Fallbeispiel

Zusammenfassung: Online Museum Mobile Konferenz

Ich habe mir Dienstag Abend zwei Sessions an der Online Museum Mobile Konferenz angeschaut auf der es – der Name sagt es – um die Nutzung von mobilen Applikationen im Museum ging.

National Gallery

Charlotte Sexton, Leiterin der digitalen Medien der National Gallery London hielt die Keynote und berichtete über die hauseigenen Audio Guides, Podcasts und das Love Art App, mit dem die National Gallery 2009 als erstes Museum auf dem App Markt reüssierte (ein Paper zu dem Projekt findet sich hier). Alle Publikumsanwendungen der National Gallery sind strategisch und markenorientiert. Formal äussert sich die Strategie der National Gallery in vier Werten: Eleganz, Eminenz, Inspiration und Inclusiveness (Einbezug aller Besucher/nicht elitär). Sexton empfiehlt folgende Vorgehensweise: Auf der Marke aufbauen, auf die zentralen Stärken fokussieren, die Inhalte auf das Publikum massschneidern und natürlich müssen die Angebote beworben werden. Von der Umsetzung her arbeitet die National Gallery iterativ: Man fängt mit kleinen, schnellen Prototypen an, testet diese und erst wenn man sicher ist, dass die Anwendung robust ist, kommt es zu einem Launch.

Session1: Tablet PCs

Nichts wirklich Neues. Interessanter war da die Session über den Einsatz von Tablet PCs im Museum. Am meissten verbreitet sind iPad und Co derzeit noch als Ersatz für traditionelle Kiosksysteme, also als stationäre Displays im Museum. In diesem Panel wurden jedoch drei ganz andere und zum Teil sehr ungewöhnliche Anwendungen von iPads im Museum vorgestellt.

Apps zur Nutzung ausserhalb des Museums
Das MoMa bringt demnächst ein neues App namens MoMa Art Lab heraus. Das Art Lab bietet Tools um selbst kreativ zu werden, z.B. eigene Bilder zu gestalten und richtet sich vor allem an Kinder aber auch an Erwachsene. Das Art Lab bietet somit eine Ergänzung der Museumserfahrung.

iPads als Unterstützng der Vermittlung im Museum
Charlie Keitch und Jane Findlay vom National Maritime Museum in Greenwich stellten Anwendungen für zwei Ausstellungen vor. Bei der Einen geht es um den Sklavenhandel, bei der Anderen um die East India Company. Der Tablet (in diesem Falle basierend auf Android) wird benutzt um die Lernerfahrung der Schüler zu unterstützen. Es gibt spielerische Elemente bei denen die Schüler Beweise in Form von Objekten finden müssen, die sie mit der Kamera des iPad aufnehmen. Diese Beweise dienen dazu, historische Zitate zu belegen oder zu widerlegen. Anderseits werden die Schüler angehalten immer wieder ihre eigenen Meinung zu äussern und diese mit anderen Schülern zu teilen. Diese Form des „blended learning“ mit dem Tablet ist nur ein Teil eines mehrstündiges Programm welches auch andere Lernformen enthält.

iPads als Unterstütztung von Museumstouren
Sheila McGuire vom Minneapolis Institute of Arts stellte eine sehr interessante Variante vor. Das Museum bietet insgesamt vier iPAds für professionelle Museumsführungen an. So können vor allem Videos und Detailansichten die Museumstour sinnvoll ergänzen. Als Best Practice empfiehlt McGuire das Tablet sehr selektiv für einzelne Objekte einzusetzen, die Videos kurz zu halten (30-60 sec) und die Museumsführer sollten den Einsatz der Tablets proben und sich dabei gegenseitig zuschauen und Feedback geben. Ein interessanter Nebeneffekt war, dass die Museumsführer plötzlich lernten Technologie nicht nur als Konkurrenz zu verstehen. Ich bezweifle allerdings, dass die Begeisterung der Museumsführer in Minneapolis von den Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz im gleichen Ausmass geteilt würde.

Zusammenfassend kann man über diese Session sagen, dass sich der Einsatz des Tabletts im Museum vor allem durch die Grösse des Screens empfiehlt. Es ermöglicht die Arbeit mit Gruppen, sei es dass man diese alleine los schickt (das Maritime Museum empfiehlt Gruppengrössen von 2-5) oder eben in geführten Gruppen (Problemlos für bis zu 15 Personen gemäss Erfahrungen des Minneapolis Institute of Arts). Auch hier gilt wieder: Prototypen erstellen und testen, testen, testen!

Each year, an American teen will text the equivalent of War and Peace


Session 2: Making Mobile Work for Children and Teens

In dieser Session wurden einige Anwendungen vorgestellt, die sich vor allem an ein jüngeres Publikum und Familien richten. Interessant dabei war vor allem die Aussage, dass man mobile Anwendungen benutze, um das Publikum zu verlangsamen und den Fokus auf die Objekte zu richten. Die Entdeckung der Langsamkeit bringt man ansonsten nicht unbedingt mit digitalen Applikationen in Verbindung.

Das Ford Theatre in Washington ist der Schauplatz an dem Abraham Lincoln ermordet wurde und erzählt die Geschichte des Bürgerkriegs in den U.S.A. Das Museum entwickelte zwei Audiotouren, eine für jüngere und eine für ältere Besucher. Beide Touren helfen dem Besucher sich mittels originaler und fiktiver zeitgenössischer Stimmen in die damalige Zeit hinein zu versetzen. Ähnlich ging das Freedom Center in Ohio vor, welches ein App vorstellte, dass sich vor allem an junge Besucher wendet, die ohne Führung durchs Museum gehen. Interessanterweise etablierte sich das App auch im Klassenzimmer und wird im Unterricht als Distant-Learning-Tool oder zur Vorbereitung des Museumsbesuchs eingesetzt. Auch das US Holocaust Memorial setzt auf Zeitzeugen. Hier entwickelte man allerdings eine ganz neue Variante: Margaret, eine Holocaust-Überlebende kommuniziert mit dem Publikum via SMS. Zwar gibt es Margaret wirklich, ihre Antworten sind jedoch Computer-generiert: Bestimmte Schlagworte einer Besucher SMS lösen spezifische vorbereitete Antworten aus. Das Prinzip ist eine sogenannte Chatterbox, eine moderne Variante des kommunizierenden Computerprogramms Eliza. Wobei allerdings in diesem Falle der Computer die Fragen stellt und lediglich auf richtige oder falsche Antworten reagiert.

Die Holocaust-Überlebende "Margaret" SMSst mit den Besuchern: US Holocaust Memorial

Die Holocaust-Überlebende "Margaret" SMSst mit den Besuchern: US Holocaust Memorial

Es tut sich also Einiges in diesem Bereich. Hier noch zusätzliche Links: Endlich eine Gelegenheit auf das Ludwig II App der Bayrischen Staatsbibliothek hinzuweisen, welches neulich an der Tagung Aufbruch 2.0 vorgestellt wurde.

Hier zwei Systeme für die Entwicklung von Mobile Apps für Museen: Toursphere ist ein kommerzielles Produkt, TAP ein Open Source Projekt.

Und dann gibt es noch ein Buch Namens Mobile Apps for Museums

 

 

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