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Tarzan in Graz

Beat Gugger (freier Kurator, Luzern) zu Charakteristiken von guten Geschichten und zum Erzählen mit Objekten.

Der Tarzan-Schrei in der Ausstellung Grazgeflüster im Stadtmuseum Graz, 2011 (Foto: Beat Gugger)
Video-Installation in „Grazgeflüster“ im Stadtmuseum Graz, 2011 (Foto: Beat Gugger)

Der Tarzan-Schrei ist in Graz entstanden – so will es zumindest die Legende: Tarzan – alias Johnny Weissmüller – soll in Graz vom Jodel des Erzherzogs Johann von Österreich zu seinem Schrei inspiriert worden sein. Diese Graz-Hollywood-Verbindung klingt erst einmal recht abenteuerlich. Tatsache ist aber, dass der Wettkampfschwimmer Weissmüller 1924 nach dem Gewinn von drei Olympia-Goldmedaillen Graz besuchte. Ausserdem ist eine Ähnlichkeit zwischen dem Tarzan-Schrei und dem Jodel auszumachen: beide Gesänge vollziehen nämlich den Wechsel zwischen Bruststimme und Kopfstimme. Auch wenn die Geschichte nicht verbürgt ist, beinhaltet sie doch genügend Fakten, um faszinierend zu bleiben. Für Gugger (neben dem Witz der Geschichte) ein wichtiges Auswahlkriterium.

In ‚Grazgeflüster‘ konnten sich Besucher über den Zusammenhang selbst ein Bild machen: Tarzan-Schrei und Jodel waren über Audiostationen hör- und vergleichbar. Innerhalb der Ausstellung zu Graz war die Installtion eine schöne Möglichkeit, etwas zur Identität der lokalen Bevölkerung zu erzählen:

„Wir erzählten damit die Geschichte der Grazer, die gerne HÄTTEN, dass Tarzan sich in Graz hat inspirieren lassen. Das heisst, wir erzählen damit auch etwas über das Grazer-Selbstverständnis.“

‚Sentimentale Objekte’

Nicht alle Objekte eignen sich gleich gut zum Erzählen im Ausstellungsbereich. Jene, an die wir uns noch lange nach einem Museumsbesuch erinnern, verfügen offenbar über besondere Qualitäten. Für Beat Gugger waren die mit Wasser gefüllten Einmachgläser aus der Ausstellung ‚Feuer und Flamme‘ in Oberhausen solche Objekte. Sie wurden damals bei einer Hausräumung im Ruhrgebiet gefunden. In den 40er-Jahren wurden sie für den Fall eines Bombenangriffs im Keller gelagert. In der Ausstellung führen sie dem Besucher auf ganz eigentümliche Weise die Zeit der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg in Deutschland vor Augen.

Beim Anblick dieser Objekte und im Wissen um deren Geschichte wird plötzlich klar, was Krieg bedeutet.“

Scheinbar so belanglose Objekte wie Einmachgläser besitzen also die Kraft, eine vergangene Zeit aufleben zu lassen und Geschichten abseits der Geschichtsbücher zu erzählen. Solche ‚Objets sentimentals‘, wie sie vom Schweizer Künstler und Regisseur Daniel Spoerri in den 70er Jahren eingeführt wurden, sind auch für Gugger wichtig. Im Unterschied zu traditionellen Ausstellungsobjekten, welche stellvertretend für andere Objekte z.B. die Ritterzeit illustrieren, erzählen diese sentimentalen Objekte individuelle Geschichten von realen Personen aus der Vergangenheit. Sentimentale Objekte weisen Spuren dieser Zeit und Spuren des individuellen Alltags auf (Kratzer und Flickstellen, Hinweise  zum Fundort etc.). Durch diese detaillierten Informationen beginnen die Objekte ein eigenes Leben mit ‚Wohnort’, Abenteuern, Höhen und Tiefen zu führen. Gugger vergleicht die Objekte deshalb auch mit Schauspielern, mit welchen sich die Vergangenheit inszenieren lässt. Dabei werden Raumkompositionen zentral. Die Aussteller verlassen sich nicht auf eine chronologische oder thematische Anordnung als Ordnungsprinzip. Stattdessen werden durch Gegensätze (hinsichtlich der Grösse, der Form und den Farben der Objekte) sowie durch Lichteffekte dramaturgische Schwerpunkte und Abläufe geschaffen.

Man entscheidet z.B., dass der Fokus hier liegen soll und dass im Hintergrund noch eine kleine Geschichte erzählt wird – und entsprechend werden Lichter gesetzt.“

Grazgeflüster, Stadtmuseum Graz (Foto: Beat Gugger)

Im Gegensatz zu Film oder Theater – wo Zuschauer an der Hand durch eine Geschichte hindurchgeführt werden – übernimmt bei Ausstellung der Besucher die Regie über die Reihenfolge der einzelnen Szenen. Er sucht sich selbst Anfang und Ende der Geschichte aus:

Eine Ausstellung –  das ist eine super demokratische Sache:Jeder Besucher betritt die Ausstellung mit seiner eigenen Geschichte und jeder geht mit einer individuellen Geschichte wieder raus.“

Ausschnitte aus des Interview mit Beat Gugger [vimeo]http://www.vimeo.com/44101885[/vimeo]

Das Interview war Teil einer Serie zum Thema „Storytelling im Museum“. Die Gespräche fanden bereits im Sommer 2012 statt.  Sämtliche Interview-Beiträge werden unter dem Stichwort  Storytelling-Interviews 2012 gesammelt.

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