Fallbeispiel

Social Media in Schweizer Kulturbetrieben: Es geht doch! … oder nicht?

Wenn es um den Einsatz von Social Media im Kultursektor geht, ist die Schweiz noch immer Entwicklungsland. Das wurde mir an der Aufbruch Tagung der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in München und dem damit verbundenen stART-Camp mal wieder schmerzhaft klar. Aber es gibt Hoffnung und die kommt erstaunlicherweise aus Bern, dem man ja nachsagt, dass es immer etwas langsamer sei als der Rest der Schweiz. Wenn es ein Lehrbuch gäbe zum Thema Transmedia-Storytelling mit Museumsinhalten, dann wäre Caspar Loesches Vorgehensweise dort sicherlich als Paradebeispiel aufgeführt. Sein Projekt Vvon Watt ist eine Co-Produktion des Stadtheaters Bern mit dem Naturhistorischen Museum Bern. Das Projekt handelt von der Grosswildjagd in Afrika zu der Vivianne von Wattenwyl 1923 mit ihrem Vater Percaval „Brovie“ aufbrach. Beide stammen aus Bern und die erjagten Trophäen sind noch heute als Dioramen im naturhistorischen Museum zu sehen. Zudem hat Vivienne von Watt ein Buch über die Reise geschrieben, die übrigens mit dem Tod des Vater, der von einem Löwen erlegt wird, einen tragischen Höhepunkt erreicht. Diese Hintergrundgeschichte ist auch Ausgangspunkt einer Tanzproduktion des Stadtheaters mit dem Namen „Lions, Tigers and Women…„.

Tänzerinnen des Konzerttheater Berns posieren mit Jagdtrophäen der Vivianne von Wattenwyl

Tänzerinnen des Konzerttheater Berns posieren mit Jagdtrophäen der Vivianne von Wattenwyl

Da Caspar Lösche das eigentliche Projekt in seinem Beitrag zur Blogparade der Tagung Aufbruch 2.0 sehr schön selbst darstellt, möchte ich an dieser Stelle vor allem darauf eingehen, wie er vorgegangen ist und was mir daran so gut gefällt. Im Grunde war der ganze Ablauf des Projekts mustergültig. Hier einige Schlagworte:

  • Inhaltliche Ziele wurden definiert: das Projekt soll die Welt der Vivianne von Watt in der digitalen Welt erlebbar machen
  • Emotionale Anknüpfungspunkte wurden gesucht:
    – Die Thematik der Jagd – das Töten von Tieren
    – die Vater-Tochter Beziehung
    – die veränderte Wahrnehmung von damals und heute.
  • Tools für eine Umsetzung wurden definiert:
    – ein Blog, welches die Geschichte der Reise erzählt,
    – ein persönlicher Twitter-Account der Heldin
    – eine Google-Karte mit Fotos der Expedition.
    – Darüberhinaus wurden über Pinterest und Storify die Inhalte gespiegelt. Lösche spricht von einem „self-referring Network.“ Interessanterweise verzichtete Lösche auf Facebook, um nicht die bereits existierenden Aktivitäten des Stadttheaters zu konkurrenzieren.
  • Vernetzung mit analogen Medien: Als Flyer wurden Postkarten verteilt, vorne mit einem der Originalfotos, hinten mit einem handschriftlichen Auszug aus Viviennes Buch. QR-Codes mit den Links zu den Webaktivitäten wurden auf Drucksachen untergebracht.
  • Influencers, mögliche Kooperation und flankierende Massnahmen wurden ausgelotet:
    – Die populären Musiker Simon Jäggi und Pamela Méndez komponierten einen Song, der Teil der Aufführung wurde.
    – Aktive Twitterer, die thematisch in das Konzept passten, wurden vorab kontaktiert und auf das Projekt hingewiesen.
    – Im Rahmen der Theaterpädagogik kommentierte eine Schulklasse fortlaufend das Blog
  • Eine Redaktionsplan wurde angelegt: In einem Excel-Sheet wurde vorab festgelegt, wann und wo welche Posts zu erfolgen hatten.
  • Automatisierung: über die Plattform Hootsuite, die es ermöglicht verschiedene Social Media Accounts zentral zu betreuen, wurden vor allem die Tweets vorab verfasst und automatisch ausgelöst
  • Monitoring: über Hootsuite
  • Evaluation: Twitter – per Hand und mit Tweetcounter, dazu Statistiken von WordPress, Blogger und bit.ly.
Vivienne von Wattenwyl kanns auch ohne Instagram

Vivienne von Wattenwyl kanns auch ohne Instagram

Kommen wir zur Evaluation: Die Zahlen sind zugegebenermassen recht durchwachsen: Ca 140 Follower auf Twitter ist eher dünn. Annähernd 2000 Pageviews auf dem Blog sind ganz ordentlich. Doch wer den schnellen Erfolg sucht mit Social Media, der liegt falsch. Es braucht einen langen Atem. Ein gutes Projekt ist nur der Anfang. Social Media ist Beziehungspflege und gute Beziehungen oder gar Freundschaften brauchen Zeit. Ein Problem ist sicherlich auch, dass Tools wie Twitter in der Schweiz (noch) nicht wirklich angekommen sind. Zudem: Wenn eine Institution wirklich an einem nachhaltigen Einsatz von Social Media interessiert ist, dann sollten auch die anderen Mitarbeiter geschult werden, so dass es eben nicht bei einer One-Man-Show bleibt.

Diesen Willen und die nötige Geduld hat das Berner Stadttheater, welches mittlerweile mit dem Berner Symphonieorchester zum Konzerttheater Bern fusioniert ist, aber offensichtlich nicht. Aufgrund der Fusion wurde Caspar Lösche für entbehrlich betrachtet. Zum Glück hat er bereits einen neuen Job gefunden, ausserhalb des Kultursektors. Das Konzerttheater scheint nicht zu verstehen, dass es mit dieser Entlassung eine wichtige Option für die Zukunft entsorgt hat. Es wird langsam Zeit, dass auch die Institutionen in der Schweiz endlich aufwachen und sich mit den Möglichkeiten von Social Media ernsthaft auseinander setzen. Die Kommunikationsmuster verändern sich und das kontinuierliche Ignorieren dieser Tatsache hilft leider nicht weiter.

Caspar Loesches Präsentation zu dem Projekt findet sich hier. Ein Artikel zur Evaluation des Projekts findet sich als Gastbeitrag auf dem Kulturmanagement Blog.

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