Wie kommen wir weg von der Kompetenzsimulation? Vergangenen Donnerstag startete die ZLLF Online-Reihe „Lehre im Fokus“ ins neue Semester mit der Frage, wie wir als Dozierende trotz und mit KI noch prüfen können. Das Grundproblem, welches alle Dozierenden umtreibt: Viele Prüfungsformate funktionieren unter der Prämisse der allgegenwärtigen Verfügbarkeit generativer KI schlicht nicht mehr. Statt echte Kompetenzen zu prüfen, findet nur noch eine Kompetenzsimulation statt. Seien wir ehrlich: Die KI-resistente Prüfung ist ganz einfach eine Illusion, sobald irgend eine Art von Schriftlichkeit erforderlich ist und sie nicht im streng überwachten Klausur-Format — im wörtlichen Sinne! — stattfindet. Seminararbeiten, Projektberichte, Programmcode, Literaturreviews, Reflexionsberichte und so weiter: Solche und ähnliche Formate „KI-resistent“ machen zu wollen, funktioniert einfach nicht. Dieser Wahrheit gilt es ins Auge zu blicken.
Was können wir also tun? Prof. Dominik Herrmann, Inhaber des Lehrstuhls für Privatsphäre und Sicherheit in Informationssystemen an der Universität Bamberg wartete zum Start der Reihe mit ein paar unkonventionellen Überlegungen und Lösungsvorschlägen auf als Antwort auf die KI-Krise. Interessant sind seine Ansätze vor allem deshalb, weil er nicht nur von der Prüfung her denkt, sondern von der Frage her, wie wir konstant verbindliche Lernanreize setzen können. Sein Booklet-System ist eine solche Antwort. Entwickelt hat er dies übrigens schon in Vor-ChatGPT-Zeiten. Die Idee ist so bestechend wie einfach: Die Studierenden reichen jede Woche eine handgeschriebene (sic!) A5-Seite zur aktuellen Vorlesung ein. Diese Vorlesungsnotizen werden am Ende des Semesters zu einem Booklet gebunden, ausgedruckt und jeder Studierenden als individuelle Prüfungsunterstützung zur Verfügung gestellt während der Klausur. Das bedeutet, dass sich die Studierenden regelmässig mit den Inhalten der Lehrveranstaltung auseinandersetzen müssen, diese verarbeiten und in eine Form bringen, die ihnen ganz persönlich hilft während der Klausur. Die Bedingung, dass die Notizen handschriftlich verfasst sein müssen, mutet zwar anachronistisch an, zwingt die Studierenden jedoch zu einer sorgfältigeren Auseinandersetzung, weil Gedanken zusammengefasst und in eigene Worte gebracht werden müssen.
Weiter geht es mit „Lehre im Fokus“ mit drei weiteren Terminen: Während Dominik Herrmann die Frage ins Zentrum stellte, wie *trotz* KI geprüft werden kann, widmet sich der Beitrag von Douglas MacKevett (HSLU-W) am Donnerstag 02. April der Frage, wie Prüfungsformate *mit* KI aussehen. Dazu stellt er verschiedene Praxisbeispiele aus den verschiedenen Departmenten der HSLU vor. Am Mittwoch 06. Mai argumentiert Christian Rohrdantz (HSLU-I), weshalb Pen-and-Paper Prüfungen nach wie vor ihre Berechtigung haben, um gewisse Grundkompetenzen der Studierenden valide zu prüfen. In der Abschlussveranstaltung vom Mittwoch 20. Mai schliesslich diskutiert Samuel Müller (ZLLF) die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Prüfungslösungen und gibt einen Einblick in das laufende HSLU-Projekt zur Beschaffung einer neuen digitalen Prüfungsinfrastruktur.
Übrigens: Dominik Herrmann betreibt einen Blog, bei dem er Experimente, Überlegungen und Gedanken zu Lehre und Lernen an Hochschulen teilt.
Alle Details zu Lehre im Fokus gibt es auf der Website des ZLLF.
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image by Taiyo Onorato
