Der schwierigste Moment einer Kündigung ist selten das Gespräch selbst. Schwieriger ist die Zeit davor. In meinem Führungsalltag erlebe ich immer wieder, wie eine Zusammenarbeit langsam an Vertrauen verliert. Wie ein Seil, das irgendwann nicht mehr zuverlässig trägt.
Beginnen wir mit einem fiktiven Beispiel: Anna ist Teamleiterin, Lars arbeitet als Mitarbeiter in ihrem Team. Seit einiger Zeit spürt Anna, dass etwas nicht mehr stimmt. Aufgaben bleiben liegen, Abmachungen werden nicht eingehalten und Rückmeldungen aus dem Team werden zunehmend kritischer. Die Zusammenarbeit wird anstrengender.
Anna möchte fair bleiben. Führung bedeutet nicht, vorschnell zu urteilen. Also bleibt sie im Gespräch mit Lars, hört zu und versucht zu verstehen, was hinter den einzelnen Situationen steckt. Doch mit der Zeit entstehen immer mehr Knoten im Seil der Zusammenarbeit. Das Vertrauen in die Person nimmt ab. Auch das Team spürt die Veränderung. Andere springen ein und übernehmen Aufgaben. Das Seil hält noch, aber seine Spannkraft lässt spürbar nach.
Zwischen Verantwortung und Fairness
In meiner Funktion als Bereichsleiter erlebe ich solche Situationen immer wieder. Gerade in sozialen Organisationen arbeiten Menschen sehr engagiert zusammen. Umso schwieriger ist es, wenn eine Zusammenarbeit an Vertrauen verliert.
«In der Führung gehört auch die schwierige Aufgabe dazu, eine Zusammenarbeit zu beenden.»
Im Rahmen meines Executive MBA beschäftige ich mich intensiv mit Fragen von Führung und Verantwortung. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass solche Situationen selten eindeutig sind. Häufig entwickelt sich eine schwierige Zusammenarbeit schleichend über längere Zeit.
Die eigentliche emotionale Belastung liegt oft nicht im Kündigungsgespräch. Sie liegt in der Zeit davor. In dieser Phase stellen sich Führungskräfte immer wieder dieselben Fragen: Wird es besser? Trägt die Zusammenarbeit noch? Oder täusche ich mich? Gerade deshalb ist es wichtig, strukturiert vorzugehen. Diese Grundsätze haben sich in meiner Führungspraxis bewährt:
- Im Gespräch bleiben und Beobachtungen offen ansprechen
- Klare Erwartungen und Ziele vereinbaren
- Gespräche dokumentieren und Notizen festhalten
- Eine Zweitmeinung einholen und im Austausch mit dem eigenen Vorgesetzten bleiben
Diese Schritte lösen nicht jedes Problem. Aber sie helfen, eine Situation ruhiger zu beurteilen und nicht vorschnell zu entscheiden.
Wenn das Seil nicht mehr trägt
Im Beispiel von Anna und Lars kommt irgendwann der Moment der Entscheidung. Gespräche wurden geführt, Erwartungen geklärt und Entwicklungsmöglichkeiten besprochen. Trotzdem verändert sich die Situation zu wenig.
Eine Kündigung bleibt ein schwieriger Moment. Sie muss fair erfolgen, rechtlich korrekt sein und der betroffenen Person Raum geben, ihre Sicht darzulegen. Am Ende steht eine Trennung. Ein klarer Schnitt, der für beide Seiten einen Neuanfang ermöglicht. Denn ein Seil, das nicht mehr zuverlässig trägt, kann niemandem Halt geben.

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