Infrastrukturprojekte in der Schweiz scheitern oft nicht an technischen Hürden, sondern an mangelndem Change Management. Ein Besuch bei einem über hundert Jahre alten Wasserkraftwerk zeigt: Akzeptanz ist der Schlüssel zum Erfolg.
Ein grauer Märztag in Rathausen. Das Wasserkraftwerk der CKW läuft und läuft und läuft – seit über 100 Jahren. Das erfahren wir, während wir mit der MBA-Klasse durch den Betrieb geführt werden.
Wir sind beide als Projektleiter bei Infrastrukturprojekten tätig und fühlen uns daran erinnert, dass diese heutzutage Jahre brauchen, bis sie bewilligt werden. Es bestehen zahlreiche Interessensgruppen mit gegensätzlichen Bedürfnissen. Widerstand ist vorprogrammiert. Ob dies damals auch so war?
Die Angst vor dem Blackout
In ihrer nationalen Risikoanalyse stuft das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) ein Blackout, also eine langanhaltende Strommangellage, als eine der Bedrohungen mit dem höchsten Schadenspotenzial ein (1). Sie würde die moderne Schweiz im Kern treffen.
Die Energieversorger stehen aktuell vor einer Herkulesaufgabe. Sie sollen nicht nur die Netzstabilität gewährleisten, sondern gleichzeitig erneuerbare Energiequellen ausbauen. Das Potenzial der Wasserkraft ist in der Schweiz bereits weitgehend ausgeschöpft (2). Bei der Wind- und Solarenergie hingegen besteht noch grosses Potenzial (3). Also «volle Kraft voraus», könnte man denken. Aber so einfach ist es nicht.
Ein technisch lupenreines Projekt reicht nicht
Wie anspruchsvoll es ist, Infrastrukturprojekte zur Bewilligung zu bringen, haben wir Autoren in unserer noch jungen beruflichen Laufbahn schnell erfahren. In Projekten wie der Erschliessung des Grundstücks 2200 in Hünenberg oder Alpin Solar Ybrig in Oberiberg wurde uns schnell klar: ein technisch lupenreines Projekt reicht nicht aus, damit man es realisieren kann. Beim Zweitgenannten waren bei der Volksabstimmung lediglich sechs Nein-Stimmen ausschlaggebend (4).
Wir lernten, dass man bei solchen Infrastrukturprojekten auch Enteignungen, Eingriffe in die Natur, Bedenken von Anwohnern oder die Interessen von Fachverbänden berücksichtigen muss.
Besonders herausfordernd ist, dass sich die Interessen der verschiedenen Stakeholder häufig widersprechen, beispielweise der Wunsch nach erneuerbaren Energien und der Eingriff in das Landschaftsbild.
Change Management als Türöffner
Der Mensch mag die Gewohnheit. Veränderungen sind für uns herausfordernd. Im Modul Change Management des MBA wurden uns interessante Aspekte vermittelt, um Widerstand bei Veränderungen zu erkennen und zu überwinden.
Zwar sind diese Inhalte für den Firmenkontext ausgelegt. Wir merken aber, dass Change Management viel allgemeiner anwendbar ist. Auch bei Bewilligungsverfahren gilt es, Widerstand früh zu erkennen und aktiv zu integrieren. Die Schlüssel zum Erfolg sind Transparenz, Verbindlichkeit und sorgfältige Kommunikation.
Das Wasserkraftwerk führt auch 100 Jahre nach seiner Errichtung noch regelmässig Führungen durch. Offensichtlich ist die sorgfältige Kommunikation eine nie abgeschlossene Aufgabe. Die Frage ist nicht, ob wir Infrastruktur brauchen. Viel eher sollten wir uns fragen: Bauen wir mit der Bevölkerung oder gegen sie?

Weiterführende Literatur:
- https://www.srf.ch/news/schweiz/katastrophenschutz-pandemien-und-strommangel-die-groessten-risiken-fuer-die-schweiz
- https://www.wwf.ch/de/unsere-ziele/wasserkraft-vorteile-und-probleme
- https://www.srf.ch/news/schweiz/solar-und-windkraft-europa-vergleich-schweiz-landet-nur-auf-platz-22-von-28
- https://ews.ch/news/nein-zu-alpin-solar-ybrig
- https://www.ckw.ch/ueber-ckw/unternehmen/unsere-kraftwerke
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