Noch vor wenigen Jahren reichte es, Strom in Kilowattstunden (kWh) zu messen und abzurechnen. Heute ist im Schweizer Stromnetz nicht mehr nur die Energiemenge entscheidend, sondern wann und wo sie genutzt wird. Photovoltaik, Elektromobilität, Speicher und Energiegemeinschaften machen Flexibilität zur zentralen Ressource und stellen Verteilnetzbetreiber vor neue Fragen der Abbildung, Vergleichbarkeit und Vergütung flexibler Beiträge.
Wie Dezentralisierung das Stromsystem verändert
Das Schweizer Stromsystem befindet sich in einer Transformation. Photovoltaik (PV), Eigenverbrauch, Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV), lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG), Batteriespeicher und die zunehmende Elektromobilität verändern die bisherige Trennung von Erzeugung und Verbrauch. Gleichzeitig steigt der Anteil erneuerbarer Energie. Die Stromflüsse im Verteilnetz werden dadurch volatiler.
Mit dem Ausbau der Photovoltaik wird ein wachsender Teil der Energie vor Ort genutzt oder gespeichert, wodurch Stromflüsse im Verteilnetz weniger sichtbar werden. Für Verteilnetzbetreiber (VNB) geraten klassische Planungsannahmen an ihre Grenzen. Netzengpässe entstehen vermehrt lokal und kurzfristig, gerade dort, wo viele dezentrale Akteur*innen gleichzeitig aktiv sind.
Warum Flexibilität wichtig wird
Flexibilität bezeichnet die Möglichkeit, Lasten zeitlich zu verschieben, wobei Einspeisungen oder Speicher temporär genutzt werden, um das Netz gezielt zu entlasten.
Flexibilität ist aber nicht überall erwünscht. Bei Anwendungen mit hohen Anforderungen an Verfügbarkeit und Leistung, wie bei öffentlicher Schnelladeinfrastruktur, sind flexible Eingriffe begrenzt. Gleichzeitig gibt es Zeitfenster, in denen Lasten verschoben werden können, ohne die Nutzung zu beeinträchtigen.
Technisch sind viele Voraussetzungen vorhanden. Smart Meter, steuerbare Verbraucher und Energiemanagementsysteme stehen zur Verfügung. In der Praxis stellen sich jedoch zentrale Fragen: Wie lassen sich flexible Beiträge eindeutig zuordnen? Wie können sie bewertet werden? Und auf welcher Basis erfolgt die Vergütung?
Wo Flexibilität entsteht
Im Schweizer Energiesystem entsteht Flexibilität durch verschiedene Quellen:
- ZEV / vZEV: Lokale Optimierung von Eigenverbrauch
- LEG: Erweiterung dieses Prinzips über mehrere Liegenschaften
- Technische Quellen: PV-Anlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Verbraucher deren Strombezug verschoben werden kann
Damit Flexibilität nutzbar wird, braucht es einen klaren Zeit- und Ortsbezug, belastbare Referenzwerte und eine eindeutige Zuordnung zum Netzbedarf.
Flexibilität als Ereignis
Energie wird in Kilowattstunden gemessen. Flexibilität entsteht dagegen ereignisbasiert. Eine Last wird verschoben, ein Speicher kurzfristig genutzt oder eine Einspeisung temporär begrenzt. Solche Beiträge sind zeitlich begrenzt, wirksam und kontextabhängig.
Abrechnungsmodelle sind häufig bilateral organisiert. Mit mehr dezentralen Akteur*innen steigen Aufwand und Skalierungsprobleme. In der Schweiz kommt die fragmentierte Struktur der Verteilnetzbetreiber hinzu. Dadurch fehlt heute eine gemeinsame, systemübergreifende Logik, um flexible Beiträge einheitlich zu erfassen, zu bewerten und zu vergüten.
Event-Token zur Abbildung von Flexibilität
Wird Flexibilität als Ereignis betrachtet, rückt der einzelne Moment in den Fokus: eine zeitlich begrenzte Lastverschiebung an einem bestimmten Punkt im Netz. Ein Event-Token kann diesen Moment festhalten.
Dabei geht es sich nicht um Kryptowährungen oder spekulative Token, sondern um die Dokumentation eines konkreten Flexibilitätsereignisses. Beispielsweise wird eine Lastverschiebung mit Ort, Zeitpunkt, Dauer und Leistung dokumentiert.
Ein Event-Token ersetzt keine physische Flexibilitätsquelle und greift nicht in den Netzbetrieb, sondern macht flexible Beiträge über Netzgebiete hinweg vergleichbarer.
Chancen und offene Fragen
Der Nutzen liegt in höherer Transparenz und einer vereinfachten Abwicklung. Event-Token können Abrechnungsprozesse stützen und Anreizmodelle ermöglichen.
Gleichzeitig bleiben regulatorische und organisatorische Herausforderungen bestehen. Die Messung von Flexibilität erfordert belastbare Referenzwerte, Governance, Interoperabilität, Datenhoheit und Regulierung.
Fazit
Vom kWh-Zähler zum Event-Token: Der Wandel im Stromsystem verlangt neue Formen, Flexibilität zu beschreiben und abzurechnen. Tokenisierung ist kein Allheilmittel, kann aber helfen, ereignisbasierte Beiträge in einem dezentralen Netz interoperabel abzubilden. Entscheidend sind nicht einzelne Technologien, sondern klare Rollen, geeignete regulatorische Rahmenbedingungen und Standards.
Weiterführende Links zum Thema
- Vorbild Energie und Klima (VEK) – Flexibilitäten im Stromnetz
- VSE – Flexibilität für ein resilientes und nachhaltiges Energiesystem
- Swissgrid – Netzentwicklung in der Schweiz
