Fallbeispiel

Ein paar Gedanken über selbstreferenzielle und oberflächliche Tweetups

Letzte Woche war also der erste Tweetup in einem Museum in der Schweiz, im Historischen Museum Basel genau genommen. Es war auch mein erster Tweetup. Da stand ich also nun, mit etwas 20-30 anderen Twitterern, hörte mit einem Ohr zu und schickte Bilder, Bonmots und kurze Stichworte über die Führung zum Thema „schuldig…“ in die weite Welt hinaus. Einer meiner Tweets wurde sogar in einem Artikel der Website des Schweizer Fernsehens SRF zitiert:

tweet_vom_tweetup_hmb

Natürlich habe ich noch schnell überlegt, ob ich das Wort „verpisst“ in diesem Kontext benutzen soll. Aber etwas Besseres fiel mir grad nicht ein, schnell musste es gehn und maximal 140 Zeichen durften es sein. Nicht von ungefähr hat die Autorin des SRF diesen Tweet zitiert. Der Grundtenor des ganzen Artikels war skeptisch. „Selbstreferentiell“ sei das Ganze und das Wort oberflächlich fiel zwar nicht, wurde aber in jeder zweiten Zeile des Artikels impliziert. Zuerst einmal gebe ich der Autorin auf der ganzen Linie recht: Ja, viele der Tweets waren oberflächlich, ja die Veranstaltung war eine Echo Chamber von ein paar Insidern und ja, das junge Publikum, dass man erreichen will, blieb zum Grossteil aus. Trotzdem basiert dieser Artikel auf mehreren Missverständnissen.

Text ist nicht gleich Schriftkultur

Walter Ong hat wunderbar erklärt, wie sich die Welt der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit unterscheiden. Ong geht davon aus, dass die Schriftkultur das Denken der Menschen völlig verändert hat. Die Schrift ist ein Mittel, um unsere eigenen Gedanken aus der Distanz zu betrachten. Durch sie werden Selbstreflexion und Selbstbewusstsein erst möglich. In Kulturen, die keine Schrift kennen, so Ong, sind folglich die Menschen weniger selbstbezogenen, sondern denken eher in Kategorien des Wir, womit die Familie, der Stamm, der Clan gemeint ist. Dementsprechend beschreibt Ong die mündliche Sprachkultur mit Begriffen wie empathisch und antagonistisch (also stark emotionalisiert) wohingegen er der Schriftkultur eher Begriffe wie analytisch und abstrakt zuweist. Und wir sehen ja auch heute noch den Unterschied. Die Sprache der bildungsfernen Ghettos, des RAP sind rauh, emotional, wütend etc… wohingegen der Umgangston im soziologischen Seminar eher distanziert, argumentativ etc… ist. Printmedien wie die Bildzeitung oder ihr Schweizer Pendant, der Blick, orientieren sich traditionell nicht an der Elite der Schriftkultur, sondern schauen „dem Volk“ auf den Mund. Auch bei mir bemerke ich, dass meine Sprache sich sehr stark verändert, je nachdem ob ich schreibe oder spreche und auch natürlich je nachdem mit wem ich spreche. Das Wort „verpisst“ ist eher der mündlichen Sprachkultur zuzuordnen und wäre in einem Gespräch niemanden weiter aufgefallen.

[youtube]http://youtu.be/yAV30TLCu6Y[/youtube] Gesprochene Sprache: Nicht immer druckreif…

Was wir nun in den letzten Jahren in den Sozialen Medien vermehrt erleben, ist eine völlige Vermischung von mündlicher Kultur und Schriftkultur. Natürlich sind die meissten Äusserungen auf Facebook, Twitter und Co oberflächlich. Genauso oberfläch wie das, was die meissten von uns täglich so von sich geben. Will man deswegen denjenigen, die nicht durchgehend druckreif sprechen, das Sprechen verbieten? Genauso absurd ist es, sich über die Oberflächlichkeiten auf Facebook und Twitter aufzuregen. Soziale Medien erlauben eine Vermischung von Oralität und Literalität, von einer Kultur der gesprochenen Sprache und einer Kultur der geschriebenen Sprache. Alltagskonversationen werden plötzlich in Schrift überführt. Dass dies für die Hüter der Hochkultur ein Schock ist, kann ich verstehen. Diese Schrifterzeugnisse aber nach den Masstäben der Gutenberg-Ära zu bewerten, ist ein grosses Missverständniss. Viel interessanter wäre es doch, diese kulturellen Veränderungen mit offenem Auge und Verstand zu beobachten und zu reflektieren und nicht aus dem Schmollwinkel der Hochkultur. Gerade für Institutionen wie den SRF wird dies in den nächsten Jahren überlebensnotwendig sein.

Medien und Botschaft sind nicht indentisch

Das Medium ist die Botschaft, orakelte Marshall McLuhan in den 1960igern. Alan Kay, einer der Pioniere des Interface Design hat vor einigen Jahren eine interessante Interpretation dieses Ausspruchs geliefert: Ein Neuling am Computer sei so beschäftigt mit dem Interface, der Benutzeroberfläche, dass ihm der Blick auf die eigentlichen Inhalte versperrt bleibe. Jeder hat das wohl selber erlebt: So viele bunte Knöpfe, so viele Möglichkeiten, die Zeit verrinnt, aber für das, was man eigentlich tun wollte, bleibt keine Zeit. Oder: die komplizierte Fernbedienung steht im Weg zwischen mir und dem Tatort. Kay spricht in diesem Zusammenhang von einer intransparenten Nutzeroberfläche. Das ungewohnte oder schwerfällige Interface verwehrt oder erschwert zumindest den Blick auf die eigentlichen Inhalte. Erst wenn der Anwender das Interface völlig verinnerlicht hat, kann er sich dem Inhalt voll und ganz zuwenden, das Interface wird transparent. Insofern relativiert Kay den pointierten Ausspruch von McLuhan. Natürlich besteht immer eine Wechselbeziehung zwischen Medium und Inhalt, aber gerade dann, wenn es neu ist, steht das Medium im Vordergrund und verdrängt die Inhaltte. Erst einmal muss man herausfinden, wozu dieses Medium eigentlich gut ist, bevor man sich auf die Inhalte konzentrieren kann.

[youtube]http://youtu.be/xFAWR6hzZek[/youtube] Typisch neues Medium: Das Interface versperrt den Blick auf die Inhalte

Dieses Phänomen trifft natürlich auch auf neue Medien wie Twitter zu. Der einzige Weg herauszufinden, wie man mit solchen neuen Werkzeugen umgeht und was man damit alles anstellen kann, ist das Experiment. Museum Tweetups sind Experimente einer euphorisierten Museums-Community, welche die Social Media als eine neue Ausdrucksform für eine Art der Museumsarbeit sehen, in welcher der direkte Kontakt zum Publikum immer wichtiger wird. Wenn man begeistert ist, macht man allerhand Dinge, die einem in ein paar Jahren im Nachhinein etwas albern vorkommen mögen. Das ist gut so, denn sonst wäre die Druckmaschine bis heute wohl nicht erfunden worden. Das heisst, nicht nur die Museen, sondern wir alle sind inmitten eines Prozesses in dem wir die neuen Medien versuchen zu verstehen und sie gleichzeitig ständig reinterpretieren. Dabei geht es oft nur am Rande um Inhalte.

Tweetups wird es in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr geben, aber sie stellen eine Art Extremtest dar für das, was passieren kann, wenn Besucher ein Medium wie Twitter völlig absorbiert haben und damit im Museum zu Werke sind. Es ist wichtig, dass Museen frühzeitig solche Erfahrungen machen und Hut ab vor dem Historischen Museum Basel, dass es diesen Schritt gewagt hat.

Soziale Medien sind nicht gleich junges Publikum

Das letzte Missverständnis betrifft vor allem auch die Museen. Mit sozialen Medien bekommt man kein junges Zielpublikum ins Museum. Wer das glaubt, verwechselt das Medium mit dem Inhalt. Wenn mich die Institution Museum, die Objekte und deren Darbietung nicht interessieren, dann werden auch Tweets oder Facebook mich nicht umstimmen. Soziale Medien können und werden den Umbruch begleiten, sie können ihn jedoch nicht tragen. Wenn ich ein junges Zielpublikum will, dann muss ich dieses Publikum zuerst einmal ernst nehmen und es für die Kultur begeistern. Ernst nehmen heisst, dass man jungen Menschen eine Plattform bietet, indem man z. B. Führungen von Jugendlichen für Jugendliche macht. Es heisst auch, dass man ihnen verständlich macht, dass diese Objekte eben nicht aus einer anderen fernen Welt sind, sondern dass sie uns als zeitgenössische Menschen mitgeprägt haben. Viele Museen haben dies erkannt und sind auf dem mühsamen Weg eine Kultur zu verändern, in der Kinder lange darauf getrimmt wurden, dass ein Ausstellungsraum ein Ort der Andacht und der Stille sei, in dem man sich möglichst leise bewegt. So ganz nebenbei, auch ich schätze es mitunter, an einem ruhigen Abend oder Vormittag allein durch ein Museum zu wandeln, aber alles braucht seinen Platz und die meissten Museen, die ich kenne, bieten noch immer (zu) viel Raum für Stille – sprich sie sind sehr oft leer.

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Eins ist sicher, die sozialen Medien sind gerade dabei, unsere Kommunikationsverhältnisse und -Verhalten dramatisch zu verändern. Solch ein drastischer Umbruch ist mit Komplikationen, Verwirrung, vielleicht sogar mit Schmerz verbunden. Die verschiedensten kritischen Publikationen der letzten Zeit (Schirrmacher, Turkle, …) sind Zeugnis. Es hilft jedoch nichts, sich im Bunker der Hochkultur zu verschanzen und zu hoffen, dass das irgendwann vobei geht. Sinnvoller wäre es, sich diesen Entwicklungen zu stellen, sie versuchen zu verstehen und sich darauf einzulassen, aber immer eingedenk der Maxime: „We shape our tools and afterwards our tools shape us“ (McLuhan).

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