Das University:Future Festival 2026 stand unter dem Motto «Under Pressure» und adressierte zentrale aktuelle Spannungsfelder der Hochschulentwicklung: technologischer Wandel, knappe Ressourcen, neue Kompetenzanforderungen und die Frage, wie akademische Bildung unter KI-Bedingungen Qualität und Vertrauen behält. Das Programm umfasste über 290 Punkte im digitalen Raum und ergänzend an mehreren Standorten und wird in Kooperation zwischen Hochschulforum Digitalisierung, Stiftung Innovation in der Hochschullehre und Stifterverband durchgeführt. Dieser Beitrag fokussiert auf einige besuchte Sessions zu den Themen KI-Infrastruktur, Prüfungskultur, Curriculumsentwicklung, kritischer KI-Literacy und hybride Lehre.
Wenig überraschend drehten sich viele Beiträge des University:Future Festivals um den Bereich KI in der Lehre. Dabei wurden jedoch auch damit verbundene Themen wie Curriculumsentwicklung und überfachliche Kompetenzen diskutiert. Dieser Beitrag greift einige der Schlüsselthemen auf und formuliert ein übergeordnetes Fazit: Entwicklungsvorhaben im Bereich KI in der Lehre dürfen sich nicht auf die Einführung und Bereitstellung von Werkzeugen beschränken, sondern müssen in eine Gesamtstrategie eingebettet sein, welche Lehrentwicklung abstimmt auf die Entwicklung der Infrastruktur, die Stärkung überfachlicher Kompetenzen, die Neugestaltung von Prüfungsdesigns und einer Curriculumsüberarbeitung. Die vorgestellten Good Practice Beispiele zeigen, dass Entwicklungsprojekte dann erfolgreich sind, wenn die einzelnen Studiengänge einen hohen Gestaltungsspielraum haben, während von zentraler Stelle klare Rahmenbedingungen ohne Überregulation geschaffen und vor allem die notwendigen Ressourcen (Infrastruktur, finanziell und personell) zur Verfügung gestellt werden.
Eine Botschaft des Unviersity:Future Festivals in Bezug auf KI-Infrastruktur lautet, dass Digitalisierung zwar notwendig, Plattformisierung aber kein neutrales Fortschrittsmodell ist. Die Session «Universitäten digitalisieren – ja. Plattformisieren – nein» mit Ladan Pooyan-Weihs unterscheidet Digitalisierung als Werkzeug von Plattformisierung als Organisationsprinzip. Als Entwicklungsidee für die Hochschule bedeutet dies, dass KI und digitale Systeme die Urteilskraft, fachliche Qualität und Studierbarkeit stärken, nicht aber Lernprozesse und Entscheidungen einseitig standardisieren sollen. Auch wenn KI Muster erkennt, bleiben Verantwortung, Kontextbeurteilung und akademische Urteilskraft bei den Menschen und Institutionen, die in genau diesen Kompetenzen gestärkt werden müssen.
Noch stärker in Richtung einer kritischen KI-Nutzung zielte der Beitrag «Decolonizing AI». KI-Kompetenz umfasst mehr als Prompting: Biases, Datenherkunft, epistemische Vielfalt, ökologische Kosten, Halluzinationen und Abhängigkeiten von globalen Plattformen gehören im akademischen Diskurs zwingend mit dazu, wenn digitale und intellektuelle Souveränität nach wie vor Leitlinien für Hochschulbildung sein sollen. Eine praxisorientierte Hochschule kann Stärke gewinnen, wenn Studierende KI produktiv nutzen, fachlich prüfen, ethisch einordnen und ihre Grenzen kommunizieren können. Anwendung und Reflexion gehören somit immer zusammen und müssen im Curriculum abgebildet sein.
Wie KI-Infrastrukturentwicklung systematisch vorangetrieben werden kann, zeigt das Beispiel des KIT Karlsruher Institut für Technologie – ein Versuch, von der «Schatten-KI» mit einer ungeregelten individuellen Nutzung hin zu einer Systemintegration zu gelangen. Entscheidend sind nicht einzelne Tools, sondern die Bereitstellung eines Ökosystems mit geregelten Modellzugängen, Prompt-Vorlagen, Team-Nutzung, Custom Chatbots, API-Schnittstellen, Qualifizierung und Community of Practice. Kosten, CO2-Emissionen, Datenschutz und Modellwahl werden dabei als Steuerungsfragen behandelt. Die HSLU kann daraus lernen: KI-Innovation ist Infrastruktur-, Kompetenz- und Governance-Aufgabe zugleich.
Weniger ein ethisches, sondern ein lerntheoretisches Argument zur kritischen und gezielten Nutzung von KI in der Lehre machte der Beitrag «Make me think!». Ausgehend von empirischen Forschungen zu Lernprozessen, die ganz klar aufzeigen, dass selbst Schreiben (am besten von Hand!), Lernprozesse unterstützen kann, stellte dieser Beitrag eine Reihe von Methoden und Ideen vor, wie das Schreiben als integraler Bestandteil von Lehre verstanden werden kann.
Der Workshop «Exnovation» adressiert das Problem, dass tendenziell immer neue Anforderungen an ein Curriculum gestellt werden. Neue Inhalte können im Curriculum jedoch nur Platz finden, wenn altes gestrichen wird. Der Exnovations-Ansatz versucht genau von dieser Seite her zu denken: Zuerst überlegen, was gestrichen werden kann und so Platz schaffen! Erst dann folgt die Überlegung, welche neuen Inhalte ins Curriculum aufgenommen werden können. Den Transformationsprozess von dieser Seite her zu denken bedeutet, dass Altes nicht von neuen Inhalten aus dem Curriculum gedrängt wird, sondern es wird gestrichen, weil es nicht mehr passend ist. Das hilft, die Akzeptanz von Veränderungen zu erhöhen.
Den weiten Blick auf Transformationsprozesse in Bildungsinstitutionen – weg von reinen Curriculumsentwicklungsfragen hin zu Hochschulentwicklungsfragen – diskutierten mehrere Beiträge, z.B. «Transformation ist mehr als Anpassung. Zukunftsfähigkeit als institutionelle Aufgabe». Hochschulen sehen sich mit vielen Herausforderungen konfrontiert: Heterogenität der Lernenden, unklare Kompetenzanforderungen, Digitalisierung, Sparmassnahmen und politische Einflussnahme. Früher mussten Bildungssysteme vor allem viele Lernende erreichen, während die berufliche Kompetenzprofile bekannt waren. Heute hingegen müssen Bildungssysteme sehr unterschiedliche Menschen erreichen, mit weniger Ressourcen auskommen und ergänzend damit umgehen, dass zukünftige Berufe und dafür nötige Kompetenzen weitgehend unbekannt sind.
Solche Transformationsprozesse in Hochschulen anzustossen, funktioniert grundsätzlich anders als in anderen Branchen, weil tertiäre Bildungsinstitutionen durch eine hohe Autonomie von Lehrenden und durch kollegiale und partizipative Entscheidungsstrukturen geprägt sind. Um Zukunft zu gestalten, müssen alle involviert werden – Veränderung muss als gemeinsam gestaltbar erfahren werden. Zukunftsfähigkeit entsteht, indem man Zukunftsfragen zur institutionellen Routine macht und alle Beteiligten erreicht.
Daran schliesst inhaltlich eine weitere Präsentation zu Transformationsprozessen an Hochschulen an. Hochschulentwicklung, so das Fazit, muss funktional, emotional und sozial gestaltet werden. Gemeinsame Ziele, bereichsübergreifende Zusammenarbeit, der Einbezug der Studierenden und Mitarbeiter:innen sowie passende Rahmenbedingungen und ein transparent und partizipativ gestalteter Prozess sind entscheidende Gelingensbedingungen für Hochschulentwicklung.
Neben diesen Beiträgen mit den Schwerpunkten Hochschulentwicklung, KI, Curriculumsentwicklung und Transformationsprozessen, zielten eine Reihe weiterer Beiträge mehr auf hochschuldidaktische Fragen im engeren Sinne, z.B. der Input «Wicked Problems als Pressure transformativer und transdisziplinärer Hochschullehre», der aufzeigte, was Wicked Problems sind und wie man diese in der Hochschullehre nutzen kann. Mit dem Fokus auf Probleme, besteht ein Bezug zum Problemorientierten Lernen, wobei die Probleme sehr offen, komplex, vielfältig, ohne klares Ende und eine klare Lösung verstanden werden. Jedes Problem steht für sich und weisst vielfältige Ursachen auf, so dass für eine Lösung immer unterschiedliche Ansätze und die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen nötig sind. Damit eröffnen Wicked Problems Möglichkeiten für interdisziplinäre, ganzheitliche Lehre. Da häufig auch Werte, Normen, ethische Grundsätze integriert sind, die immer auch das Selbst- und Weltverhältnis hinterfragen, wird transformatives Lernen ausgelöst.
Die Hochschule als hybrider Lern- und Arbeitsort schliesslich thematisierte «New Work beyond hype: Wie Hochschulen zu Lernorten zukunftsorientierter Arbeit werden». Der Beitrag geht zurück zur ursprünglichen Idee des Konzepts: eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Arbeit (und Lernen für den Fall der Hochschulen), welche der Entwicklung des Menschen – egal ob Forscher:in, Dozent:in, Student:in oder administrative Mitarbeiter:in – dienen soll. Für die konkrete Umsetzung gibt es drei Prinzipien: (i) ermöglichen statt steuern, (ii) Arbeitsplatzgestaltung bzw. Lernraumgestaltung: Räume für Zusammenarbeit und Vielfalt und (iii) Organisationsdesign / Arbeitsprinzipien: Orientierung schaffen, die Bewegung ermöglicht. Hochschulen stehen aktuell (mindestens europaweit) unter Druck und neigen zu vorschnellem Handeln, was zu falsch gestellten Fragen führt: Nicht wie New Work einführen, sondern, was es braucht, damit Veränderungen wirksam werden. Hochschulen müssen als besondere Organisationen verstanden werden, die nicht mit Unternehmen vergleichbar sind. In den lose gekoppelten, teilautonomen Systemen bzw. Verwaltungsbereichen mit hoher Eigenständigkeit entsteht Innovation lokal, ohne das Gesamtsystem zu verändern.
Alle Beiträge des Festivals sind auf YouTube zum nachträglichen Anschauen und Anhören verfügbar.
