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Frau interviewt Mann sitzend am Tisch vor einem Laptop

Massenmedien, Verbreitungsmedien, digitale Medien: Wissenschaft im Wandel?

In welchem Verhältnis stehen Wissenschaft und Medien zueinander? Zu dieser Frage und auch, wie sich Digitalisierung auf die Forschung, die Verbreitung von Forschungsergebnissen und die Bewertung von Forschungsbeiträgen auswirkt, hat sich Dr. Valeria Iaconis (IV), Projektkoordinatorin Forschungskompetenzen am ZLLF, mit Dr. Luca Tratschin (LT) der Universität Zürich im Zusammenhang mit der Veranstaltung «Wissenschaft und Medien» des ZLLF unterhalten. Im Gespräch gibt Herr Tratschin auch Hinweise, was sich durch die Medien in Bezug auf die Inklusion von Laien in die Wissenschaft verändert.  

 

IV: Luca Tratschin, was bedeuten Medien für die Wissenschaft? 

LT: Ja, gut. Als Sozialwissenschaftler will man natürlich immer das Thema definieren, bevor man eigentlich zur Sache kommt (lacht). Also bei Wissenschaft würde ich vor allem an jenes soziale System denken, das sich am Wahrheitswert orientiert und dies anhand von Theorien und Methoden tut. Bei wissenschaftlichen Aktivitäten lässt sich dann grob Forschungshandeln, das z.B. in Labors stattfindet, von der Kommunikation über die Forschung in wissenschaftlichen Publikationen unterscheiden. Forschung ist natürlich institutionalisiert, z.B. an Hochschulen, Forschungsinstituten und zu einem gewissen Grad auch in der Industrie, wobei hier natürlich ein paar Einschränkungen bestehen – so steht das Erkenntnisinteresse natürlich unter einer Verwertungslogik. Zudem gibt es in der öffentlichen Kommunikation Einschränkungen darüber, was man in der Forschung genau tut. 

 

IV: Aha, und die Medien? 

LT: Also bei Medien finde ich es wichtig, zwischen Verbreitungs- und Massenmedien zu unterscheiden. Bei Verbreitungsmedien handelt es sich um kommunikative Mittel, die es erlauben, die Einschränkung von face to face Kommunikation zu überwinden, z.B. anhand von Schrift, Telegraphie oder – um ein aktuelleres Beispiel zu nehmen – anhand Instant-Messaging-Diensten wie Whatsapp oder Threema. Massenmedien dagegen lassen sich – ähnlich wie Wissenschaft – als soziales System beschreiben, das sich durch eine bestimmte Art der Weltbeschreibung auszeichnet. Für Massenmedien ist es besonders wichtig, relevante Informationen für ein Publikum zu verbreiten – und orientiert sich dabei an etwas, was in der Medienforschung als Nachrichtenwerte beschrieben wird. Die Unterscheidung von Verbreitungs- und Massenmedien ist nun besonders wichtig, da sowohl die Massenmedien wie auch die Wissenschaft auf der Grundlage von Verbreitungsmedien kommunizieren – nur tun sie das im einen Fall mit einem Interesse an wissenschaftlicher Wahrheit im Publikationsformat z.B. des Journal-Artikels, im anderen Fall stärker mit einem Blick auf den Informationswert von Nachrichten, z.B. im Zeitungsformat.  

 

IV: Interessant. Und was bedeutet das nun? 

LT: Naja, dass man halt unterscheiden muss, wenn man vom Verhältnis von Wissenschaft und Medien spricht, ob man damit Verbreitungsmedien als Grundlage wissenschaftlicher Kommunikation meint oder die Bedeutung der Massenmedien für die Wissenschaft? 

 

IV: Ok, ich verstehe. Was bedeuten dann die Massenmedien für die Wissenschaft? 

LT: Man kann sagen, dass die Massenmedien in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung für Wissenschaft gewonnen haben, wie z.B. der Wissenschaftssoziologe Peter Weingart gezeigt hat. Dies hat insbesondere damit zu tun, dass die Wissenschaft unter einem immer stärkeren Rechtfertigungsdruck steht, wieso die Gesellschaft so viele Ressourcen in sie investiert. Das hat zum einen direkt mit steigendenden Ausgaben für Forschung zu tun, aber auch damit, dass im Zuge der Expansion von Hochschulsystemen immer grössere Anteile von Generationen auch indirekt – nämlich eben über das Studium – an Wissenschaft partizipieren. Sie widmen sich gewissermassen für eine wichtige biographische Phase der Bildung, die wissenschaftsbasiert ist – obwohl die meisten dann natürlich keine wissenschaftliche Karriere verfolgen. Das erzeugt einen gewissen Begründungsdruck. Das muss man im Übrigen nicht unbedingt als Krise der Wissenschaft betrachten – es ist eher die Spiegelseite einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte von Wissenschaft. Die Schattenseite des Erfolges, wenn man so will. 

 

IV: Und funktioniert das, helfen die Massenmedien dabei, Legitimität für die Wissenschaft herzustellen? 

LT: So einfach ist das natürlich nicht, und das wäre wohl auch nicht wünschenswert. Lange war in der Wissenschaftskommunikation eine Sichtweise prominent, die man als public understanding of science beschrieb.  Die Idee hierbei war, dass Massenmedien helfen sollen, Verständnis für die Wissenschaft zu fördern – inhaltlich und vermittelt darüber auch im Sinne der Zustimmung. In diesem Zusammenhang war es die Wissenschaft, die das Deutungsmonopol über gute massenmediale Vermittlung innehatte – massenmediale Thematisierung war natürlich immer potenziell defizitär. So vielleicht in den 1980er Jahren hat sich dann ein Konzept des public engagement with science durchgesetzt, das eine stärkere Kommunikation auf Augenhöhe vorsah, wohl auch, weil man einsah, dass Massenmedien eben über eigene Selektions- und Thematisierungskonventionen verfügen. 

 

IV: Und was bedeutet diese Umstellung in der Perspektive?  

LT: Trotz dieser Entwicklung kommt es natürlich immer wieder zu Reibungen, wenn Wissenschaft in den Massenmedien dargestellt wird, insbesondere wenn sich Wissenschaftler:innen zu politischem Handlungsbedarf äussern bzw. äussern sollen. Wissenschaftliche und politische Problemstellungen unterscheiden sich, so dass Wissenschaftler tendenziell ihr theoretisch und empirisch abgesichertes Wissen überschreiten müssen – die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny hat das einmal als Transgressivität wissenschaftlicher Expertise bezeichnet. Das Problem ist meist auch dadurch gegeben, dass sich politische Probleme auf die Zukunft und ihre Gestaltbarkeit beziehen, während empirische Wissenschaft immanent einen Vergangenheitsbezug aufweist. Nur dafür gibt es Daten – wenn man einmal aus Simulationen gewonnene Daten ausser Acht lässt. Daneben gibt es natürlich noch das Problem, dass die Politik ja nicht nur wissenschaftliche Gesichtspunkte in ihren Entscheidungen berücksichtigen muss, sondern auch öffentliche Akzeptanzchancen, z.B. in der Gentechnologie, oder wirtschaftliche Interessen angemessen würdigen muss, wie wir das während den letzten zwei Pandemiejahren ja oft gesehen haben im latenten Konflikt zwischen der Corona-Taskforce und z.B. der Gastronomie.  

 

IV: Lässt sich denn wissenschaftliche und massenmediale Kommunikation wirklich so klar unterscheiden? 

LT: In gewissen Hinsichten schon, in anderen nicht. Wenn man die Wissenschaft und Massenmedien anhand ihrer Anschlusskommunikationen betrachtet, dann geht das relativ gut. Das heisst konkret: Wissenschaftliche Publikationen schliessen insbesondere an wissenschaftliche Publikationen an, wenn es jetzt um Wahrheitsbehauptungen geht. Natürlich kommt es vor, dass man die Relevanz einer Forschungsfrage auch in Bezug zu öffentlich diskutierten Problemen herausstellt, aber es wäre schon ein Problem, wenn z.B. Zeitungsartikel nicht von Forschungspublikationen unterschieden werden könnten – man würde dann von einer wenig wünschenswerten Entdifferenzierung sprechen. Natürlich kommen solche Verwischungen vor. Es gab in den 1990er Jahren einmal eine Episode, wo zwei Forscher in den Massenmedien Durchbrüche bei der kalten Fusion verkündet haben, bevor sie dazu wissenschaftlich publiziert haben. Da das so ein heisses Thema war, haben sich dann viele Wissenschaftler an der Darstellung der Befunde in den Medien orientiert – was einen erheblichen Leerlauf verursachte. Aber das war eher eine episodische Vermischung. In der Schweiz gab es 2015 auch eine Art Vermischung der beiden Sphären – als man einen neuen «Historikerstreit» um die Deutung der Schlacht von Marignano anlässlich ihres fünfhundertsten Jahrestages ausrief. Tatsächlich war das aber ein Streit zwischen Historikern und SVP-Politikern, der in den Massenmedien ausgetragen wurde. 

 

IV: Könnte man dann sagen, dass Wissenschaft, insbesondere weil sie auch auf massenmediale Sichtbarkeit angewiesen ist, von einer Medialisierung bedroht ist? 

LT: Die Deutung gibt es tatsächlich. Natürlich haben massenmediale Themenkarrieren – z.B. das Waldsterben in den 1980ern, aktuell der Klimawandel oder auch die Covid-19-Pandemie, Einfluss darauf, wie von der Politik Mittel in der Wissenschaft zugewiesen werden und wozu tatsächlich geforscht werden kann. Aber auf der Ebene der wissenschaftlichen Logik, also der Suche nach Wahrheit anhand von Theorien und Methoden, bleiben mediale Einflüsse wohl eher Randphänomene oder Episoden. Neben Befürchtungen der Medialisierung von Wissenschaft gibt es allerdings auch Diagnosen, Diagnose der Verwissenschaftlichung der Öffentlichkeit. Dabei wird als problematisch betrachtet, dass öffentliche Diskurse oft durch wissenschaftsbasiertes Expertenwissen dominiert werden – was eine Exklusion anderer Perspektiven bedeuten kann. Daran kann man auf jeden Fall sehen, dass eben Wissenschaft und massenmedial hergestellte Öffentlichkeit in komplexen Wechselverhältnissen stehen. 

 

IV: Wir haben jetzt viel über Massenmedien gesprochen. Mich würde nun interessieren, was sich aktuell zum Verhältnis von Wissenschaft und den so genannten Verbreitungsmedien sagen lässt. 

LT: Mmh, also allgemein kann man sagen, dass die Ausdifferenzierung der modernen Wissenschaft im 19. Jahrhundert auch dadurch getragen wurde, dass sich vertrauenswürdige und wiedererkennbare Publikationsformate ausgebildet haben, z.B. in der Form der wissenschaftlichen Zeitschrift. Bevor es solche Formate gab, wurde das Problem der Vertrauenswürdigkeit z.B. dadurch gelöst, dass man benannte, welche statushohen Personen einem Experiment beigewohnt haben. Das Problem der Vertrauenswürdigkeit wurde damals nicht binnenwissenschaftlich gelöst, sondern über eine Anbindung an die stratifizierte Ordnung der Gesellschaft. Die Möglichkeit, darauf zu verzichten, schuf dann stärkere Autonomiegrade der Wissenschaft. Diese relativ klare Kommunikationsordnung der modernen Wissenschaft kompliziert sich natürlich etwas mit neuen Möglichkeiten der wissenschaftlichen Kommunikation durch die Digitalisierung. 

 

IV: Aha, wie denn? 

LT: Also zum einen gibt es neue Kommunikationsformen, mit denen Wissenschaftler:innen kommunizieren können. Man kann hier z.B. an Wissenschaftsblogs denken. Hier geht es aber in der Regel besonders um die Aussendarstellung, nicht um innerwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt. Mit Phänomenen wie Open Science, digitalen Schattenbibliotheken, z.B. SciHub oder Library Genesis, werden aber insbesondere die – man muss sagen ziemlich profitablen und mittlerweile sehr umstrittenen – Geschäftsmodelle wissenschaftlicher Zeitschriftenverlage bedroht, was oft auch positiv beurteilt wird. Neben neuen Formen der Verbreitung wissenschaftlicher Literatur gibt es aber auch neue Möglichkeiten der Evaluation wissenschaftlicher Arbeit, die z.B. durch Social Media Plattformen wie ResearchGate oder Academia.edu, die eigene Scores anbieten, um die wissenschaftliche Bedeutung einer Autorin bzw. eines Autors bewerten zu können. In diesem Zusammenhang sind auch neue Möglichkeiten der Bewertung wissenschaftlicher Arbeit durch Altmetrics zu nennen. Diese machen die Bedeutung einer Publikation nicht nur anhand ihrer innerwissenschaftlichen Rezeption bewertbar, da sie auch die ausserwissenschaftliche Thematisierung in einen Score einbeziehen. Dies wird ermöglicht durch die Messung der Rezeption im Internet, die auch die Nennung in Blogs und auf anderen ausserwissenschaftlichen Publikationskanälen berücksichtigt. Man kann jetzt noch nicht sagen, wie bedeutend diese Phänomene für die Wissenschaft sind. Allerdings kann man schon sagen, dass die kommunikative Grundlage von Wissenschaft durch Digitalisierung komplexer geworden ist.  

 

IV: Das finde ich jetzt interessant. Digitalisierung wird ja aktuell als gesellschaftlicher Megatrend diskutiert, der auch disruptives Potenzial hat. Gibt es denn Bereiche, wo man sagen kann, dass Digitalisierung die Wissenschaft fundamental verändert. 

LT: Fundamentale Veränderungen kann man – insbesondere bei einem Medienwandel – erst rückblickend und mit erheblichem Abstand feststellen. Aus vergangenen Medienrevolutionen, wie zum Beispiel dem Buchdruck, wissen wir, dass die Zeitgenossen diese noch weitgehend in ihrem alten medialen «Paradigma» angeeignet und interpretiert haben – ein unverstellter Blick für das wirklich Neue war erst später möglich. 

Trotz diesem Vorbehalt: Mit Bezug auf die Bedeutung der Digitalisierung für die Wissenschaft liegen die grossen Neuerungen wohl eher im Bereich der Kalkulation und weniger im Bereich der Verbreitung – man denke z.B. an die Potenziale von maschinellem Lernen und Big Data. Hier gibt es momentan Anzeichen, dass auch hermeneutische Wissenschaftstraditionen stärker in eine Daten- und Kalkulationslogik übergehen – ich meine damit z.B. die digital humanities oder die computational social sciences. Wenn es um die Bedeutung neuer Formen der Verbreitbarkeit wissenschaftlicher Kommunikation geht, gibt es aktuell Argumente, dass digitale Medien neue Möglichkeiten der Partizipation von Laien an der Erzeugung und Interpretation von Forschungsdaten eröffnen. Es gibt da interessante Citizen Science Projekte wie z.B. Galaxy Zoo oder Foldit. Das würde bedeuten, dass die Ausschliessung von Amateurwissenschaftlern, die gewissermassen konstitutiv für die moderne Wissenschaft ist, nun wieder partiell rückgängig gemacht wird, und sich die Wissenschaft wieder stärker öffnet. Man muss hierzu allerdings sagen, dass die Mitgestaltungsmöglichkeit von Laien in den meisten Citizen Science Projekten, die auf digitale Mitwirkmöglichkeiten zurückgreifen, sehr beschränkt ist – meistens handelt es sich um sehr einfache Klassifikationsaufgaben, wie bei Galaxy Zoo, oder die spielerische Manipulation von Information, wie bei Foldit. Der Mehrwert der Beteiligung von Amateurforscher:innen besteht nicht im Einbezug ihrer Perspektiven, sondern dadurch, dass tausende Laien sehr einfache und vordefinierte Aufgaben erledigen. Ich würde das Potenzial für grundlegenden Wandel hier nicht allzu hoch ansetzen. 

 

IV: Luca Tratschin, vielen Dank für das Gespräch! 

LT: Gerne. 

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