Vorlesungsreihe 3:
STADT MACHEN
PROF. ANGELIKA JUPPIEN
Zeitgenössische Positionen und Diskurse zum Städtebau schlagen sich in Vorstellungen von künftigen Städten, Siedlungen und Landschaften nieder und hinterlassen ihre Spuren im gebauten Umfeld. Die Vorlesungsreihe STADT MACHEN fragt danach, wie Stadtplaner:innen und Architekt:innen auf gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Herausforderungen reagieren – und wie sich daraus Rollenbilder, Praktiken und Haltungen ableiten lassen. Sie zeigt exemplarisch auf, durch welche Bedingungen städtebauliche Positionen hervorgebracht oder beeinflusst werden und welche Visionen diesen zugrunde liegen.
Neben klassischen Reformprojekten und städtebaulichen Utopien des 20. Jahrhunderts richtet die Reihe den Blick auch auf aktuelle Ansätze in Forschung und Praxis. Sie geht der Frage nach, wie Architekt:innen und Planer:innen ihre Rolle in der Gestaltung von Räumen, Programmen und Strukturen im Hier und Jetzt verstehen und welche Handlungsspielräume sich aus einem erweiterten Verständnis von Stadtplanung ergeben.
Ausgangspunkt ist die Frage: Wie können wir als Architekt:innen Raum produzieren und zugleich sozial gerecht und ressourcenschonend handeln? Die Vorlesungsreihe will dazu beitragen, den Blick für neue Formen des Handelns zu schärfen und das eigene Berufsverständnis im Spannungsfeld zwischen Entwurf, Aushandlung und Verantwortung zu reflektieren. Denn Anpassungen der Planungskultur sind dringend nötig – gerade in einer Zeit, in der Aufgaben und Fragen im Sinne der langfristigen «Bewohnbarkeit der Erde»1 neu verhandelt werden müssen. Planung wird dabei zunehmend als kommunikativer und analytischer Prozess verstanden, der gesellschaftliche Aushandlung und räumliche Gestaltung miteinander in Beziehung setzt.
Die Vorlesungsreihe strukturiert sich entlang von drei Begriffen, die für sehr unterschiedliche – aber sich ergänzende – Haltungen stehen: Utopie, Reform und Dialog. Ziel ist es, nicht nur ein fundiertes Verständnis historischer und gegenwärtiger städtebaulicher Ideen zu entwickeln, sondern auch die kritische Reflexion potenzieller Zukünfte anzuregen. Insgesamt fördert die Vorlesungsreihe STADT MACHEN eine Haltung, die Architektur und Städtebau als kollektive, verantwortungsvolle und zugleich experimentelle Praxis versteht. Sie lädt die Studierenden ein, historische Beispiele, aktuelle Transformationsprozesse und eigene Handlungsspielräume in Beziehung zu setzen – um Stadt nicht nur zu planen, sondern sie im besten Sinne gemeinsam zu machen.
VORLESUNG 1: UTOPIE
Schon immer waren Menschen von Zukunftsbildern für ein besseres Leben fasziniert. Gesellschaftliche Ordnungen und ihre Kritik spiegeln sich seit jeher in architektonischen und städtebaulichen Entwürfen wider. Die Vorlesung UTOPIE geht von der These aus, dass sich die Geschichte des utopischen Denkens nicht von der Geschichte der Stadtplanung trennen lässt. Im Gegenteil – jede Epoche braucht ihre Utopien, um ihre Grenzen sichtbar und denkbar zu machen.
Anhand ausgewählter utopischer Entwürfe – wie beispielsweise Charles Fouriers Phalanstère“, Jean-Baptiste Godins «Familistère», Ebenezer Howards «Gartenstadt», Frank Lloyd Wrights «Broadacre City», Tony Garniers «Cité Industrielle» und Yona Friedmans «Ville Spatiale» – werden gesellschaftliche Bedingungen gespiegelt und analysiert. Diese Projekte werden in ihren jeweiligen historischen Kontext eingebettet und als Reaktionen auf spezifische soziale, technologische und ökonomische Herausforderungen verstanden. Ihre räumlich-strukturellen Prinzipien, sozialen Vorstellungen und gestalterischen Konsequenzen werden vergleichend beleuchtet, um ihre Relevanz für heutige Planungsdebatten sichtbar zu machen.
UTOPIE erweist sich so weniger als fertiger Entwurf, denn als Instrument kritischer Imagination. Sie eröffnet Möglichkeitsräume, in denen alternative Formen des Zusammenlebens gedacht werden können.
VORLESUNG 2: REFORM
Die städtebaulichen Reformprojekte des Hamburger Architekten und Stadtplaners Fritz Schumacher sind bis heute zukunftsweisend. Sein Denken zeigt exemplarisch, wie soziale Verantwortung, architektonische Qualität und ökonomische Pragmatik produktiv miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Gerade Schumachers Forderung nach einem engen Zusammenhang räumlicher, sozialer und kultureller Anliegen bleibt aktuell – besonders jetzt, wo städtische Dichte, Freiraumqualitäten und Gemeinwohlorientierung neu ausbalanciert werden müssen.
Die Vorlesung beleuchtet Schumachers städtebauliche Theorie im Kontext der Grossstadtreform. Sie untersucht, wie Schumacher Frei- und Zwischenräume als prägende Elemente eines lebenswerten Stadtgefüges verstand, welche Vorbilder ihn prägten und was seine Haltung für heutige Planungskulturen bedeutet. Zentral ist die Frage: Wie lässt sich Schumachers Ideal einer „sozialen Gestalt“ des Raums mit partizipativen und ökologischen Ansätzen verbinden?
REFORM wird hier nicht als abgeschlossene Epoche beschrieben, sondern als lebendige Praxis. Sie fordert Architekten und Planer:innen auf, ihre Methoden und Annahmen kontinuierlich zu prüfen und weiterzuentwickeln.
VORLESUNG 3: DIALOG
Wer heute «Stadt macht», bewegt sich nicht mehr im abgeschlossenen Feld klassischer Planung, sondern in einem offenen Netzwerk unterschiedlichster Akteur:innen. Die Qualität urbaner Räume hängt zunehmend davon ab, wie Menschen aktiv in Planungsprozesse einbezogen werden – und wie teilweise widersprüchliche Interessen ausgehandelt werden können.
Die Vorlesung DIALOG setzt genau hier an: Sie untersucht, wie Beteiligung, Kooperation und Aushandlung die Form des Städtischen prägen. Anhand zeitgenössischer Projekte aus Europa und dem fernen Bangladesch werden ihre planerischen und sozialen Wirkungen diskutiert. Im Zentrum steht die Frage, wie Architekt:innen und Planer:innen ihre Rollen neu definieren können: nicht nur als Autor:innen und Gestalter:innen, sondern auch als Moderator:innen, Forschende und Vermittler:innen zwischen Fachwissen und Alltagspraktiken.
DIALOG wird hier verstanden als gemeinsame Wissensproduktion. Durch Beobachten, Entwerfen und Aushandeln entstehen neue Erkenntnisse über die Stadt. Raum wird zum Diskussionsfeld und Gestaltung zur Methode, gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen verhandelbar zu machen.
1: Latour, B., & Schultz, N. (2022). Zur Entstehung einer ökologischen Klasse: Ein Memorandum. Suhrkamp Verlag.