Vorlesungsreihe 2:

WOHNARCHITEKTUR

PROF. PETER ALTHAUS

 

Architekt:innen agieren nicht in einem geschichtslosen Raum. Wir können auf eine Vielzahl bestehender Entwurfsstrategien zurückgreifen, um den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu begegnen. In der Vorlesungsreihe «Wohnarchitektur» möchten wir daher einen umfassenden Überblick über den Wohnungsbau des 20. Jahrhunderts gewinnen. Dadurch erarbeiten wir die Grundlagen, um verschiedene Entwurfsstrategien begrifflich zu erkennen und in einen philosophischen sowie strukturellen Kontext einzuordnen. Diese Kenntnisse sollen uns ein tragfähiges Fundament für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Architektur bieten.

Wir werden uns auf einige ausgewählte Beispiele konzentrieren und diese eingehend auf ihre unterschiedlichen ideologischen, strukturellen und räumlichen Ansätze hin untersuchen. Ziel ist es, durch die drei übergeordneten Schwerpunkte, die in drei Vorlesungen ausgewählte Positionen des Wohnungsbaus im 20. Jahrhundert beleuchten, eine fundierte Wissensbasis zu schaffen. 

Vorlesung 1: Das Ideale, das Rationale und das Irrationale

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mussten innerhalb kürzester Zeit viele erschwingliche Wohnungen geschaffen werden, was zu einer rationalen Herangehensweise führte. Es galt, das Allernotwendigste pragmatisch und intelligent umzusetzen. In diesem Kontext bieten die Wohnungsgrundrisse von Bruno Taut eine solide Basis für die Betrachtung vorbildlichen Wohnungsbaus im 20. Jahrhundert. Sein Werk hat den Wohnungsbau in Europa massgeblich geprägt.

Nachdem in der Mitte des Jahrhunderts die dringendsten Wohnbedürfnisse in Europa und den USA gestillt waren, konnten sich Architekt:innen auf die Suche nach einer Architektur jenseits des rein Pragmatischen begeben. Die Suche nach einer idealen Ordnung und einer absoluten Architektur beschäftigte viele Architekt:innen intensiv. Getrieben von einer tiefen Abneigung gegen eine Reduktion der Architektur auf blossen Funktionalismus entstanden auch im Wohnungsbau beeindruckende Werke.

Louis Kahn steht wie kein Zweiter für die Suche nach Ordnung. Wir interessieren uns für seine Beschäftigung mit den Urformen der Architektur und seine Versuche der Umsetzung im Wohnungsbau. Kahns Auseinandersetzung mit Struktur und Form ist selbst bei den kleinsten Bauaufgaben stets präsent.

Oswald Mathias Ungers beeindruckt vielleicht nicht vorrangig durch seine gebauten Werke, aber seine Rolle im Architekturdiskurs des Nachkriegsdeutschlands und seine lebenslange, leidenschaftliche Suche nach einer theoretischen Durchdringung der Architektur machen ihn für uns interessant.

Als Kontrapunkt betrachten wir Kazuo Shinohara, für den das Irrationale in der Architektur eine wichtige Rolle spielte. Shinohara versuchte zeitlebens, Architektur als enge Verbindung von Theorie und Praxis zu verstehen. Nicht zuletzt hat er auch namhafte Schweizer Architekten stark beeinflusst.

Vorlesung 2: As Found und das Symbolische

Unser Fokus in der zweiten Vorlesung wird auf Haltungen liegen, die sich intensiv mit dem Ort, dem Genius Loci, auseinandersetzen und die Geschichte als Quelle der Inspiration und Referenz wiederentdecken. 

Kein anderer Architekt wird so sehr mit dem Symbolbegriff als Absage an den Funktionalismus der Moderne in Verbindung gebracht wie Robert Venturi. Mit seinen Studien zu Las Vegas prägte er die Postmoderne massgeblich.

Die Postmoderne machte auch vor der Schweiz nicht halt. Roger Diener bezieht sich konkret auf Venturis Ansätze und dessen Hinwendung zum Alltäglichen, während Peter Märkli auf sehr autonome und persönliche Weise die Geschichte der Architektur durch viele Reisen, unter anderem nach Italien und Frankreich, erkundet.

Peter und Alison Smithson prägten massgeblich den Begriff «as found» und sorgten für seine Verbreitung. Einige Beispiele aus ihrem umfangreichen Werk veranschaulichen hervorragend, was mit dieser Herangehensweise gemeint ist.

Als Gegenpol zum amerikanischen Ansatz der Postmoderne wollen wir auch Aldo Rossi näher kennenlernen, der wie kein anderer die Architekt:innen in der Schweiz ab Mitte der 70er Jahre beeinflusst hat. Interessanterweise prägte Rossi den Diskurs weniger durch sein gebautes Werk, sondern vielmehr durch seine kurze Lehrtätigkeit an der ETH und seine Publikationen, insbesondere sein Hauptwerk «Die Architektur der Stadt». 

Ebenfalls aus dem italienischen Sprach- und Kulturraum stammt Luigi Snozzi. Er machte sich mit einem äusserst sorgfältigen Zugang zum Ort und zum Terrain einen Namen. Snozzi dachte immer städtebaulich und verankerte so seine Gebäude auf faszinierende Weise im vorhandenen Gewebe.

Vorlesung 3: Bricolage und das Eklektische

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, wenden wir uns in der dritten und letzten Vorlesung Architekt:innen zu, die pragmatisch und undogmatisch vorgehen. Diese Meister:innen der Bricolage schaffen durch das spielerische Zusammenfügen verschiedenster Materialien kraftvolle Raumkonzepte. Diese Herangehensweise steht im deutlichen Gegensatz zum Ideal der Perfektion.

In der Architekturtheorie griffen Theoretiker wie Colin Rowe und Robert Venturi den Begriff der Bricolage auf, um die Praxis von Architekt:innen zu beschreiben, die aus einem bestehenden Fundus an Formen, Stilen und Materialien neue architektonische Lösungen schaffen. 

Bricolage und das Konzept der Collage bieten in einer Welt, in der immer weniger auf der grünen Wiese gebaut wird, eine mögliche Strategie im Umgang mit der Weiterentwicklung bestehender Strukturen. Im Mittelpunkt steht nicht der einheitliche Entwurf, sondern das geschickte Kombinieren verschiedener Raumkonzepte und einer Vielzahl von Materialien. Widersprüche werden hierbei lustvoll inszeniert.

Zu Beginn betrachten wir den modernen Architekten Alvar Aalto, der wie kein anderer für einen phänomenologischen Ansatz steht. Bereits auf dem Höhepunkt der modernen Bewegung verfolgte Aalto einen alternativen Ansatz, der dem Purismus seiner Kollegen Le Corbusier und Mies van der Rohe entgegenstand. Durch Aaltos geschickte Kombination unterschiedlichster Materialien können wir viel für die zukünftige Bricolage lernen.

Rem Koolhaas gilt zweifellos als einer der bedeutendsten lebenden Architekten unserer Zeit. Auch er ist ein Meister des Eklektizismus und einer Übersteigerung verschiedener modernistischer Ansätze. Wir werden seinen Beitrag zu Fragen des Wohnungsbaus untersuchen.

Frank Gehry gehört ebenfalls zu den bekanntesten zeitgenössischen Architekt:innen. Besonders interessiert uns hier sein eigener Hausentwurf, da er eine Herangehensweise an Bestand und Bricolage darstellt, die dem Dekonstruktivismus zuzuordnen ist.

Abschliessend betrachten wir Point Suprême (Konstantinos Pantazis und Marianna Rentzou), ein aktuelles und aufregendes Büro aus Athen, das eindrucksvoll mit Tradition und Symbolen spielt.