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Mann sitzt vor Computerbildschirm mit Videokonferenz

Effektiver synchroner Online-Unterricht: Eine Reflexionsgrundlage mit Anregungen für die Hochschullehre

Online-Lernformate an Hochschulen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Damit einher gehen aussergewöhnliche Fragen: «Können Sie mich hören? Bin ich zu sehen? Werden meine Folien geteilt?». Aus Vor-Ort-Lernräumen wie dem Vorlesungssaal oder dem Seminarraum kannte man diese Fragen kaum. Sie legen offen, dass Online-Lehre in einem neuen Raum stattfindet – dem virtuellen Raum. Indem Lehrende und Lernende ein Videokonferenztool nutzen, erschaffen sie den virtuellen Unterrichtsraum, wo sie Inhalte präsentieren, Aufgaben stellen, miteinander interagieren usw. Im Rahmen eines Projekt zwischen der Hochschule Luzern und der Pädagogischen Hochschule Schwyz wurde ein Leitfaden entwickelt, der die Besonderheit des virtuellen Raums beim synchronen Online-Unterricht beleuchtet; er stellt eine Reflexionsgrundlage dar und bietet Anregungen für eine effektive Hochschullehre bei der Nutzung von Videokonferenztools. Nachfolgend zeichnen wir den Entstehungsprozess nach und fassen die zentralen im Leitfaden behandelten Aspekte zusammen.

Entstehungsprozess

Der Leitfaden entstand im Rahmen des Kooperationsprojekt «P-8 Digitale Lehre – Digitale Präsenz – Digitales Studium» der Hochschule Luzern, der Pädagogischen Hochschule Luzern und der Pädagogischen Hochschule Schwyz gefördert durch swissuniversities. Die Projektgruppe vereinte Forschende und Dozierende mit Expertise in Raumsoziologie, Lehr- und Lernforschung, Fachdidaktik, Informatik und User Experience. Die Projektgruppe arbeitete die bestehende Forschungsliteratur auf und führte Fokusgruppeninterviews mit Dozierenden, Studierenden und Hochschuldidaktikexpert:innen der HSLU und der PHSZ.

Videokonferenztools und synchrone Online-Lehre – was ist das eigentlich?

Während der ersten Arbeitsphase der Projektgruppe wurde deutlich, dass wir uns beschränken müssen. Online-Unterricht kann sehr unterschiedliche Formen annehmen – von Aufzeichnungen, die Studierenden in Lernmanagementsystemen bereit gestellt werden, bis hin zu Hybridformaten, in denen auf unterschiedlichste Art und Weise Vor-Ort- und Online-Unterricht miteinander verschränkt werden. Wir beschlossen, uns ausschliesslich mit synchronem Online-Unterricht zu beschäftigen, der mithilfe eines Videokonferenztools durchgeführt wird; typische in der Hochschullehre eingesetzte Videokonferenztools sind bspw. Microsoft Teams oder Zoom. Synchroner Online-Unterricht bezeichnet eine Lehr-Lern-Situation, in der alle Beteiligten zur selben Zeit im virtuellen Raum sind und miteinander interagieren können.

Eine erste, zwar relativ offensichtliche, aber dennoch wichtige Erkenntnis war, dass Videokonferenztools nicht für Unterrichtssettings entwickelt wurden, sondern – eben – für Videokonferenzen. Mit Videokonferenzen werden aber typischerweise ganz andere Ziele als im Unterricht verfolgt. Das zentrale, sehr allgemeine Ziel von Unterricht ist die Entwicklung und Förderung der Kompetenzen von allen einzelnen Lernenden. Dieses Ziel gilt wohl nur äusserst selten in typischen Businessmeetings, für die Videokonferenztools designt wurden. Bestimmte Funktionalitäten passen somit nicht sonderlich gut zu Unterrichtssettings. So ist es bei einem Business-Online-Videokonferenzmeeting relativ unerheblich, dass sich die Positionen von anwesenden Personen in der Kachelanordnung ständig ändern, je nachdem, wer wann aktiv ist. Für Unterrichtssituationen ist das aber oftmals verwirrend, der Überblick über die Lerngruppe wird laut den interviewten Dozierenden dadurch erschwert. Auch haben einige Studierende in den Fokusgruppen angemerkt, es sei für sie unangenehm, sich zu äussern, weil sie dann nämlich plötzlich gross auf den Bildschirmen bei den anderen erscheinen. Ob diese zwei genannten Aspekte nun zentrale Nachteile für die Effektivität von Unterricht sind, sei dahingestellt. Es ist dennoch interessant, dass grossflächig Tools für Unterricht eingesetzt werden, die nicht für diese spezifische Art der Interaktion entwickelt wurden.

Basisdimensionen effektiven Unterrichts gelten (vermutlich) auch für synchronen Online-Unterricht

Aus unseren Recherchen in der bestehenden Forschungsliteratur wurde deutlich: es gibt bislang keinen Konsens, was effektiven synchronen Online-Unterricht auszeichnet. Jedoch gibt es durchaus ein gemeinsames Verständnis bezüglich grundlegender Aspekte – in der Forschung als Basisdimensionen bezeichnet – die wichtig für den klassischen Vor-Ort-Unterricht sind. Diese Basisdimensionen sind ausreichend allgemein definiert, dass sie sich unserer Meinung nach auch auf synchronen Online-Unterricht übertragen lassen. Die Basisdimensionen umfassen die Klassenführung, das Potenzial zur kognitiven Aktivierung und die Art und Weise, wie konstruktive Unterstützung geboten wird bzw. werden kann.

Eine gelungene Klassenführung fokussiert die Aufmerksamkeit auf die Lerninhalte, die Lernzeit wird hochgehalten und Unterbrechungen werden vermieden. Diese Aufmerksamkeitsfokussierung zu erreichen, ist im synchronen Online-Unterricht eine Herausforderung; es gibt mehr Ablenkungsquellen als im Vor-Ort-Unterricht. Zur Förderung der Fokussierung sollte mit den Studierenden diskutiert werden, welche Ablenkungen vermieden werden können – beispielsweise könnten während der Unterrichtszeit Benachrichtigungen, Telefon und Türklingel ausgeschaltet werden, aber auch technische Lösungen wie geräuschunterdrückende Kopfhörer können unterstützen.

Kognitive Aktivierung erfordert von den Dozierenden, an das Vorwissen und die vorhandenen Kompetenzen der Studierenden anzuknüpfen, um Denk- und Lernprozesse anzustossen und aktives Zuhören, Mitdenken und Mitmachen zu erreichen. In den Fokusgruppen wurden Online-Settings von den Studierenden wiederholt als weniger verbindlich beschrieben – es fällt ihnen schwerer, aktiv mitzudenken. Dies auch deshalb, weil Online-Settings oftmals dozierendenzentrierter sind. Eine Rhythmisierung mit kurzen Input-Phasen im Wechsel mit interaktiven Austauschphasen wird geschätzt. Aber auch regelmässige Pausen scheinen – auch für Dozierende – wichtig, um online konzentriert zu bleiben und die kognitive Aktivierung hoch zu halten.

Das Geben bzw. das Schaffen von Möglichkeiten für Feedback ist zentraler Aspekt der konstruktiven Unterstützung, der dritten Basisdimension effektiven Unterrichts. Dafür brauchen Lehrende Einblicke in die Lernprozesse der Studierenden. Im synchronen Online-Unterricht eigenen sich dafür bspw. Befragungs- und Feedbacktools, aber auch gemeinsam zu bearbeitende Dokumente und Vorlagen. Studierende schätzen es, wenn ihr Wissen abgeholt und einbezogen wird; sie schätzen es, wenn sie schnell und direkt Feedback erhalten. Alle drei Basisdimensionen sollten bei der Planung und Gestaltung von synchronem Online-Unterricht mitgedacht werden, genauso wie die Besonderheiten des virtuellen Raums.

Von Räumen und ihren Anforderungen

Vor-Ort-Lernräume sind ein gewohnter Raum. Dieser Raum bietet bestimmte Möglichkeiten (z. B. kann man Tische herumschieben), erfordert das Befolgen von bestimmten Regeln (Tische sollte man nicht umwerfen) und geht mit bestimmten Erwartungen einher (Materialien liegen auf, nicht unter dem Tisch) – und an diese Möglichkeiten, Regeln und Erwartungen haben sich Dozierende und Studierende typischerweise über lange Zeit gewöhnt und sie verinnerlicht. Der virtuelle Raum, der mithilfe eines Videokonferenztools hergestellt wird, ist anders, oft auch weniger gewohnt. Somit sollten Regeln und Erwartungen explizit geklärt werden, um die Möglichkeiten des virtuellen Raum und den Prozess des Unterrichts abzustecken. Sollen die Kameras angeschaltet werden und warum? Wie kann man sich zu Wort melden? Welche Art der Beteiligung ist gefordert? Aber auch: Wie kann die Aufmerksamkeit der Lernenden gelenkt werden? Dabei sollte auch beachtet werden, dass die non-verbale Kommunikation online stark erschwert ist – man kann nicht mit leichten Handbewegungen die Aufmerksamkeit steuern oder erhaschen, Blickrichtungen helfen ebenfalls nicht.

Beim Vor-Ort-Unterricht gibt es zudem einen geteilten Erfahrungsraum und alle begeben sich relativ langsam in den Kontext des Unterrichts. Was ist damit gemeint? Sitzen alle im selben physischen Raum, so sind auch die Erfahrungen ähnlich. Eine Lampe surrt – für alle gleich hörbar. Draussen zieht ein Unwetter auf – für alle sind die Blitze sichtbar. Die Arbeitsplätze von allen sehen ähnlich aus und sind ähnlich ausgestattet. Wenn man sich in den Vor-Ort-Unterricht begibt, muss man an die Hochschule anreisen, dort den Raum finden, sich einen Platz suchen, hält ein Schwätzchen mit Kolleg:innen – man kann ankommen. Im virtuellen, durch ein Videokonferenztool hergestellten Raum ist der geteilte Erfahrungsraum weniger umfassend, und der Wechsel in diesen Raum ist sprunghaft. Alle sitzen an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Gegebenheiten. Man betritt den Raum mit wenigen Klicks in Sekunden, gerade vorher aber sass man vielleicht noch am Küchentisch. Diese fundamentalen Unterschiede zwischen dem physischen und virtuellen Raum gilt es zu beachten. Im Leitfaden bieten wir einige Vorschläge, die Dozierende und Studierende genannt haben, wie ein geteilter Erfahrungsraum auch online hergestellt werden kann und wie (zu) sprunghafte Kontextwechsel abgefedert werden können.

Fazit und Ausblick

Beim synchronen Online-Unterricht gibt es spezifische Herausforderungen. Dies liegt einerseits daran, dass der Online-Raum besondere Anforderungen stellt und anders ist als der Vor-Ort-Lernraum. Dieser Andersheit muss man sich bewusst sein – sie sollte gezielt zwischen Dozierenden und Studierenden besprochen werden, damit effektiver Unterricht resultieren kann. Uns wurde im Rahmen des Projekts aber auch deutlich, dass bestimmte Herausforderungen entstehen, weil im synchronen Online-Unterricht mit Videokonferenztools gearbeitet wird, die nicht unter der Berücksichtigung der Anforderungen von Unterricht entwickelt wurden. In einer nächsten Projektphase werden wir gezielt Vorschläge entwickeln, wie Videokonferenztool für den Unterricht optimiert werden können, und diese in Form von Mockups illustrieren – ausgehend von den Basisdimensionen effektiven Unterrichts und der Berücksichtigung der Besonderheit des virtuellen Raums.

 

«Können Sie mich hören?» Ein Leitfaden mit Anregungen für die synchrone Online-Lehre an Hochschulen. Der Leitfaden  ist online frei verfügbar unter https://doi.org/10.5281/zenodo.10025411. An der Erstellung des Leitfadens beteiligt waren Melissa Beck (HSLU), Roland Christen (HSLU), Marco Longhitano (PHSZ), Nicolai Ruh (HSLU), Marcel Uhr (HSLU) sowie die beiden Projektleitenden Eckart Zitzler (HSLU) und Lennart Schalk (PHSZ), die bei Nachfragen gerne kontaktiert werden können (email hidden; JavaScript is required; email hidden; JavaScript is required)

 

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