Seminar 3:
MAXIMUM – STADT UND WOHNUNG ALS KOLLEKTIVE DICHTE
STEFFEN HÄGELE UND MATTHIAS WINTER
Du in deinem Einfamilienhaus lachst mich aus
Weil du denkst, du hast alles, was du brauchst
Doch im MV scheint dir die Sonne aus’m Arsch
In meinem Block weiß es jeder: Wir sind Stars
Hier krieg ich alles
Sido, Mein Block (2004)
Die Wohnungsproduktion in der Schweiz stagniert seit rund zehn Jahren oder ist sogar rückläufig, während die Nachfrage nach Wohnraum kontinuierlich wächst. Der steigende Bedarf ist Folge des Wirtschaftswachstums und der damit verbundenen Zuwanderung, sowie Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen: Die demografische Alterung, die zunehmende Individualisierung und insbesondere die Zunahme von Einpersonenhaushalten führen dazu, dass die Nachfrage nach Wohneinheiten deutlich schneller wächst als die Bevölkerung selbst. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an Wohnfläche und Wohnkomfort. Insbesondere in Wachstumsregionen wie dem Kanton Zug ist die resultierende Urbanisierung eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen und Zufällen: Stadt und Wohnung, Haus und Freiraum, Gebautes und Ungebautes entstehen als voneinander getrennte Sphären.
Vor diesem Hintergrund gerät die heutige Logik des Bauens an ihre Grenzen: Wohnraum entsteht überwiegend auf der Einzelparzelle – unter hohem ökonomischem Druck und innerhalb eines dichten Geflechts gesetzlicher, technischer und normativer Anforderungen. Die Studie Standortfaktor Wohnen Zug – ein planungsrechtliches und immobilienökonomisches Gedankenexperiment von Peter Märkli zeigt, dass die Bereitstellung von Wohnraum unter den heutigen planungsrechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen innerhalb der bestehenden Parzellenstruktur zunehmend an ihre Grenzen stösst.
Das Seminar schlägt deshalb einen Perspektivwechsel vor: Echte Dichte entsteht nicht isoliert auf der einzelnen Parzelle, sondern im Zusammenschluss. Die Nachbarschaft wird zur eigentlichen Entwurfseinheit. Erst im Verbund mehrerer Grundstücke entstehen jene räumlichen, sozialen und funktionalen Spielräume, welche eine qualitätsvolle Verdichtung ermöglichen. Mit diesem Massstabswechsel löst sich die Trennung zwischen Architektur und Städtebau auf. Stadt- und Wohnräume werden gleichzeitig entworfen; Architektur und Städtebau verschmelzen zu einem einzigen Projekt. Aus dieser neuen Massstäblichkeit entstehen räumliche Typologien wie Konglomerate, Organismen, Grossformen, Systeme, Cluster oder urbane Teppiche. Sie verstehen das Haus als Stadt und die Stadt als Haus – als räumliche Kontinua, die Gebäude, Freiräume und Infrastrukturen zu einer gemeinsamen architektonischen Figur verbinden. Während der klassische Städtebau häufig regulierend und präventiv wirkt, zielt das Haus als Stadt bzw. die Stadt als Haus auf eine Architektur des Maximums. Im Zusammenschluss der Parzellen und jenseits städtebaulicher Zäsuren entstehen neue räumliche Qualitäten kollektiver Dichte.
Entgegen der Teilung zwischen Stadt und Haus untersuchen wir dieselben Qualitäten sowohl im kollektiven Stadt- als auch im einzelnen Wohnraum und versuchen diese miteinander zu verschränken. Ausgehend von Referenzpaaren spüren wir räumlichen Qualitäten kollektiver Dichte nach und testen ihr Potenzial als spekulative Stadt: Wie wohnt man in einem Quartier der maximalen Grosszügigkeit? Was passiert in einer Nachbarschaft der maximalen Komplexität? Wie bewegt man sich durch eine Stadt der maximalen Verbindung? Wie fühlt sich eine Wohnung und ein Quartier des maximalen Raums an? Wie lebt man in maximaler Urbanität?
In einer ersten Lektüre werden die Referenzen akribisch untersucht und mit weiteren Kriterien in Verbindung gebracht. Thematische Texte stützen die Untersuchung. Die resultierende Argumentation in Form von Zitaten, Bildern und Filmausschnitten wird als Skript verdichtet. Wir produzieren kurze Filme, die wie Trailer ein mögliches Stadt- und Wohnprojekt verdichten: mal dokumentarisch, mal fiktional; mal poetisch, mal im Interviewformat. Zwischen «Art House“ und „Trash TV“ porträtieren wir filmisch die spezifischen Qualitäten kollektiver Dichte und machen sie atmosphärisch erfahrbar.