Zwischen Selbstfürsorge und Fremdsteuerung: Ein Selbstversuch mit Smarttrackern

von Benjamin Steiner, Absolvent Minor Digitalisierung und Soziale Arbeit, Mai 2026

Smartwatches sind längst Teil des Alltags und versprechen mehr Gesundheit durch Selbsttracking. In einem vierwöchigen Selbstversuch habe ich untersucht, wie ein Smarttracker mein Verhalten und meine Körperwahrnehmung beeinflusst. Dabei zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Selbstfürsorge und Fremdsteuerung durch Daten. Der Beitrag reflektiert Chancen und Risiken dieser Technologien sowie die Möglichkeiten, sie in der Praxis der Sozialen Arbeit sinnvoll einzusetzen.

Bevor der eigentliche Selbstversuch startete, trug ich über zwei Wochen die Smartwatch (Fitbit Versa 4) zur Kalibrierung meiner Daten. Gleichzeitig definierte ich Ziele in meinem Tagesplan. 10000 Schritte, 7-9h Schlaf, und Aktivzonenminuten. Spannend ist dabei, dass die oft genannten 10000 Schritte aus einer Werbekampagne stammen und nicht aus dem Gesundheitsbereich.

Während zwei Wochen erfasste ich die Daten und verglich sie dreimal täglich mit meinem eigenen Empfinden. Meine Beobachtungen hielt ich mit Sprachmemos und Tagebucheinträgen fest.  Nach diesen zwei Wochen habe ich die Uhr bewusst weggelegt und das Tagebuch noch zwei Wochen ohne Tracking weitergeführt. Ich wollte wissen, ob ein Bedürfnis nach Daten bleibt und wie sich mein Verhalten verändert. Am Ende folgte die Datenauswertung. Ich war überrascht, dass ein Teil der Daten, vor allem Schlaf und Schritte, erstaunlich präzise mit meinem eigenen Empfinden übereinstimmten.

Abbildung 1: Diagramm Sleepscore (eigene Darstellung)

Spannend wurde es bei Abweichungen zwischen Daten und Empfinden. Körperlich anstrengende Tätigkeiten, wie handwerkliche Arbeiten, wurden kaum als Aktivität anerkannt. Gleichzeitig erhielt ich die Aufforderung aktiv zu werden, obwohl ich bereits einen körperlich anstrengenden Tag hatte. Viele Smartwatches zeigen mit einer einzigen Zahl («Tagesform Index» oder «Bodybattery») die Leistungsfähigkeit an. Dieser Index war besonders irritierend. An gewissen Tagen zeigte mir die Uhr eine hohe Leistungsfähigkeit, obwohl ich mich erschöpft fühlte. An anderen Tagen war es genau umgekehrt. Das brachte mich dazu, diese Daten zu hinterfragen.

Abbildung 2: Diagramm Tagesform Index (eigene Darstellung)

Im Verlauf des Selbstversuches bemerkte ich, dass mich die Zahlen nicht nur motivieren, sondern auch unter Druck setzen können. Einerseits ging ich eher noch eine Runde Joggen, damit ich mein Ziel erreiche, andererseits entstand dadurch auch innerer Stress. Genau hier zeigt sich für mich ein Spannungsfeld von Selbst und Fremdsteuerung. Lehner (2020) hebt hervor, dass diese Technologien uns unserer natürlichen Lebensrhythmen berauben (S. 132).  Für mich wurde klar, dass man sich nicht blind auf die Daten verlassen darf, sondern diese hinterfragen muss. Die Entwicklung eines eigenen Körpergefühls und das Wissen darüber, was ich brauche, bleiben entscheidend, auch wenn die Uhr etwas anderes sagt. Nach der Trackingphase habe ich festgestellt, dass sich mein Bewegungsverhalten ohne Uhr kaum verändert hat. Auch fühlte ich kaum ein Verlangen nach Zahlenkontrolle.

An eine Situation erinnere ich mich jedoch besonders. Ich lief zwei Mal am Tag, ohne Uhr, dieselbe Strecke und hatte das Gefühl beim zweiten Mal schneller gewesen zu sein. Eine Überprüfung der einzelnen Parameter wäre spannend gewesen. Genau hier sehe ich das Potenzial der Geräte. Sie machen Fortschritte sichtbar und Fitnessziele messbar. Die Hersteller:innen bewerben die Geräte primär mit dieser Zielsetzung. Gleichzeitig werben sie auch mit anderen Funktionen wie Herzfrequenzüberwachung oder Sauerstoffsättigung im Blut. Jedoch sehe ich im Alltag darin kaum einen konkreten Nutzen. Vielmehr hinterfrage ich, welchen Nutzen die Hersteller:innen damit verfolgen. Krämer (2025) zeigt auf, dass Smartwatches eine Riesenmenge an persönlichen Gesundheitsdaten erfassen (S.31-34). Das Thema Datenschutz und Data Literacy  darf nicht ausser Acht gelassen werden. Krämer (2025) betont zudem, dass Konzerne wie Google etc. ein starkes Interesse an diesen Daten haben, weil diese wertvollen Informationen enthalten. Auch wenn z.B. Google verspricht, diese Daten nicht weiterzugeben, (warum sollten sie auch?) können sie dennoch für Werbezwecke genutzt werden (S.31-34). Auch Krankenkassen bieten Apps an, die gesundes Verhalten belohnen. Was wiederum weitere Fragen aufwirft.

Mir wurde bewusst, dass der Umgang mit Smarttrackern und anderen technischen Tools ein hohes Mass an technischen Kompetenzen, kritischem Denken und reflexiven Fähigkeiten erfordert. Genau hier sehe ich auch in der Sozialen Arbeit Handlungsbedarf. Viele Adressat:innen verfügen über solche Tools ohne die nötigen Kompetenzen. Ich sehe es als Aufgabe der Fachkräfte, die Adressat:innen in der Nutzung zu unterstützen und aufzuklären. Gleichzeitig sehe ich viele positive Aspekte für die Praxis. Smartwatches können gezielt eingesetzt werden, um die Entwicklung eines eigenen Körpergefühls zu fördern. Zudem können sie helfen in Förderplanungen messbare Aktivitätsziele zu setzen. Auch als Bildung oder Gesprächsanstoss, bieten diese Tools einen sinnvollen Nutzen um Themen wie Datenschutz, Abhängigkeiten, Interessen hinter Tools zu erkennen oder digitales Empowerment zu bearbeiten.

Mein Selbstversuch hat mir gezeigt, dass diese kleinen Geräte durchaus einen Einfluss auf den Alltag haben. Sie können als Unterstützung im Alltag dienen, können aber auch die eigene Wahrnehmung und das Verhalten beeinflussen. Umso wichtiger ist ein bewusster und kritischer Umgang damit. Auch der Datenschutz spielt eine grosse Rolle, da viele persönliche Gesundheitsdaten gesammelt werden und oft nicht klar ersichtlich ist, wie diese weiterverwendet werden.

Quellen

Krämer, F. (2025). Self-Tracking mit digitalen Artefakten: Zur pädagogischen Logik einer distribuierten soziotechnischen Praxis. Springer Fachmedien Wiesbaden.

Lehner, N. (2020), Digitale Technologie zwischen Überwachung, sozialer Kontrolle und Fürsorge in Kutscher, N., Ley, T., Seelmeyer, U., Siller, F., Tillmann, A., & Zorn, I. (2020). Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung (1. Auflage). Beltz Juventa.

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