Comics in der Wissenschaftskommunikation
Ein Auftrag der Forschung ist, die eigenen Ergebnisse weiterzugeben und damit gemeinsam verfügbares Wissen zu vermehren. Das Ziel ist immer – in Einklang mit den Prinzipien der Open Science und im Sinne der Demokratisierung der Wissenschaft – Forschungsprozesse und –ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So müssen je nach Gelegenheit sehr komplexe Experimente und Konzepte adressat:innengemäss formuliert werden, damit sie durch verschiede und jeweils passende Kanäle und Textformate genau so der Forschungscommunity und interessierten Laien vermittelt werden können.
Wenn man das Wort «Text» hört (oder liest) denkt man automatisch an die Zeilen eines Buchs – wer aber sagt, dass man in der Wissenschaftskommunikation nicht (auch) out of the Box denken kann? Ein besonderes Medium der Wissenschaftskommunikation können z.B. Comics sein, wie Andreas Hebbel-Seeger in seinem Beitrag Comics als Medium der Wissenschaftskommunikation und Werkzeug wissenschaftlichen Arbeitens beschreibt. Für diesen Zweck werden Comics besonders im englischsprachigen Raum bereits länger in Wissenschaft und Hochschulen eingesetzt, etwas seltsamer im deutschsprachigen Raum. Ein Beispiel dafür ist die mehrsprachige Science-Comic-Reihe Lux:Plorations Science Comics, womit die Universität Luxenburg ihre Forschungsaktivitäten kommuniziert, oder die insgesamt 80 Folgen des Wissenschaftscomics Klar soweit?! der Helmholtz-Gemeinschaft, die zwischen 2014 und 2020 aktuelle und gesellschaftsrelevante Forschungsthemen mal witzig – mal erklärend erzählt haben.
Dass Comics viel mehr als Freizeit-Lektüren sein können, hat bereits der italienische Semiotiker und Philosoph Umberto Eco mit seiner provokativen Aussage «Wenn ich mich entspannen will, lese ich Engels. Steht mir der Sinn nach Ernsthaftem, lese ich Corto Maltese» betont. Als komplexe und multimediale Form der Kommunikation bieten Comics einzigartigen Zugang (auch) zu Forschungsinhalten. Zudem haben sie eine starke narrative Linie, was zwingt, den Inhalt zeitlich und kausal zu strukturieren. Das narrative Potenzial von Comics kann zu einer stärkeren emotionalen Resonanz führen, die rein textbasierten Darstellungen häufig fehlt. Gleichzeitig können Comics eine höhere kognitive Aktivierung auslösen als reine Texte, was wiederum Aufmerksamkeit und Erinnerungsleistung verbessern kann.
Genau diese drei Eigenschaften der Comics – Multimedialität, narrativer Charakter und emotive Resonanz – können nicht nur zur Vermittlung von Forschungsinhalten, sondern auch zum Forschungsprozess beitragen. Für die Konzeption und das Verfassen von einem Wissenschaftscomic muss die forschende (und damit schreibende) Person den eigenen Forschungsgegenstand anders betrachten und mehrere Perspektiven bedienen, was das wissenschaftliche Denken unterstützt. Dass die Verbindung von Bild und Text mehr als eine alternative Darstellungsform ist, demonstrierte 2015 Nick Sousanis mit der Publikation seiner als Comic gestalteten Dissertation Unflattening. Der Titel – auf Deutsch wörtlich etwa «Entflachung» – ist dabei programmatisch und verweist durch das Aufbrechen eindimensionaler Perspektiven und auf ein mehrdimensionales Verständnis von Wissen.
Gerade in einer Zeit, wo das etablierte wissenschaftliche Publikationssystem seine Grenze zeigt und von mehreren Seiten dafür plädiert wird, dass auch ungewöhnliche Publikationsformate zur Messung und Beurteilung der Forschungsleistung betrachtet werden, lohnt sich vielleicht, eine ganz andere Perspektive einzunehmen und sich mit neuen Formen zu beschäftigen.
Um die Idee abzuwägen und erste Entwürfe zu skizzieren, bietet die Schreibklausur des ZLLF den idealen Rahmen: Die Veranstaltung findet von 20. bis 22. August 2026 im Gästehaus Kloster Bethanien (St. Niklausen OW) statt. Sie richtet sich an Doktorierende und Forschende, die an ihrer Qualifikationsarbeit oder einer Publikation schreiben. Im Rahmen der Schreibklausur liegt der Fokus auf der eigenen Schreibarbeit: Die Teilnehmenden tauchen in eine inspirierende Atmosphäre ein, arbeiten konzentriert und ungestört und können im eigenen Tempo die richtigen Wörter finden. Auf Wunsch und nach Bedarf kann man sich von Schreibcoaches in deutscher und englischer Sprache unterstützen und begleiten lassen. Interessierte können sich bis am 31. Mai 2026 für die Schreibklausur anmelden (weitere Infos und Anmeldelink).
Quellen
Rhodes, C., & Linnenluecke, M. K. (2025). The junkification of research. Organization, 0(0). https://doi.org/10.1177/13505084251399576
Hebbel-Seeger, A. (2025). Comics als Medium der Wissenschaftskommunikation und Werkzeug wissenschaftlichen Arbeitens. In: Hebbel-Seeger, A. (eds) Hochschullehre lernen, verstehen und gestalten. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-48999-1_8
Sousanis, N. (2015). Unflattening. Cambridge, MA: Harvard University Press
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