Pflege wird seit Jahren bemitleidet und genau das ist ihr grösstes Problem, denn diese Erzählung raubt dem Beruf seine Zukunft. Wer Pflege nur als Belastung beschreibt, untergräbt Selbstbewusstsein, Professionalität und Berufsstolz. Gestützt auf meinen Beobachtungen als Pflegedirektorin zeige ich, wie ein Perspektivenwechsel gelingen kann.
Ich bin ursprünglich Pflegefachfrau. Schon als Kind wusste ich, dass dies mein Beruf ist. Ich habe ihn aus Überzeugung gewählt und bereue diese Entscheidung bis heute nicht. Erzähle ich jedoch von meiner Ausbildung, ernte ich oft Mitleid. Das kränkt meinen Berufsstolz, denn ich finde: Pflege braucht kein Mitleid. Pflege ist ein Beruf mit Sinn, Verantwortung und Wirkung.
Ein Beruf im Dauerkrisenmodus
In Praxis, Medien und Politik wird die Pflege fast ausschliesslich aus der Opferperspektive beschrieben: überlastet, erschöpft, am Limit. Vieles davon stimmt. Doch diese Dauerkrisenerzählung erzeugt zwar Aufmerksamkeit, aber keine Identifikation.
Wer ständig betont, wie unerträglich der eigene Beruf ist, darf sich nicht wundern, wenn ihn niemand ergreifen will.
Im Rahmen meines EMBA an der Hochschule Luzern habe ich mich mit dem Fachkräftemangel beschäftigt. Viele Branchen sind davon betroffen. Der Unterschied liegt allerdings im Umgang damit: Wer sich nur über Mangel definiert, verliert seine Strahlkraft. Attraktivität entsteht durch Identifikation, Selbstbewusstsein und Emanzipation.
Emanzipation ist kein Geschenk – sie ist eine Aufgabe
Ich bin überzeugt, der Weg aus der Opferrolle beginnt mit Emanzipation. Interprofessionelle Zusammenarbeit fällt nicht vom Himmel. Wir müssen sie einfordern und leben, auf Augenhöhe. Pflegende haben oft das umfassendste Bild der Patientinnen und Patienten. Warum sind sie bei Visiten nicht selbstverständlich präsent? Warum wird ihre Expertise nicht konsequent eingebracht? Sichtbarkeit ist kein Angriff, sondern Ausdruck von Professionalität. Wer Verantwortung trägt, muss sichtbar sein – auch wenn das unbequem ist.
Politik allein macht keinen Beruf stolz
Politische Verbesserungen sind wichtig, doch Berufsstolz lässt sich nicht verordnen. Solange Pflege sich selbst als Opfer definiert, wird keine Initiative nachhaltig wirken. Wenn Pflege eine Zukunft haben soll, dann als starker, selbstbewusster Beruf, der seinen Wert kennt und vertritt – gerade, weil die Bedingungen herausfordernd sind. Die Emanzipation der Pflege beginnt also bei den Pflegenden selbst. Bei der Art, wie wir über unseren Beruf sprechen, wie wir uns im Team positionieren und wie sichtbar wir unsere Expertise machen.

Bild: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)
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