Fallbeispiel

Wissen, was die Zuhörer beschäftigt

Die Postkarten-Karten-Serie des Tagesanzeigers (Tagi) erzählt in unregelmässigen Zeitabständen anhand von historischen Ansichtskarten aus Zürichs Vergangenheit.

Die Serie ist ansprechend, weil sich immer sofort Bezüge mit Bekanntem herstellen lassen. Trauriges, Lustiges, Bedenkliches gibt es da zu erfahren. Manchmal sind die Geschichten weit ab von den heutigen Problemen, manchmal führen sie einem aber auch vor Augen, dass heute ähnliches Furore macht wie vor 60 Jahren. So entwickeln sich Bauprojekte in der Innenstadt heute wie damals immer gleich zu einem Politikum. Es geht dabei nicht selten um das Selbstverständnis des mulitkulturellen, kleinen Grossstadt-Zürichs und seinen Bewohnern. Diese Woche bietet eine Postkarte der ehemaligen gedeckten Holzbrücke beim Haupfbahnhof Zürich Anlass, die Geschichte um deren Abriss wieder aufzurollen (Druckausgabe des  Tagi vom 17. Novemeber 2010).

Abgesehen von der lokalpolitischen Ebene, auf die der Artikel referiert, ist es aber interessant das Beispiel der Postkarten-Grüsse aus dem Tagi mit Facbook-Eintrag des Museums of London vom 11. November zu vergleichen. Denn das Museum of London nahm zufälligerweise diesen regnerischen Donnerstag als Anlass, ‚regnerische‘ Postkarten aus dem Archiv  auf Facebook zu veröffentlichen und damit möglicherweise die Facebook-Follower mit ihrem Wetter-Schicksal zu versöhnen – war es doch früher auch nicht besser.

Museum of London on Facebook

Doch was macht das Vorgehen in den beiden Beispielen jetzt so charmant? Was sie verbindet ist der Bezug zu unserem Alltag. Und zwar ist es nicht unser individuelle Alltag mit seinen verschiedenartigen Problemen, sondern Gemeinplätze des täglichen Lebens, die uns alle verbinden: Das Wetter einerseits (Museum of London) und bekannte Ecken unseres Wohnortes (Tagi). Im Beispiel des Facbook Eintrags des Museums of London macht der Facebookeintrag diesen Bezug sogar noch explizit:  „In homage to today’s wet and windy weather, here’s a few wet and windy images from our Picture Library…“ . Mit anderen Worten die Schreiber befinden sich im Hier und in London, genau wie die Facebook-Gemeinschaft. Dieser ganz explizite Aktualitätsbezug ist eigentlich typisch für ein ganz anderes Medium, nämlich für das Radio. Erfolgreiche Radiomoderatoren werden immer versuchen, ihren Hörern das Gefühl zu geben, zu wissen, was sie gerade beschäftigt. Denn sie leben, genau wie die Hörer in der selben Stadt – oder Musikwelt. Sie beschäftigt daher  die selben Fragen wie die Hörer. Wahrscheinlich ist das mit ein Grund, warum es  nicht selten zu Identifikationen (oder Ablehnungsreaktionen) mit einzelnen Radiostationen kommt und wieso Radiomoderatoren nicht selten Kultstatus haben.

Was die Postkarten-Beispiele aus dem Tagi jetzt aber von dem Facebook-Eintrag des Musems of London unterscheidet, sind die spontanen Interaktionsmöglichkeiten, die das Social Web bietet. Die Facebook-Gemeinschaft kann auf den Eintrag mit Kommentaren reagieren, den Eintrag mit Gefallen (thumb up) quittieren – oder der Link zum Online-Foto-Archiv Museum of London-Prints empfehlen oder weiterleiten. Die nette Aufmunterungs-Geste mit den Regenbildern wird damit indirekt auch zu einem attraktiven Hinweis auf das Web-Archiv und damit eine willkommene Eigenwerbung für das Angebot des Museums. Anders funktioniert die Tagi-Serie, welche mit Copyright geschützten Keyston-Bilder arbeitet. Man könnte sich jetzt fragen, ob eine Veröffentlichung eines Teils dieser Fotochrom-Postkarten-Sammlung unter dem Creative Commons Recht – mit einem entsprechenden Link im Artikel – nicht die attraktivere Werbung für die Fotoagentur wäre, als die blosse Namensnennung, oder auch, ob eine Picture Gallery in der Online-Ausgabe des Tagesanzeigers sich allenfalls zu einer Diskussion unter den Lesern entwickeln oder gar zu einer Leser-Foto-Sammlung führen könnte.

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