knüpft politische Massnahmen an eine konkrete Bevölkerungszahl. Aber woher kommt diese Zahl und was steckt dahinter?
Vergangenheit verstehen, Zukunft modellieren
Im CAS Business Intelligence (BI) & Analytics lernen wir: BI schaut zurück und beschreibt – auf historische Daten, Dashboards und Kennzahlen. Analytics erklärt und schaut voraus. Das Softwareunternehmen Databricks bringt es auf den Punkt: BI beantwortet «Was ist passiert?», Analytics fragt «Was wird passieren – und was sollten wir tun?» (Databricks, 2025).
Die Bevölkerungsszenarien des Bundes leben genau in dieser Lücke dazwischen. Was bisher gemessen wurde – das ist BI. Was bis 2055 passieren könnte – das ist Analytics. Und genau dort lohnt sich ein genauerer Blick.
Woher kommt die 10-Millionen-Zahl?
Das Bundesamt für Statistik (BFS) stützt sich auf zwei Datenquellen: STATPOP (Bevölkerung und Haushalte) und BEVNAT (natürliche Bevölkerungsbewegung). Daraus entstehen alle fünf Jahre Szenarien – die neunte Serie erschien im April 2025.
Das Ergebnis ist bewusst kein einzelner Wert, sondern umfasst drei Szenarien: ein tiefes, ein mittleres (Referenzszenario) und ein hohes Szenario. Das Referenzszenario geht davon aus, dass die Schweiz die 10-Millionen-Grenze um 2040 überschreitet. Das tiefe Szenario hingegen weist ab 2043 sogar eine rückläufige Bevölkerung auf – und landet 2055 bei 9,3 Millionen. Das hohe Szenario rechnet mit 11,7 Millionen. Die Spannbreite ist also erheblich.
Die Initiative orientiert sich am mittleren Referenzszenario – dem plausibelsten laut BFS, aber eben einem von drei möglichen Szenarien.

Was steckt dahinter?
Das BFS rechnet mit drei Grössen, die niemand genau kennt:
Geburtenrate – diese liegt seit Jahrzehnten unter 2,1 und ist leicht sinkend. Klingt nach wenig? Über 25 Jahre summiert sich das zu Hunderttausenden von Menschen und dies führt direkt zu weniger Beitragszahlenden in der AHV, weniger Kindern in den Schulen und weniger Arbeitskräften in der Pflege.
Lebenserwartung – steigt, aber wie schnell? Je nachdem, was die Medizin in den nächsten Jahren leistet, verändert sich das Bild erheblich. Wer 2055 noch lebt, steht heute vielleicht noch mitten im Berufsleben und plant seine Pension auf Basis von Annahmen, die sich noch mehrfach ändern werden.
Migration – die grösste Unbekannte. Die Ukrainekrise 2022 schob die tatsächliche Bevölkerungszahl innerhalb weniger Monate über das damalige Referenzszenario hinaus. Kein Modell hatte das auf dem Radar.
Am Ende sitzen Fachleute aus Demografie, Wirtschaft und Soziologie zusammen, diskutieren, einigen sich auf Annahmen und diese Annahmen werden zu Kurven. Solide Arbeit. Aber keine Kristallkugel.
Was die Daten sagen – und was nicht
Das BFS ist da ehrlich: Die Szenarien sind «Wenn-Dann-Aussagen», keine Vorhersagen. Wenn die Geburtenrate stabil bleibt, wenn die Migration dem bisherigen Muster folgt, wenn keine grossen Schocks kommen – dann kommen wir 2040 auf 10 Millionen. Drei grosse Wenn.
Was die Modelle nicht liefern: eine Aussage zur Wahrscheinlichkeit der drei Szenarien. Das BFS sagt nicht, ob das Referenzszenario zu 90% eintritt oder zu 40%. Die Szenarien zeigen eine Bandbreite möglicher Entwicklungen, keine Rangliste nach Eintrittswahrscheinlichkeit. Das ist methodisch korrekt – aber für die öffentliche Debatte wichtig zu wissen.
Interessant ist auch der Blick auf die Altersstruktur: Laut BFS steigt der Anteil der über 65-Jährigen bis 2055 von 19% auf fast 26%. Weniger Erwerbstätige, mehr Rentnerinnen und Rentner – das spüren AHV und Gesundheitswesen, egal wie viele Menschen insgesamt in der Schweiz leben.
Daten als Grundlage – nicht als Antwort
Bevölkerungsszenarien sind ein unverzichtbares Planungsinstrument – für die Raumplanung, die AHV und die Infrastruktur. Sie zeigen, womit wir rechnen müssen, wenn bestimmte Annahmen zutreffen. Was sie nicht tun: politische Entscheide abnehmen. Das bleibt Aufgabe von Gesellschaft und Politik.
Die 10 Millionen sind möglich. Aber nicht sicher.
Genau das sollte man wissen – bevor man sich eine Meinung bildet. Was ist schon sicher?
Quellen: BFS Bevölkerungsszenarien 2025–2055 (bevoelkerungsszenarien.bfs.admin.ch) | Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» (admin.ch) | Databricks (2025): Business Intelligence vs. Analytik (databricks.com/de/blog/business-intelligence-vs-analytics)
Dieser Blogbeitrag wurde mit Unterstützung von KI erstellt.
