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Geschichten sind Einstiegshilfen und Türöffner (Interview mit Franziska Dürr)

Franziska Dürr (Leitung Kunstvermittlung im Aargauer Kunsthaus) zur Funktion von Geschichten und darüber, wie in Führungen kleine Entdeckungen gemacht werden.

Franziska Dürr steigt mit einer Geschichte ins Gespräch ein:

„Ausgangspunkt für die Kunstsammlung in Aarau bildete ein Kunstwettbewerb. Das Siegerbild sollte den Beginn der Sammlung markieren. Weil sich die Jury nicht auf ein Bild einigen konnte, legte man sich auf zwei Bilder fest. Das Budget musste für den Ankauf entsprechend erhöht werden. Zu sammeln, bedeutet eben auch kompromisslos zu sein und andere von seinem Standpunkt zu überzeugen.“

 

Vorstellungen vermitteln – Geschichten bilden Einstiegshilfen

Diese etwas arg verkürzte Geschichte zur Gründung der Kunstsammlung ist ein gutes Beispiel für die Anschauungskraft von Geschichten. Sie bieten Anknüpfungspunkte zum eigenen Erfahrungsschatz und können so beispielsweise eine Vorstellung von Geschichte – also von vergangenen Ereignissen – vermitteln. Vielleicht erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit, dass wir früher selber einmal Bilder oder andere Gegenstände gesammelt haben. Oder vielleicht schmunzeln wir beim Gedanken, dass wir im Zusammenhang mit diesen Sammelaktivitäten und dem entsprechenden Interesse für Kunst, Briefmarken oder Panini-Bildchen sogar bereit gewesen waren, einem Verein beizutreten oder diesen zu gründen. Mental sind wir mit diesen Gedankengängen bereits dabei, verschiedene Ebenen des Sammelns und des Gründens zu erkunden. Die Erinnerungen mögen banal sein, Fakt ist, dass wir durch sie eine deutlichere Vorstellung des kleinen, Aargauer Gründungs-Abenteuers erhalten. Das heisst auch, dass mit einer Geschichte, die nicht länger ist, als drei Sätze, eine Brücke geschaffen wurde. Eine ziemlich effiziente Vermittlungsarbeit würde ich das mal nennen.

Im Rahmen des Interviews zum Thema Storytelling hat die Geschichte zur Kunstsammlung ausserdem noch einen andere Aufgabe: Sie erhöht meine Aufmerksamkeit. Das bedeutet indem Dürr die beschriebene ‚Einstiegs-Funktion’ von Geschichten vorführt (statt zu erklären), werde ich neugierig. Ich bin hellwach und mein Interesse ist geweckt.

Zugang schaffen – Geschichten sind Türöffner

Ähnlich wie bei der Einstiegs-Funktion – welche abstrakte oder vergangene Ereignisse fassbarer machen kann – können Geschichten auch zu einem individuellen Zugang zu Kunst verhelfen. Geschichten sind Türöffner.

„Ohne eine persönliche Geschichte, die mich mit einem Bild verbindet, bleibt dasselbe eine visuelle Tatsache, welche nicht sehr lange von Interesse ist.“

Wie die Verbindung zwischen Bildern und den Geschichten der BetrachterInnen zustande kommt, erläutert Franziska Dürr am Beispiel des «Wanderers» von 1922 von Ernst Ludwig Kirchner:

„Kirchners «Wanderer» erinnert vielleicht an eine eigene Wanderung. Der Wanderer selbst vielleicht an einen etwas grimmigen Grossvater. Die visuelle Darstellung löst also Erinnerungen aus an Menschen und an Erlebnisse mit ihnen. Etwas, was ich mit dem Bild verbinden kann, wird präsent.“

Dieses Präsent-sein von Geliebtem, Gehasstem oder Erlebtem verbindet Kunst mit unserer eigenen Geschichte. Und diese individuelle Verbindung macht die Gemälde oder Kunstobjekte für uns bedeutsam. Vielleicht erinnert uns eine Darstellung an eigene Empfindungen und wir fühlen uns bestätigt in einer Haltung. Vielleicht bietet das Bild aber auch eine neue Perspektive auf eigene Erfahrungen und wir sehen diese dadurch mit neuen Augen. Erst wenn ein solch individueller Zugang zu einem Bild geschaffen ist – so Dürr’s Überzeugung – kann die Beziehung zu einem Kunstwerk von Dauer sein.

Aus diesem Grund stehen Geschichten im Aargauer Kunsthaus – mehr noch als in anderen Kunstvermittlungen – im Zentrum der Arbeit der Vermittlung: Sie werden bei Führungen eingesetzt, in Workshops als Tool verwendet – sie bilden so was wie das gemeinsame Credo für gute Vermittlung, weil sie auch für Kunstunkundige den Eintritt in eine neue Welt erlauben.

Neuland entdecken

Werden Geschichten in Kunstführungen eingesetzt, so kann dies bedeuten, dass auch Besucher sich ermuntert fühlen, etwas zu einem Gemälde zu erzählen. Und indem sie ihre eigene Geschichte einbringen, werden oftmals unverhofft kleine Entdeckungen gemacht. Denn durch die ganz persönliche Sichtweise auf die Gemälde werden vorher nicht beachtete Details fokussiert. Auch für Kunstexperten- und Expertinnen ergeben sich so manchmal unerwartete Einblicke in ein Werk. So dürfte die mächtige Eiche im «Sempachersee» von Robert Zünd weniger naturalistisch dargestellt sein als dies die Kunstgeschichte gerne hätte. Zwar mag der Baum für Laien durchaus dem Bild einer jahrhundertealten Eiche entsprechen, die Form der Blätter kann dem Wissen und der Seh-Erfahrung eines Biologen oder einer Biologin jedoch nicht standhalten. War es mit der Liebe zum Detail und zur authentischen Heimat-Darstellung von Zünd also gar nicht so weit her? Diese Geschichte wird vom Aargauer Kunsthaus erst noch erzählt werden müssen. Franziska Dürr bestärken solche Entdeckungen in ihrer Überzeugung, dass individuelle Besucherperspektiven auch für das Kunsthaus wertvoll sind.

Ausschnitte aus dem Interview mit Franziska Dürr [youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Sp4jHyM86tk[/youtube]

Das Interview war Teil einer Serie zum Thema “Storytelling im Museum”. Die Gespräche fanden bereits im Sommer 2012 statt.  Sämtliche Interview-Beiträge werden unter dem Stichwort  Storytelling-Interviews 2012 gesammelt.

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