Im Artikel “I Hate Group Work!” beschreibt Elizabeth G. Allan aus Oakland die Herausforderungen von Gruppenarbeit im Studium. Auch auf der psychologischen Beratungsseite einer grossen Schweizer Fachhochschule wird Gruppenarbeit genannt als Studienproblem auf gleicher Ebene wie «Akute Stresssituation» und «Krise im Studium oder Privatleben» (Quelle dem Autor bekannt, aber es soll hier nicht um Beratungswebsites anderer Hochschulen gehen).
Gleichzeitig identifiziert die OECD die Kompetenz, «in heterogenen Gruppen zu interagieren» als eine der drei hauptsächlichen Schlüsselkompetenzen für die Zukunft – neben der Nutzung von Werkzeugen und dem autonomen Handeln in sozialen Kontexten. Im Zusammenhang von New Work werden Austausch, Dialog und Perspektivenwechsel in Gruppen als förderlich für die künftige Arbeitswelt beschrieben: «Vielfalt reduziert Fachkräftemangel» sagt der Experte für Human Design, Ibrahim Evsan. Und die interdisziplinären Vordenkenden Thompson Klein und Philipp bezeichnen die Fähigkeit zu Teamwork als unentbehrlich für die Lösung komplexer Probleme.
Wenn Zusammenarbeit im Team in der Praxis derart wichtig zu sein scheint, muss es demnach eine Aufgabe der Hochschullehre sein, diese Kompetenz zu fördern. Sie muss in die Curricula Eingang finden und aus den Beratungsstellen verschwinden (wo sie auch nicht hingehört). Um sie als Zukunftskompetenz ernst zu nehmen und zu fördern, braucht es mehr als ein paar Tipps auf einer Website über gesundes Studieren.
Im interdisziplinären Studiengang Digital Ideation sind solche Klagen kaum zu hören. Im aktuellen Jahrgang haben sich fast alle Bachelor-Studierenden freiwillig zu Teams zusammengefunden (mit Ausnahme einer Einzelarbeit zum Thema Teamförderung. Sic!). Sie arbeiten gerne zusammen, und bezeichnen ihre Arbeiten als «Passion Projects».
Wie können Dozierende ihre Studierenden unterstützen, um die Zukunftskompetenz der zu stärken?
Der Didaktikprofessor James L. Cooper schreibt über das Thema kleine Gruppen. Gemäss ihm richten sich Widerstände von Studierenden nicht grundsätzlich gegen Gruppenarbeiten, sondern zuweilen gegen die Form der Umsetzung: es braucht Klarheit in der Aufgabenstellung, klare Bewertungskriterien, ausgeglichene Einsatzbereitschaft der Gruppenmitglieder, gute Organisation und eine hinreichende Begründung, wozu Gruppenarbeit überhaupt gemacht wird. Neben der Didaktik und Organisatorischem scheint die gemeinsame Identifikation der Studierenden eine grosse Rolle zu spielen. Aus dem Umfeld anderer Hochschulen wird uns zudem berichtet, dass die Koordination der Stundenpläne und unpassende räumliche Voraussetzungen die Organisationshürden zusätzlich erhöhen.
Arbeitsumgebung bei Digital Ideation, HSLU. Foto: Raphael Andres
Bei Digital Ideation geniessen die Studierenden feste Arbeitsplätze, sie studieren in übersichtlichen Klassen von rund 30 Studierenden und haben koordinierte Stundenpläne. Die Projekträume sind ihre Heimat – auf Whiteboards stehen selbstgezeichnete Mangas neben mathematischen Formeln und Software-Architektur Diagrammen. Es braucht keine Absprachen, um sich ausserhalb der Kontaktzeit über den Weg zu laufen und so formell und informell zu interagieren. «Über den Weg laufen» – das scheint einer der Schlüssel für die Bildung einer Gemeinschaft und damit für gelingende Zusammenarbeit zu sein. So stehen unsere Studierenden, schon lange bevor Fragen des «planning or organization» sich stellen, auf einem Common Ground, im Wortsinn, auf einem gemeinsamen Boden.
Als Dozierendenteam schenken wir der Gruppenarbeit viel Zeit und Aufmerksamkeit, mit einem Rollenverständnis, das über die reine Fachexpertise hinausgeht. Wir begleiten gut begründete Gruppenprojekte, im Bereich Game, Web oder Emerging Technology, die ohne eine Vielfalt von Kompetenzen gar nicht realisierbar wären. Wir nehmen eine wertschätzende Haltung ein, geben Raum und trauen den Studierenden etwas zu. Wir unterstützen die Studierende organisatorisch, nehmen sie in ihrer eigenen Fachkenntnis ernst, und fördern ihren Peer to Peer Austausch.
Dies bedingt, dass wir dafür eigene Unterrichtsgefässe anbieten – die «Ideation Culture Labs», die sich diesen überfachlichen Kompetenzen, methodischen Fragen und Reflexion widmen. Methoden der Zusammenarbeit sind in unserer «Interdisciplinary Team Toolbox» gesammelt. Sie dienen eher der Identifikation in der Gruppe als konkreter Projektorganisation, für die es bereits gute andere Werkzeuge gibt. Sie können von Dozierenden niederschwellig in die Projektbegleitung eingebaut werden, oder von Studierenden eigenständig genutzt werden und fördern so den Peer-to-Peer Austausch. Manche dieser Methoden dienen der ausgewogenen Zusammensetzung unserer Studierendenteams, der Bildung einer gemeinsamen Vorstellung oder dem Austausch über individuelle Befindlichkeiten. Andere Methoden helfen beim Benennen der Unterschiede im Team und beim Dialog über mentale Bilder in der Projektarbeit.
Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, solche Zukunftsskills zu fördern (früher Soft Skills, oder dann Querschnittskompetenzen genannt). Wenn früh auf interdisziplinäre Kompetenzen wie Perspektivenwechsel, Moderation oder Sprachübernahme Wert gelegt wird, können spätere Missverständnisse und Konflikte gelindert oder ganz vermieden werden. Daran machen wir sinnstiftende Zusammenarbeit und gute Lernerfahrungen fest, und daneben Entfaltung und Freude – Passion Projects!
Wer mehr über unsere Methoden lernen möchte, sei hier zum Besuch des Kompaktkurses interdisziplinäre Projektmodule eingeladen.
Literatur:
Allan, E. (2016). „I Hate Group Work!“: Addressing Students’ Concerns About Small-Group Learning. InSight: A Journal of Scholarly Teaching, 11, 81–89. https://doi.org/10.46504/11201606al
Cooper, J. L., MacGregor, J., Smith, K. A., & Robinson, P. (2000). Implementing Small-Group Instruction: Insights from Successful Practitioners. New Directions for Teaching and Learning, 2000(81), 63–76. https://doi.org/10.1002/tl.8105
Evsan, I. (o. J.). Was ist New Work? New Work. Abgerufen 24. März 2025, von https://newworkblog.de/new-work/
Rychen, D. S., & Salganik, L. H. (o. J.). Definition and Selection of Key Competencies.
Thompson Klein, J., & Philipp, T. (authors contributed equally). (2023). Interdisciplinarity. In Handbook Transdisciplinary Learning. transcript Verlag. https://doi.org/10.1515/9783839463475
Wanner, A. (2023). Interdisciplinary Team Toolbox. https://doi.org/10.5281/ZENODO.8367867
Titelbild: Digital Ideation Studierende bei der Projektarbeit. Foto: Raphael Andres

