Wer in der Schweiz eine durchschnittliche Ausbildungsbiografie durchläuft und am öffentlichen Leben teilnimmt, wird ständig getestet. Die Tests münden meist in mehr oder minder offizielle Bestätigungen: Wer diese – wie der Autor dieses Blogs – konsequent sammelt, verfügt nach einigen Jahren über eine ganze Kiste voll mit Diplomen und Kursbestätigungen. Da findet sich etwa die Masterurkunde der Universität Zürich, das Certificate of Proficiency in English, die Lehrbefähigung als Gymnasiallehrer, die Erlaubnis zum Führen von Motorwagen bis zu einem Gesamtgewicht von 3’500 kg, eine Qualifikation in Hochschuldidaktik der Berner Fachhochschule sowie einige Weiterbildungszertifikate. Das älteste Dokument stammt von einer Skischule und attestiert, dass der Autor am 18. Feb. 1984 das «silberne Eichhörnchen» erworben hat. Ein kurzes Diploma supplement führt aus, dass für den Erwerb der Auszeichnung unter anderem das Beherrschen des Parallelschwungs, das Meistern von Bodenwellen und das Vorankommen mittels Schlittschuhschritt notwendig waren.
Die Beispiele zeigen, dass Prüfungen unterschiedliche Funktionen erfüllen. Oft geht es darum, gegenüber Dritten auszuweisen, dass eine Person über bestimmte Kompetenzen verfügt. Stellt die Zürcher Bildungsdirektion etwa das erwähnte «Diplom für das Höhere Lehramt» aus, so attestiert sie dem Prüfling, erfolgreich an einem Gymnasium unterrichten zu können. Verpflichtet ein Gymnasium eine Lehrperson, verlässt sie sich bis zu einem gewissen Grad auch auf diese Einschätzung. Erweist sich diese als Irrtum, leiden darunter nicht nur die Schüler:innen der besagten Lehrperson, sondern indirekt auch der Ruf der Zürcher Bildungsdirektion.
Neben solchen gesellschaftlichen Funktionen von Leistungsbeurteilungen haben Tests weitere, didaktisch-lernbezogene Funktionen. Bekanntlich darf man Schweizer Skipisten auch ohne silbernes Eichhörnchen benutzen, und dennoch boten und bieten solche Zertifikate vielen Kindern eine Orientierung, auf die sie während der Skischule hinarbeiten. Auch der Autor dieser Zeilen hätte sich während seines Sprachaufenthalts in Australien statt auf englische Grammatik wohl eher aufs Strandleben konzentriert, wäre da nicht am Ende des Sprachkurses diese Prüfung bei den beiden Damen mit strengem Blick und britischem Akzent gewesen. Prüfungen können offensichtlich auch eine motivationale Funktion haben.
Für Lehrende ist das Prüfen und Bewerten meist eine Aufgabe, der sie neben der eigentlichen Unterrichtstätigkeit und der Begleitung von Studierenden deutlich weniger gerne nachkommen: Mit ihrer Rolle als Fachexpert:innen und Lernbegleiter:innen identifizieren sie sich in der Regel weitaus stärker als mit ihrer Aufgabe als Prüfer:innen und Bewerter:innen. Dabei geht gerne vergessen, dass diese Aufgabe insbesondere aus der Perspektive von Studierenden ebenso wichtig ist. Umso relevanter ist es, dass Lehrende ein fundiertes und professionelles Verständnis zu diesem Bereich ihres Portfolios haben. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Bewertungen und Prüfungen führt zudem oft dazu, dass der Aufwand dafür zwar nicht kleiner wird, aber einen didaktischen Mehrwert erzeugt, der weit über das Beschriften von Prüfungen mit Zahlen zwischen 1 und 6 hinausgeht – was letztlich auch für Lehrende eine spürbare Motivation sein kann, Zeit ins Prüfen und Bewerten zu investieren.
Für Studierende sind Prüfungen und Bewertungen wichtig: Prüfungen bilden als Teil des Constructive Alignment einen wesentlichen Fokus beim Lernen, sie ermöglichen den Studierenden eine Rückmeldung zu den eigenen Kompetenzen, und mit den Noten und Zertifikaten, die aus den Prüfungen hervorgehen, können Studierende die erworbenen Kompetenzen Dritten gegenüber belegen. Allerdings reagieren Studierende sehr unterschiedlich auf Prüfungen und Prüfungsformate, insbesondere bei isolierten, ergebnisorientierten Prüfungen: Einige laufen bei der mündlichen Prüfung zu Semesterende zur Höchstform auf, weil sie endlich zeigen dürfen, was sie gelernt haben. Andere leiden unter der Einmaligkeit und Unumkehrbarkeit solcher Situationen und können ihre Kompetenzen vor lauter Stress nicht richtig abrufen. Lehrende und Studiengangverantwortliche sollten daher auf einen guten Mix an Prüfungsformaten achten, um möglichst vielen Studierenden gerecht zu werden.
Zudem lohnt sich die Frage, welche Prüfungsformate zu den künftigen Berufs- und Tätigkeitsfeldern der Studierenden passen. Fachhochschulen und PHs definieren sich über die berufsbefähigende Ausrichtung ihrer Studiengänge und richten ihre Aus- und Weiterbildung konsequent darauf aus. Entsprechend sollten auch Prüfungen konsequent die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen überprüfen, die in den jeweiligen Berufsfeldern erwartet werden. Neben schriftlichen Klausuren und mündlichen Prüfungen kann dazu eine ganze Bandbreite von Prüfungsformaten zum Tragen kommen.
Das ZLLF möchte dazu beitragen, dass Prüfen und Bewerten in der Hochschule nach wie vor den Platz einnimmt, den es – gerade auch aus Sicht der Studierenden – verdient. Wir haben deshalb «Prüfen und Bewerten» als Fokusthema fürs Jahr 2026 gewählt und werden das Thema in verschiedenen Formen regelmässig aufgreifen:
- Die ZLLF-Reihe «Lehre im Fokus» widmet sich dem Thema «Prüfen trotz und mit KI»
- Im Kompaktkurs-Angebot greifen u.a. die Kurse «Schriftliche Arbeiten begleiten und bewerten», «Künstlerische Leistungen prüfen und bewerten» und «Gestaltung des Feedbacks und Gesprächsführung» die Bewertung studentischer Leistungen auf.
- Zusammen mit den Prüfungsbeauftragten der Departemente und IT Services evaluiert das ZLLF momentan im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung verschiedene Prüfungssoftware-Lösungen. Damit sollen digitale Prüfungen an der HSLU professionalisiert und die bisherige Nutzung von ILIAS für Prüfungen abgelöst werden. Gemäss aktueller Planung soll die neue Software-Lösung ab HS 2026 für die Departemente T&A, W, I und SA zur Verfügung stehen.
Weiterführende Literatur:
Blum, S. D. & Kohn, A. (Eds.) (2020): Ungrading: Why rating students undermines learning (and what to do instead). West Virginia University Press.
Gerick, J. & Sommer, A. & Zimmermann, G. (Hg.) (2018): Kompetent Prüfungen gestalten: 53 Prüfungsformate für die Hochschullehre. Waxmann.
Schaper, N. (2021): Prüfen in der Hochschullehre. In: Kordts-Freudinger, R. et al. (Hg.), Handbuch Hochschuldidaktik (S. 87–102). wbv.
Schneider, J. & Hutt, E. L. (2023): Off the mark: How grades, ratings, and rankings undermine learning (but don’t have to). Harvard University Press.
Universität Bern, Learning and Development (o.J.): Assessment-Toolbox. https://assessment.unibe.ch/
Walzik, S. (2015): Kompetenzorientiert prüfen: Leistungsbewertung an der Hochschule in Theorie und Praxis. utb.
Zimmermann, T. (2024): Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten: Prüfen, Beurteilen und Rückmelden von Lernleistungen. Barbara Budrich.
Zumbach, J. & Astleitner, H. (2016): Effektives Lehren an der Hochschule: Ein Handbuch zur Hochschuldidaktik. Kohlhammer Verlag. S. 217-231.
Foto: Kim Jonas Meier.
