Prognosemärkte funktionieren wie eine Börse für Ereignisse. Der Preis zeigt laufend, wie wahrscheinlich ein Ausgang zum aktuellen Zeitpunkt ist – von Abstimmung bis Zinsentscheid. Das Beispiel der E-ID Abstimmung (Bundesgesetz über den elektronischen Identitätsnachweis) vom 28. September 2025 verdeutlicht, was Polymarket als Informationsquelle leisten kann und wo die Grenzen liegen.
Vor wenigen Jahren habe ich durch Einbürgerung das Schweizer Bürgerrecht erworben. Ich schätze nicht nur die hohe Lebensqualität, Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität sowie die erstklassige Infrastruktur und Pünktlichkeit der SBB. Insbesondere habe ich seither noch nie einen Abstimmungstermin im Zuge der direkten Demokratie verpasst. Aber häufig bleibt bis zum Abstimmungssonntag nur ein Gefühl: Bis zur ersten Hochrechnung weiss man wenig.
Repräsentative Umfragen sollen helfen, sind aber nur Momentaufnahmen.
Prognosemärkte wie Polymarket bündeln Wissen, Meinungen und Intuition vieler Menschen in einem fortlaufenden Preis – wie bei einer Aktie, nur mit Ereignissen statt Unternehmen.
Polymarket kurz erklärt
– Prinzip: Wie eine Börse mit «Ja/Nein» Anteilen zu einem Ereignis
– Preislogik: 60 Cent bedeuten 60 Prozent Wahrscheinlichkeit
– Auszahlung: Tritt das Ereignis ein, wird ein Anteil zu 100 Cent ausbezahlt
– Technik: Die Trades laufen transparent auf der Blockchain
– Wichtig: Die Anteile sind jederzeit handelbar. Es muss nicht bis zur Auflösung gewartet werden.
Polymarket bietet eine Vielzahl an Märkten unterschiedlichster Kategorien: Politik, Wirtschaft oder Sport – aber auch zu Abstimmungen und Zinsentscheidungen in der Schweiz.
Von besonderer Bedeutung war der Markt zur Abstimmung über die E-ID:
Der E‑ID‑Krimi in Echtzeit
Mit Urnenschluss am 28. September 2025 gegen 12 Uhr schien sich der wochenlange und gemäss Umfragen fast sicher geglaubte «Ja»-Ausgang zu bestätigen. Ein «Ja»-Anteil kostete mittlerweile rund 95 Cent.
Kurz nach 12 Uhr kamen die ersten Resultate kleinerer Gemeinden: Uri, Schwyz und Obwalden hatten den elektronischen Identitätsnachweis abgelehnt. In wenigen Minuten kippte der Markt: Auf einmal lag «Ja» unter 50 Cent.
Ein erster Blick auf diese Zahlen konnte nur bedeuten: Die Umfragen lagen daneben. Bei näherer Betrachtung der Karte von VoteInfo mit der Dokumentation bereits ausgezählter Gemeinden zeigte sich jedoch: Die Ergebnisse von Zürich, Bern oder Genf fehlten noch. Als diese Resultate eintrafen, drehte der Markt und der «Ja»-Preis stieg erneut. Am Ende entschied der Souverän mit 21 266 Stimmen Differenz für die Annahme dieses fakultativen Referendums. Der «Ja»-Anteil wurde zu 1 Dollar ausbezahlt, während «Nein» wertlos verfiel.
Welche Erkenntnis ergibt sich aus diesem Beispiel?
- Umfragen sind zentral. Stichprobe und Verteilungsfunktion bieten Angriffsvektoren.
- Polymarket ist dezentral, laufend aktuell und handelbar. Wer handelt, setzt eigenes Geld ein, was der Entscheidungsqualität und Validität zuträglich ist.
- Region zählt: Früh publizierte Resultate kommen oft aus kleineren Gemeinden, die schneller ausgezählt sind. Vor allem bei Themen mit ausgeprägtem Stadt-Land-Gefälle kann das die Stimmung vorübergehend verzerren.
- Umfragen bleiben Momentaufnahmen (z. B. SRG-Umfrage, YouGov-Barometer). Ein fortlaufender Trend bietet mehr Aussagekraft als der letzte absolute Wert.
- Preis ist ein Signal, aber kein Versprechen: Wer «Ja» bei 50 Cent kaufte, lag später goldrichtig – hätte aber bei einem Nein alles verloren. Eine Begrenzung von Verlusten oder die Adjustierung der Positionsgrösse sind nicht nur bei Prognosemärkten essentiell. Jedoch tritt in diesen Märkten der Totalverlust ein, wenn man falsch liegt und nicht reagiert. Das ist anders als bei Aktien, die selten direkt auf 0 fallen.
Schweiz & Recht
Das Bundesgesetz über Geldspiele verbietet das Anbieten nicht bewilligter Online-Geldspiele.
Für Spielende ist die Lage aber anders: Laut Merkblatt des Bundesamtes für Justiz macht sich nicht strafbar, wer als Spielerin oder Spieler nicht bewilligte Online-Angebote nutzt.
Wichtig im Alltag: Die Interkantonale Geldspielaufsicht Gespa sperrt Domains solcher Angebote: Polymarket.com steht seit 26. November 2024 auf der DNS-Sperrliste. Der direkte Zugriff kann deshalb bei Schweizer Internetanbietern blockiert sein.
Fazit
In der Schweiz, dem Land der direkten Demokratie, fühlt sich das Konzept von Prognosemärkten besonders vertraut an. Prediction Markets sind aus meiner Sicht die demokratischste Form des Forecastings. Sie verwandeln Bauchgefühl, Behauptungen und Bias in rund um die Uhr handelbare Wahrscheinlichkeiten. Wer hier agiert, zeigt echten Einsatz im doppelten Sinne. Genau dieses Prinzip schafft die präzisesten kollektiven Prognosen unserer Zeit.
