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Hörsaalgebäude Hochschule Osnabrück

Lehr-Lernkonferenz meets ICM & beyond 2025

Die diesjährige Tagung des Netzwerks «Inverted Classroom and beyond» zeichnete ein vielschichtiges Bild der Hochschullehre im deutschsprachigen Raum. Im Fokus stand die Frage, wie persönlichkeitsbildende Elemente in die Lehre integriert werden können. Eine Delegation des ZLLF beteiligte sich an der Tagung in Osnabrück und kehrte mit vielschichtigen Eindrücken zurück. Hier eine Auswahl:  

Der erste bleibende Eindruck entstand schon vor dem eigentlichen Tagungsbeginn beim Betreten des Tagungsgebäudes. Die Tagung fand im modernen Studiengebäude des Osnabrücker Hochschulcampus statt, dessen mehrstöckiges Foyer in einen stufenartig ansteigenden Arbeitsbereich für Studierende übergeht. Den Studierenden stehen hier Arbeitsplätze fürs gemeinsame Lernen, aber auch genügend Flächen fürs individuelle Arbeiten zur Verfügung, und die beiden Konferenztage zeigten auch, dass diese Möglichkeit von Studierenden rege genutzt wird. Damit war ein erster Impuls für die Tagung gesetzt: Hochschulen können – und sollen – integrale Lernräume sein, die Studierende auch neben den Lehrveranstaltungen Lerngelegenheiten bieten.  

Passend zum Netzwerk, das die Tagung ausrichtete, gestaltete Iris Neiske von der Uni Paderborn ihren Plenarvortrag als «Inverted Lecture». Analog zum «Inverted Classroom», bei dem sich Studierende die Lerninhalte selbständig aneignen und die gemeinsame Unterrichtszeit dann für Klärungen, Vertiefungen und Übungen genutzt wird, knüpfte Iris Neiske an das (bei den anwesenden Hochschuldidaktiker:innen und Hochschullehrenden vorhandene) Vorwissen an. Sie nutzte ihre Referatszeit für vertiefende Gruppendiskussionen, interaktive Auseinandersetzungen mit dem Plenum (mit der App Wooclap.com, die als Alternative zu Mentimeter verwendet werden kann) oder kurze Diskussionen. Ihr Referat zeigte, dass auch Veranstaltungen mit 100 Anwesenden interaktiv gestaltet werden können – und bei den «Zuhörer:innen» resp. eben selbst aktiven Teilnehmenden Gedanken und Erkenntnisse initiieren können, die klarer an das eigene Vorwissen und die eigene Lebenswirklichkeit anknüpfen als bei einem reinen Vortrag wäre. Gleichwohl zeigten die Gruppen- und Plenumsgespräche, dass klassische Vorlesungen nach wie vor ihren berechtigen Platz in der Hochschullehre haben. Sie müssen dazu allerdings mehr denn je rhetorisch gut ausgestaltet sein (was lernbar ist) und gegenüber der reinen Lektüre eines Fachbuchs einen Mehrwert bieten. Lehrende sind dabei vor allem als Persönlichkeiten gefragt, die die Sachlagen einordnen, Orientierungswissen bilden und Lerninhalte mit eigenen Erfahrungen und lebensweltlicher Relevanz in Beziehung setzen.    

Was passiert, wenn man die Lehrveranstaltung im Fach Mathematik für das Grundschullehramt für 200 Studierende vom Inverted Classroom zu einem HyFlex-Format weiterentwickelt und gleichzeitig als MOOC anbietet? Das zeigten Christoph Spannnagel und Dominik Meergans der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. In ihrem Konzept HyFlexMath wird die Präsenzveranstaltung konsequent für das gemeinsame Lösen von Mathematikaufgaben genutzt, während die Vor- und Nachbereitung verbunden mit Lernstrategieanregungen online über die Lernplattform Moodle erfolgt. Im HyFlex-Format können die Studierenden flexibel entscheiden, ob sie vor Ort teilnehmen, was ca. 80% machen, ob sie synchron online mit dabei sind oder ob sie die Aufzeichnung anschliessend asynchron bearbeiten möchten. Damit sollen alle Studierenden die für sie geeignete Angebotsform wählen können. Durch die Öffnung der Veranstaltung als MOOC nehmen daran auch Personen ausserhalb der Hochschule teil. Dies führte dazu, dass weitere ca. 400 Teilnehmende im MOOC eingeschrieben sind. Eine Evaluation zeigt, dass dies z.B. Pensionäre, alleinerziehende Personen oder Mütter sind, für die ein Präsenzstudium nicht so einfach umzusetzen wäre. Das HyFlex-Format mit MOOC spricht also definitiv eine sehr viel grössere, am Thema Mathematik interessierte Teilnehmendengruppe an, führt aber auch zu einigen komplexen Herausforderungen, welche im Workshop diskutiert wurden. Wie gelingt es, Studierende zu motivieren, ihre Fragen ins Forum des MOOCs zu schreiben oder – noch einen Schritt früher angesetzt – sie dabei zu unterstützen, überhaupt wahrzunehmen, dass sie Fragen haben und diese Fragen auch formulieren können. Dass genau das Erkennen eigener Fragen herausfordert, zeigte die angeregte Diskussion in der Workshopgruppe, in der weitere Mathematikdozierende anwesend waren und die gleiche Challenge aus dem Präsenzunterricht beschrieben. Dies wiederum zeigt, dass manche didaktische Herausforderung unabhängig vom Lehrformat besteht, aber sich vielleicht in einem Lehrformat stärker akzentuiert als in einem anderen. Auch wurde darüber diskutiert, wie der interaktive Austausch und die kollaborative Bearbeitung von Matheaufgaben in einer hybriden Lerngruppe gelingen kann.  Wie können mehr Studierenden zur Teilnahme an Breakout-Sessions motiviert werden, wo sie doch vor allem dann die Online-Teilnahme wählen, wenn sie gerade unterwegs sind oder wenig Zeit haben?  Der gesuchte Vorteil des Formates ist gleichzeitig auch sein Nachteil.  

Der Workshop zeigte aber auch klar, dass herausfordernde Rahmenbedingungen nicht dazu führen müssen, neue Ideen gar nicht erst anzupacken, sondern sich damit zu arrangieren und motiviert etwas daraus zu machen, auch wenn das bedeutet, 30 min. vor jeder Lehrveranstaltung im Hörsaal die Übertragungstechnik aufzubauen. Auch kann ein MOOC über das LMS Moodle erstellt und publiziert werden. Definitiv wichtig ist hingegen ein Wurfmikro, damit alle im Saal auch online hörbar sind, und eine Co-Moderation des Chats während der Veranstaltung.  

Dass auch eine mit allen technischen Details gespickte Infrastruktur für Online-Unterricht nicht alle Probleme löst, zeigte der Workshop von Henrik Dindas und Frank Schulte von der «FOM Fachhochschule für Ökonomie und Management». Die Hochschule konzentriert sich konsequent auf Blended-Learning-Lehrgänge, die Online-Veranstaltungen mit Präsenztagen an den drei Standorten der Hochschule kombinieren, und führt daneben auch reine Online-Studiengänge. Ihr Workshop zum Titel «Nähe und Distanz: wenn virtuelles Lehren mehr soziale Präsenz erzeugt als der Hörsaal» regte die Auseinandersetzung mit dem Begriffe der Präsenz an. Die Referenten zeigten auf, dass soziale Präsenz als die zentrale Dimension wirksamer digitaler Lehre gilt und das Engagement, die kognitive Aktivierung und Lernzufriedenheit der Studierenden beeinflusst. Doch wie genau erreicht man die drei Vorstufen zur «echten Präsenz» mit Copräsenz, Involviertheit und Interaktivität durch methodischen Arrangements im Online Unterricht? Auch wenn die Referenten davon ausgingen, dass dafür viele kleine Details nötig sind, regte der Workshop die Diskussion mit durch KI generierten Methodenbeschriebe an. 

Spannend war auch, dass nicht-staatliche Hochschulen an der Tagung direkt oder indirekt immer wieder zum Thema wurden. Die Vertreter der «FOM Fachhochschule für Ökonomie und Management» stellten in ihrem Workshop auch die technische Infrastruktur ihrer Hochschule vor: Die Hochschule verfügt über ca. 100 telefonkabinen-grosse, sehr gut ausgestattete Aufnahmestudios, in denen die Lehrenden ihre Lehrveranstaltungen durchführen. In den Diskussionen an der Konferenz auch zur Sprache kamen etwa die UI Fernhochschule, die inzwischen grösste Hochschule Deutschlands mit 35 Präsenzstandorten, oder die 2014 gegründete Medizinische Hochschule Brandenburg, die eine geografische Lücke in der deutschen Hochschullandschaft füllt. Die Beispiele zeigten deutlich, dass nicht-staatliche Hochschulen vor allem dort an Bedeutung gewinnen, wo staatliche Hochschulen didaktisch oder geografisch keine passenden Angebote haben.

Das Netzwerk Inverted Classroom and beyond ist ein loser Verbund von Hochschulen, die sich – ausgehend vom «Inverted Classroom Modell« zu modernen Lehr- und Lernformen bekennen. Die nächste Tagung des Netzwerks führt das ZLLF im Frühling 2027 in Luzern durch; die Tagung wird auch allen Angehörigen der HSLU offenstehen. 

Image: Hörsaalgebäude Hochschule Osnabrück (Jens Kirchner für CROSS Architecture)

Image: Graffiti Innenstadt Osnabrück

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