Konzepte von gestern für die Welt von Morgen?
Kritisches Denken, Kommunikation, Selbstmanagement: Dass Studierende solche Kompetenzen brauchen, ist schnell gesagt. Schwieriger wird es bei der Frage, was damit gemeint ist und wie sie sich in der Lehre fördern lassen. «Lehre im Fokus» nimmt im Herbstsemester 2026 diese Fragen auf – mit Perspektiven auf den Bildungsauftrag von Hochschulen und konkreten Beispielen aus der Lehrpraxis.
Überfachliche Kompetenzen (e.g. Grob und Merki 2001), Future Skills (e.g. Ehlers 2020), 21st Century Skills (e.g. Binkley u. a. 2012), Schlüsselkompetenzen (e.g. Seidl 2021): Der Namen und Ideen sind da viele, die konzeptionell zu fassen versuchen, über welche Kompetenzen Hochschulabgänger:innen verfügen sollen jenseits des Fachlichen. Alle diese Begriffe und Modelle setzen unterschiedliche Akzente. Während «überfachlich» das Verhältnis zu den Fachkompetenzen bezeichnet, rücken «Future Skills» die Handlungsfähigkeit unter zukünftigen, noch unbestimmten Bedingungen ins Zentrum.
Das zugrundeliegende Narrativ ist jedoch immer dasselbe: Die Welt verändert sich, berufliche Anforderungen wandeln sich, fachliches Wissen allein reicht nicht aus. Also müssen Studierende Kompetenzen erwerben, die es ihnen erlaubt, in einer nicht vorhersehbaren Zukunft zu bestehen und diese mitzugestalten.
Das klingt erst einmal plausibel. Nur ist damit noch wenig geklärt: Was genau sollen Studierende nun können? Zudem dreht sich die Debatte um die Zukunft der Hochschulbildung nicht zum ersten Mal um das vermeintliche Gegensatzpaar fachliche versus überfachliche Kompetenzen (bzw. seinen verwandten Begriffen Future Skills, Schlüsselkompetenzen o.ä.).
Eine Debatte mit langer Geschichte
Ein historischer Blick hilft die vermeintliche Neuheit der Debatte einzuordnen. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff der 21st-Century-Skills: Seinen Ursprung lässt sich zurückführen auf den Bericht «A Nation at Risk» (Gardner u. a. 1983) der US-Behörde National Commission on Excellence in Education. Dieser datiert von… ja richtig gelesen: 1983! Der Bericht erschien im Kontext der politischen Furcht in den USA, den Wettbewerb der politischen Systeme zu verlieren. Es war also keine empirische Analyse, sondern eine politische Diagnose, die dem Ursprung des Begriffs zugrunde liegt. Für die anderen Konzepte gilt ähnliches (vgl. Dede 2009).
Verortet in diesem (ideen-)geschichtlichen Kontext stellt sich somit eine Frage, die über die Auswahl eines bestimmten Kompetenzmodells oder einer Liste von Kompetenzen hinausgeht und an der Frage rührt, was die Bildungsabsicht ist: Wofür bilden wir überhaupt aus? Für die Beschäftigungsfähigkeit in einer veränderten Arbeitswelt? Oder für die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen und demokratisch mitzugestalten? Oder anders gefragt: Reicht der Bildungsauftrag der Hochschulen bis zur Arbeitsmarktfähigkeit der Absolvent:innen? Oder umfasst er auch etwas, das Adorno (2021) einmal emphatisch als «Erziehung zur Mündigkeit» beschrieben hat?
Beide Anliegen sind miteinander verschränkt und überschneiden sich, führen aber nicht automatisch zu denselben Bildungszielen. Ganz konkret: Wer beispielsweise «Kommunikationskompetenz» fördern will, muss klären und begründen, ob damit überzeugendes Präsentieren und verständliche Wissensvermittlung oder das begründete Austragen von Meinungsverschiedenheiten gemeint ist.
Daran werden zwei Dinge sichtbar: Erstens muss die Debatte um die Konkretisierung der überfachlichen Kompetenzen immer im Zusammenhang einer disziplinären Verortung geführt werden. Und zweitens braucht es ein Bewusstsein für die Kontingenz eines jeden Curriculums. Nur durch dieses Bewusstsein können überfachliche Kompetenzen wie «kritisches Denken» oder «Kommunikationskompetenz» zu konkreten, inhaltlich ausdifferenzierten Konzepten jenseits der Worthülse werden.
Überfachliche Kompetenzen in der Hochschullehre
Im laufenden Herbstsemester beleuchtet die ZLLF Online-Reihe «Lehre im Fokus» verschiedene Aspekte der Debatte rund um überfachliche Kompetenzen und versucht anhand praxisnaher Beispiele aus der Lehre das Konzept zu schärfen und konkret zu machen:
- Donnerstag, 1. Oktober 2026 – Überfachliche Kompetenzen in Lehrveranstaltungen vermitteln und sichtbar machen
Farida Stickel (UZH) zeigt anhand von konkreten Praxisbeispielen, wie fachliche und überfachliche Kompetenzen miteinander verbunden werden können. Lernaktivitäten, Leistungsnachweise und Reflexionsformate machen deren Entwicklung für Studierende sichtbar und nachvollziehbar. - Donnerstag, 22. Oktober 2026 – Wie lassen sich Future Skills wirksam fördern? Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt GLU 2.0
Hannes Felber (HSLU – Technik & Architektur) stellt ein Lernsetting vor, in dem Studierende selbstgewählte Future Skills in realen Anwendungskontexten entwickelten. Der Beitrag diskutiert die Rolle von Coaching und Reflexion sowie das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Struktur. - Dienstag, 27. Oktober 2026 – Ideation Culture Labs: Curriculum von überfachlichen Kompetenzen im Studiengang Digital Ideation
Andres Wanner (HSLU – Informatik) gibt Einblick in eine seit 2016 entwickelte und erprobte Modulreihe. Sie fördert Selbstmanagement, Kommunikation, Kollaboration und Ideation und nutzt Unterschiede zwischen Design und Informatik als Lernanlass für interdisziplinäre Zusammenarbeit. - Donnerstag, 19. November 2026 – Entrepreneurship als Lernraum: Welche Kompetenzen Studierende mit Smart-up entwickeln
Marisa Conzinu (HSLU, Smart-up) zeigt, wie Studierende an Geschäftsideen und Fragestellungen von Start-ups arbeiten. Dabei überprüfen sie Annahmen, beziehen Rückmeldungen aus der Praxis ein und entwickeln eigene Lösungswege im Umgang mit Unsicherheit. - Donnerstag, 3. Dezember 2026 – Future Skills: Empowerment durch Selbstreflexion.
Manuela Maier-Hummel (HSLU – Informatik) zeigt wie interdisziplinär ausgebildete Studierende aus Design und Informatik ihren Kompetenzzuwachs wahrnehmen und inwiefern dieser mit Zukunftskompetenzen übereinstimmt.
Alle Veranstaltungen finden online von 12:15 bis 13:00 Uhr statt. Den Zugang findest du auf der Webseite von «Lehre im Fokus».
Literatur
Adorno, Theodor W. 2021[1971]. Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 bis 1969. Suhrkamp.
Binkley, Marilyn, Ola Erstad, Joan Herman, u. a. 2012. «Defining Twenty-First Century Skills». In Assessment and Teaching of 21st Century Skills. Springer, Dordrecht. https://doi.org/10.1007/978-94-007-2324-5_2.
Dede, Chris. 2009. «Comparing Frameworks for ‘21st Century Skills’». Unveröffentlichtes Manuskript.
Ehlers, Ulf-Daniel. 2020. Future Skills: Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft. Herausgegeben von Ulf-Daniel Ehlers. Zukunft der Hochschulbildung – Future Higher Education. Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-29297-3_5.
Gardner, David P., Yvonne W. Larsen, William O. Baker, u. a. 1983. A Nation At Risk: The Imperative For Educational Reform. National Commisison on Excellence in Education. https://eric.ed.gov/?id=ED226006.
Grob, Urs, und Katharina Maag Merki. 2001. Überfachliche Kompetenzen: theoretische Grundlegung und empirische Erprobung eines Indikatorensystems. Explorationen. P. Lang.
Seidl, Tobias. 2021. «Förderung von Schlüsselkompetenzen». In Handbuch Hochschuldidaktik, herausgegeben von Robert Kordts-Freudinger, Niclas Schaper, Antonia Scholkmann, u. a. utb Hochschullehre 5408. Wbv. https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36198/9783838554082.
