Fallbeispiel

Random album sleeve meme – Wikipedia names your band

In den sozialen Medien entstehen immer wieder interessante Meme: Irgend jemand lanciert z.B. ein lustiges oder skurriles Video, andere nehmen es auf und verfremden es. Es ensteht ein viraler Effekt, immer mehr Varianten tauchen auf und innert kürzester Zeit ist das Web voll davon. Man suche auf YouTube nur mal nach dem Begriff „dramatic chipmunk„. Auf Facebook läuft derzeit eine sehr schöne Aktion namens „Wikipedia names your band“, die nicht nur witzig ist, sondern auch sehr viel mit dem partizipativen Geschichtenerzählen zu tun hat. Die Idee dabei ist, mittels Zufallsgenerator ein eigenes Plattencover zu gestalten. Die Ergebnisse sehen wie folgt aus:

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Ein Plattencover, zufällig zusammengeklaut aus Wikipedia, Flickr und Co.

Die Bedienungsanleitung ist denkbar einfach:
1. Man gehe zu Wikipedia und klicke den Link „zufälliger Artikel“. Der erste zufällige Artikel ist der Name der Band
2. Man gehe zu quotationspage.com und klicke auf „random“. Die letzten vier oder fünf Wörter des letzten Zitats ergeben den Titel des Albums.
3. Man gehe zu Flickr und klicke dort unter „Entdecken“ auf „Interessantes aus den letzten sieben Tagen“. Das dritte Bild ist das Hintergrundbild zum Album Cover
4. Dann nimmt man Photoshop oder eine ähnliche Software (z.B. Picnik.com) und baut alles zusammen.
5. Letztendlich lädt man es in Facebook hoch.

Hier gibt es bereits eine imposante Liste von Ergebnissen zu sehen.

Was hat das nun mit dem Geschichtenerzählen zu tun und wo ist dabei die Relevanz für Museen? Widmen wir uns erst einmal den Geschichten:

1. Bekannte Formate schaffen Bedeutung
Zu allererst zeigt uns dies auf wunderbare Art und Weise, wie das Geschichtenerzählen funktionert. Geschichten entstehen im Kopf des Betrachters, aber nur, weil wir als Betrachter ein Wissen um das Format CD- bzw. Plattencover mitbringen. Wir wissen genau, wie wir die drei Elemente – Foto, Titel und Bandnamen in Beziehung setzen müssen. Im Englischen würde man sagen, wir haben eine literacy in Bezug auf Plattencover. Unser Verstand ist eben kein Computer, der einfach nur Fakten registiert. Er ist darauf ausgelegt, alles was uns begegnet, ständig zu bewerten und in Bezug zu unsere eigenen Erfahrungen zu setzen. Wir vergleichen im Schnelldurchgang das zufällige Plattencover mit unseren bisherigen Plattencover-Erfahrungen und ordnen es entsprechend ein. Und da kommt es natürlich zu Gute, dass das Format Plattencover eine stark poetische Note hat: In diesem Genre werden bevorzugt Begrifflichkeiten und Bilder benutzt und in Kontext zueinander gestellt, die mehrere Bedeutungsebenen zulassen. Wir suchen uns auf diesen Ebenen unbewusst diejenigen Aspekte heraus, welche die drei Elemente miteinander verbinden.

2. Enge formale Begrenzung schafft inhaltliche Freiheit
So paradox es klingen mag, klare Handlungsanweisungen wie in diesem Falle, wirken befreiend auf die Kreavität. Jeder weiss, was er zu tun hat. Ich kenne das aus eigener Erfahrung mit meinen Designstudenten: Je klarer das Problem und die Werkzeuge zur Lösung beschrieben sind, desto schneller kommen die Ergebnisse (Was allerdings bei Designstudenten nicht immer wünschenswert ist!). Nina Simon schreibt darüber auch ausführlich in ihrem Buch über das partizipative Museum. Aus der Kunstgeschichte gibt es dazu ja auch einige Beispiele. Die Fluxusbewegung arbeitete mit genauen Handlungsanweisungen genauso wie die Poeten des Oulipo. Wahrscheinlich hat jeder schon mal von Perecs Roman „La Disparition“ gehört, der völlig ohne den Buchstaben E auskommt.

3. Netzwerke enstehen um Objekte herum
Ein weiterer interessanter Aspekt, der mir ebenfalls durch Nina Simons hervorragendes Buch klar geworden ist, ist die Tatsache, das Netzwerke nicht allein zwischen Menschen entstehen, sondern dass sie um Objekte herum organisiert werden. Simon verweisst dabei auf einen Artikel von Zengstrom:

The social networking services that really work are the ones that are built around objects. And, in my experience, their developers intuitively ‘get’ the object-centered sociality way of thinking about social life. Flickr, for example, has turned photos into objects of sociality. On del.icio.us the objects are the URLs.EVDBUpcoming.org, and evnt focus on events as objects.

Zengstroms Artikel wurde vor dem Durchbruch von Facebook geschrieben. Aber Facebook vereinigt viele der im Zitat genannten Objeke: Events, Filme, Fotos, oder eben random album sleeves, wie in diesem Falle.

Und da sind wir dann endlich bei den Museen. Was sind Museen anderes als Netzwerke, die um Objekte herum angeordnet sind? Ich bin sicher es lässt sich von solchen Beispielen einiges für die Museumsarbeit lernen, vor allem wenn man Partizipation anstrebt. Auch hierzu finden sich übrigens Beispiele aus der Museumspraxis in Simons Buch.

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