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Was das Community of Inquiry Modell für Selbststudium und Hochschullehre leistet?

Selbststudium und Blended Learning werden in der Hochschulbildung wieder neu diskutiert – nicht nur an der HSLU. Begleitete Selbstlernphasen digital unterstützt ersetzen Präsenzunterricht. Damit stellt sich neu die bekannte Frage: Wie gestalten wir Lernumgebungen, in denen Studierende auch ausserhalb des Unterrichtsraumes aktiv, gemeinsam und zielgerichtet lernen?

Eine hilfreiche Orientierung dafür bietet das Community of Inquiry Modell, kurz CoI. Es wurde um die Jahrtausendwende für textbasierte Online-Lehre entwickelt und wird seither in zahlreichen Online- und Blended-Learning-Kontexten aufgegriffen. Sein Kern ist bis heute aktuell: Eine nachhaltige Lernerfahrung entsteht dort, wo soziale Präsenz, kognitive Präsenz und Lehrpräsenz zusammenwirken.

Drei Formen von Präsenz

Das CoI-Modell versteht Lernen als einen individuellen und zugleich sozialen Prozess. Studierende setzen sich selbst mit Inhalten auseinander, prüfen und entwickeln ihre Gedanken auch im Austausch mit anderen weiter. Dazu braucht es Aufgaben, die kognitive Denkprozesse auslösen, eine unterstützende Lerngemeinschaft, in der man sich beteiligen kann, sowie eine Lehrperson, die den Prozess plant und begleitet. Genau diese Bedingungen beschreiben die drei Präsenzen.

Dabei sind die Übergänge entscheidend: Viel Austausch allein garantiert noch kein fachliches Lernen, anspruchsvolle Aufgaben entfalten wenig Wirkung, wenn Studierende isoliert bleiben oder nicht wissen, was von ihnen erwartet wird, und eine engagierte Lehrperson kann fehlende Aktivität der Studierenden nicht ersetzen. Das Modell lädt dazu ein, ein Lernarrangement als ganzheitlich zu betrachten.

Community of Inquiry

Soziale Präsenz schafft Zugehörigkeit

Soziale Präsenz bezeichnet die Möglichkeit, sich als Person wirklich zu zeigen, sich der Lerngemeinschaft zugehörig zu fühlen und offen zu kommunizieren. Dies ist für das Selbststudium besonders wichtig. Wenn gemeinsame Präsenzzeit knapper wird, müssen Begegnung und Vertrauen auch ausserhalb bewusst ermöglicht werden. Es geht nicht darum, jede Selbstlernphase mit zusätzlicher Kommunikation zu füllen. Entscheidend sind viel mehr verlässliche Gelegenheiten, in denen Studierende Fragen stellen, Ideen äussern und auch Unsicherheiten zeigen können. Folgendes kann beispielsweise dazu beitragen:

  • ein persönlicher Einstieg, bei dem sich Lehrperson und Studierende vorstellen und Erwartungen klären,
  • gemeinsam Regeln für Diskussion, Zusammenarbeit und Erreichbarkeit vereinbaren,
  • wiederkehrende Kleingruppen, Peer-Feedback und informelle Austauschmöglichkeiten einrichten,
  • eine Ansprache mit Namen sowie sichtbare und wertschätzende Reaktionen auf Beiträge.

Soziale Präsenz zeigt sich nicht an der Anzahl Forumsbeiträge. Wichtiger ist, ob Studierende den Lernraum als sicher und verbindlich erleben und ob die Kommunikation zur Zusammenarbeit beiträgt.

Kognitive Präsenz führt vom Impuls zur Anwendung

Kognitive Präsenz meint das Ausmass, in dem Lernende durch Austausch und Reflexion Bedeutung konstruieren und überprüfen. Das ursprüngliche Modell beschreibt einen Prozess mit vier Phasen: (1) Ein Problem oder eine irritierende Frage löst die Auseinandersetzung aus. (2) Die Lernenden erkunden Informationen und Perspektiven, (3) verbinden ihre Erkenntnisse und (4) wenden sie schliesslich auf eine Aufgabe oder ein neues Problem an. Für die Gestaltung von Selbststudium folgt daraus: Materialien bereitzustellen reicht nicht. Studierende brauchen gleichzeitig Gelegenheiten, ihre vorläufigen Antworten zu vergleichen, zu begründen und weiterzuentwickeln. Kognitive Präsenz lässt sich beispielsweise fördern durch:

  • Fallbeispiele und Problemstellungen, die an berufliche oder gesellschaftliche Situationen anknüpfen
  • Leitfragen, die beim Lesen oder Bearbeiten auf zentrale Zusammenhänge lenken
  • Reflexionsportfolios oder Lernjournale, in denen Erkenntnisse und offene Fragen festgehalten werden
  • Aufgaben, bei denen Ergebnisse aus dem Selbststudium in der Gruppe geprüft, verbunden und praktisch angewendet werden.

Gerade die Verbindung der Lernphasen verdient Aufmerksamkeit: Was im Selbststudium vorbereitet wird, sollte in der gemeinsamen Präsenzzeit aufgegriffen werden. Umgekehrt können Diskussionen und Rückmeldungen neue Fragen für die nächste Selbstlernphase erzeugen. So entsteht aus einzelnen Aktivitäten ein zusammenhängender Lernprozess.

Lehrpräsenz gibt Orientierung und begleitet

Lehrpräsenz umfasst die Gestaltung und Organisation des Lernarrangements, die Moderation des Austauschs sowie die fachliche Unterstützung. Sie beginnt lange vor dem ersten Kontakt mit den Studierenden: bei der Abstimmung von Lernzielen, der Auswahl der Inhalte, Aktivitäten und Leistungsnachweise und der Entscheidung, welche Lernphase wo und in welcher Sozialform stattfindet.
Lehrpräsenz zeigt sich nicht nur in Präsenzveranstaltungen, sondern wird auch im gut vorbereiteten Lernarrangement zum Online-Selbststudium durch die gezielte Gestaltung und Unterstützung von Lernprozessen sichtbar. Klare Arbeitsaufträge, realistische Zeitangaben, nachvollziehbare Termine und eine übersichtliche Kursstruktur reduzieren unnötige Unsicherheit. Während des Lernprozesses braucht es Rückmeldungen, weiterführende Fragen, kurze Zusammenfassungen oder direkte fachliche Erklärungen. Lehrpräsenz verlangt keine ständige (Online)-Verfügbarkeit, bedeutet aber, für Studierende erkennbar zu strukturieren, wann und wie sie Unterstützung erhalten.
Hilfreich sind z.B.:

  • ein Kursplan, der Lernziele, Lernaktivitäten, Arbeitsaufwand, Termine und Zuständigkeiten verbindet
  • regelmässige, klar terminierte Sprechstunden oder Frageräume
  • eine aktive Moderation, die Diskussionen fokussiert und zentrale Erkenntnisse sichert
  • zeitnahes Feedback sowie gezielte direkte Instruktion, wenn Fehlvorstellungen oder Wissenslücken sichtbar werden

Selbststudium braucht eine didaktische Dramaturgie

Das CoI-Modell ist weder eine Methodensammlung, noch schreibt es eine bestimmte Verteilung von Online- und Präsenzzeit vor. Es bietet vielmehr drei verschiedene Perspektiven zum Prüfen eines Lernarrangement:

  • Soziale Präsenz: Wo erleben Studierende Zugehörigkeit, Verbindlichkeit und einen sicheren Raum für ihre Beiträge?
  • Kognitive Präsenz: Welche Aufgabe löst vertieftes Denken aus, und wie gelangen die Studierenden vom Erkunden zur begründeten Anwendung?
  • Lehrpräsenz: Woran erkennen Studierende Ziele, Ablauf und Qualitätsanforderungen, und wann erhalten sie Moderation, Feedback oder fachliche Unterstützung?

Diese Fragen machen eine verbreitete Schwachstelle sichtbar: Selbststudium entsteht nicht allein dadurch, dass Präsenzstunden wegfallen und Materialien auf einer Lernplattform bereitstehen. Selbststudium braucht eine didaktische Dramaturgie. Dazu gehören neben anspruchsvollen Aufgaben, soziale Verbindlichkeit und eine Begleitung, die Selbstständigkeit ermöglicht, ohne die Studierenden sich selbst zu überlassen.

Lernen im Online-Selbststudium bleibt für Lehrende und Studierende oft unsichtbar. Das CoI-Modell bietet einen Rahmen, um Lernaktivitäten und Lernprozesse im Selbststudium sichtbar zu machen und deren Begleitung gezielt zu unterstützen.

Bei der konkreten Umsetzung muss nicht jede Präsenz in jeder einzelnen Aktivität gleich stark ausgeprägt sein. Wichtig ist die Balance über den gesamten Lernprozess. Ein individuelles Lernjournal kann vor allem kognitive Präsenz fördern, während die anschliessende Peer-Diskussion zusätzlich soziale Präsenz stärkt und ein zusammenfassender Kommentar der Lehrperson Orientierung schafft und die fachliche Qualität sichert. Erst die Verbindung der drei Präsenzen lässt eine kohärente Lernerfahrung entstehen.

Das Thema weiterdenken und eigene Erfahrungen austauschen?

Die Tagung ICM Inverted Classroom and beyond am 11. und 12. März 2027 an der Hochschule Luzern bietet dafür Gelegenheit. Unter dem Titel «Selbststudium zwischen Autonomie und Anleitung: So gelingt es!» rückt sie genau das Spannungsfeld ins Zentrum, das auch das CoI-Modell anspricht. Die Tagung bietet Gelegenheit, Inspirationen zur Gestaltung von Selbststudium aufzunehmen, auszutauschen oder eine erprobte Idee als eigenen Beitrag einzureichen. Der Call for Participation wird bis zum 14. Oktober 2026 verlängert.

Quellen und weiterführende Literatur

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