“Learning is the process whereby knowledge is created through the transformation of experience.” Dieser Satz von David Kolb bringt es für mich ziemlich gut auf den Punkt: Lernen passiert nicht einfach, indem wir Informationen aufnehmen. Es entsteht erst dann wirklich, wenn wir Erfahrungen machen, darüber nachdenken und sie einordnen.
Begegnet ist mir diese Idee nicht erst in der Hochschullehre. Schon als Primarlehrer habe ich erlebt, wie wertvoll es ist, Lernprozesse sichtbar zu machen. Mit den Kindern habe ich regelmässig darüber gesprochen, was ihnen leichtgefallen ist und wo es schwierig wurde. Diese Gespräche waren oft erstaunlich differenziert. Kinder konnten sehr genau benennen, warum etwas funktioniert hat oder eben nicht. Dinge, über die besonders intensiv nachgedacht wurde, fanden schliesslich ihren Platz im Portfolio. In solchen Momenten wurde Lernen greifbar: nicht als richtig oder falsch, sondern als individueller Prozess.
Heute zeigt sich für mich: Der Transfer von der Schule in die Hochschule ist gar nicht so gross, wie man vielleicht denkt. Auch Studierende profitieren davon, innezuhalten und über ihr Lernen nachzudenken. Hier setzt Portfolioarbeit an. Sie macht Lernprozesse sichtbar und hilft dabei, das eigene Lernen bewusster zu verstehen und zu gestalten – nicht nur am Ende, sondern über die Zeit hinweg. Gerade heute ist das besonders relevant. Wissen ist jederzeit verfügbar. Texte, Zusammenfassungen oder Problemlösungen lassen sich in Sekunden durch KI generieren. Was aber nicht einfach automatisiert werden kann, ist der Umgang damit: einordnen, hinterfragen, verknüpfen. Genau diese Reflexionsfähigkeit wird immer wichtiger und sie ist es, die Studierende von rein reproduzierendem Wissen unterscheidet. Portfolioarbeit bietet dafür einen konkreten Rahmen. Studierende sammeln über einen längeren Zeitraum hinweg Artefakte ihres Lernens, wählen aus und kommentieren sie. Entscheidend ist dabei weniger die Sammlung selbst als das Nachdenken darüber. Durch das Zusammenstellen von Inhalten, das Herstellen von Zusammenhängen, das Formulieren von Erkenntnissen und das Einholen von Feedback entsteht Wissen, das über den Moment hinausgeht.
Ein spannender Aspekt kann dabei auch der Umgang mit KI sein. In einem Portfolio kann sichtbar gemacht werden, wie mit solchen Tools gearbeitet wurde: Wann kam KI zum Einsatz? Wofür war sie hilfreich? Wo waren ihre Grenzen? Diese Form der Auseinandersetzung macht den Einsatz nicht nur transparent, sondern wird selbst zum Lerngegenstand.
Aber auch für Dozierende verändert sich etwas. Portfolioarbeit ermöglicht Einblicke in Lernprozesse, die sonst oft verborgen bleiben. Man sieht nicht nur, was entstanden ist, sondern wie. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Feedback und Begleitung. Lernen wird stärker zu einem Dialog.
Auch an der Hochschule Luzern wird dieser Ansatz bereits gelebt. Unter anderem in den Studiengängen der Pflege wird mit Switchportfolio (auf Basis von Mahara) gearbeitet, um Lern- und Entwicklungsprozesse systematisch sichtbar zu machen.
Natürlich ist Portfolioarbeit kein Selbstläufer. Sie braucht klare Rahmenbedingungen, gute Begleitung und Zeit. Ohne Orientierung besteht die Gefahr, dass Reflexion oberflächlich bleibt oder als zusätzliche Belastung empfunden wird. Umso wichtiger ist es, Studierende an diese Form des Lernens heranzuführen und Raum für Austausch zu schaffen.
Quellen:
Kolb, D. A. (1984). Experiential learning: Experience as the source of learning and development (Vol. 1). Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall.
