Seminar 3:
DIESSEITS & JENSEITS SPEKULATIVE SCHNITTSTELLEN ZWISCHEN KIRCHE UND STADT
STEFFEN HÄGELE UND MATTHIAS WINTER
Gemeinsam untersuchen wir die vier Kirchen des Semesters und verschieben ihre räumlichen Beziehungen zu ihrem unmittelbaren Kontext. Kirchenraum und Umgebung werden miteinander verwoben – die Umgebung dringt in die Kirche ein, die Kirche dehnt sich in ihre Umgebung aus. Im Laufe des Semesters verdichten sich spekulative Eingriffe und räumliche Transformationen zu collagierten Triptychen.
KIRCHENRAUM UND ENTWELTLICHUNG
Kirchenbauten sind als Gebäudetypus von den darin abgehaltenen Messen, Zeremonien und Prozessionen geprägt. Kirchen sind somit bauliche Verfestigungen der religiösen Aktivitäten mit szenischen Eigenschaften und einer räumlichen Dramaturgie. Als Erfahrungs-, Begegnungs- und Offenbarungsräume machen Sie die Verbindung – oder eben die Trennung – von Diesseits und Jenseits erfahrbar. Narrative Raumfolgen, die sich über verschiedene Stationen als Sequenz entwickelt, verstärken die transzendentale Wandlung sukzessive: vom profanen zum heiligen Raum, von der materiellen Alltagswelt in die spirituelle Welt der Einkehr und Besinnung. Die Kirche als Raum der Entweltlichung.
Heute verlieren beide Bezugsparameter – Liturgie und transzendentale Erfahrung – mit dem Rückgang an Kirchengänger*innen an Bedeutung. Es stellt sich die Frage, auf was die räumliche Dramaturgie künftig verweist und welche Aktivitäten der profanen Welt in die Kirchen eintreten, bzw. welche programmatischen und morphologischen Verbindungen möglich werden?
Ein möglicher Zugang ergibt sich aus Luigi Morettis innenräumlichen Studien, insbesondere aus Spazio (1952). Darin analysierte Moretti die Raumsequenzen von Kirchen und anderen Bauwerken mit dem Ziel, räumliche Qualitäten jenseits stilistischer Fragestellungen zu erfassen. Durch mathematische Quantifizierungen sowie Proportionsdiagramme und Notationen versuchte er, jene Qualitäten zu beschreiben, die sich aus der Bewegung im Raum ergeben. Moretti stellte dabei Vergleiche zwischen den räumlichen Eigenschaften sakraler Architektur und landschaftlichen Formationen wie Schluchten, Tälern sowie engen und weiten Passagen an. Indem er Raumphänomene von Landschaft und Architektur miteinander in Beziehung setzte, stellte er zugleich die binäre Trennung von Innen- und Außenwelt infrage.
SCHWELLEN UND INTERFACE
Obwohl Architektur vor allem trennt – das Zeichnen einer Linie kommt stets einer Abgrenzung gleich – propagieren wir eine Architektur die Grenzen räumlich unterwandert. Im Unterschied zur Grenze, welche strikt trennt ist die Schwelle als Raum des Übergangs, ein gedehnter Raum. Schwellen beeinflussen die Bewegung zwischen Räumen, und mit der Art und Weise wie sich Übergänge verschliessen oder öffnen, bestimmen Schwellen wie wir von einem Ort zum anderen gelangen.
Das Dazwischen kann als Überlagerung verschiedener Ordnungen und Systeme verstanden werden: Als Raum, in dem sich zwei Welten begegnen und durchdringen – hier verdichten sich die Ereignisse.
Im Sinne der Transparenz, der gleichzeitigen Wahrnehmung unterschiedlicher Raumordnungen, eröffnen Schwellen als hybride Räume unterschiedliche Lesarten und eine Vielzahl von Beziehungen.
Prozessionen (von lat. procedere = voranschreiten) ziehen die Schwelle zeitlich und räumlich in die Länge: Sie führen aus der Kirche hinaus oder zur Kirche hin und verwandeln den profanen Stadtraum temporär in etwas Heiliges. Das Voranschreiten ist stets in ein Narrativ und Ritual eingebettet, welches szenisch dargestellt wird.
Jeder Kirchenbau ist per se ein transzendentaler Schwellenraum zwischen Diesseits und Jenseits. Zudem ist er mittels Schwellen an die profane Umgebung angebunden. Die Fassade stellt die Schnittstelle zwischen den beiden Sphären dar. Als Interface (Zwischengesicht) schafft sie eine räumliche Verbindung zwischen Innen und Aussen, die beim Durchschreiten einen liminalen Raum schafft. Liminalität (von lat. limen = Schwelle) bezeichnet einen Übergangs- oder Zwischenzustand – ein Schwebezustand also zwischen zwei klaren Zuständen. Die Qualität des Schwebens, der Ambivalenz und des unentschiedenen Dazwischen nutzen wir, um die Kirchenbauten neu in ihrer Umgebung zu verankern.
DIE AUFLÖSUNG VON FIGUR UND GRUND
1748 erschien von Giambattista Nolli der Stadtplan Nuova Topografia di Roma – gemeinhin als Nolli-Plan bekannt. Die binäre Unterscheidung von Gebäude (schwarz) und Freiraum (weiss) vom regulären Schwarzplan wird aufgelöst: Nolli verändert das Figur-Grund-Verhältnis der Stadt, indem er den städtischen Raum erweitert und öffentliche Innenräume wie Kirchen, Atrien, Kreuzgänge und Arkaden weiss zeichnet – und aus dem Schwarz der Gebäudemasse herausschneidet.
Die Manipulation der Schnittstelle zwischen Figur und Grund lässt zwischen den schwarzen und weissen Flächen einen dritten, liminalen Raum entstehen, der sich aus einer Vielzahl von Schwellen- und Zwischenräumen zusammensetzt, die wiederum im Wechselspiel zwischen Innen und Aussen, öffentlich und privat die gebauten Grenzen zu verwischen beginnen. Hier hält die Stadt Einzug in den Kirchenraum und der kirchliche Raum dehnt sich aus in den städtischen. In diesem Dazwischen-Sein werden Gemeinschaft und Koexistenz neu verhandelt und räumliche Fragmente verwachsen zu einem grösseren Ganzen.
Wir untersuchen, wie die Kirchen in ihrer direkten Umgebung Binnenräume schaffen und darüber hinaus in Beziehung zur gebauten Umgebung und (Stadt)Landschaft treten. Wie kann das Versprechen vom erweiterten Raum des Nolli Plans in der heutigen Zeit eingelöst werden? Wie können die Kirchenräume Teil der Stadt werden und wie können (ehemals) sakrale Räume in die Stadt ausgreifen?
FALLBEISPIELE
Ausgangspunkte sind die spezifischen Eigenschaften, räumlichen Eigenarten und Situationen der vier Kirchen in Luzern, die wir als Fallbeispiele optimistisch und kritisch bearbeiten und mit der jeweiligen Umgebung verweben.
St. Peterskapelle (1259) – Altstadt Luzern:
Die Kapelle ist in eine amorphe urbane Platzsituation eingebettet und reagiert auf den dichten Stadtkontext. Ein Portikus und mehrere sekundäre Zugänge erzeugen eine nahezu allseitige Adressierung zwischen sakralem Raum und Öffentlichkeit.
St. Philipp Neri (1902) – Reussbühl:
Die Kirche besetzt eine topografisch erhöhte Lage und strukturiert den Hügel als axial gestaffelte Gesamtanlage. Eine sequenzielle Raumfolge verbindet Baukörper, Freiraum und Nebenbauten zu einem landschaftlich gefassten Ensemble.
St. Karli (1934) – Bramberg / Basel-Bernstrasse:
Der Bau öffnet sich über eine grossmassstäbliche, zweiteiliger Loggia zum Flussraum. Diese bildet eine vermittelnde Zone zwischen Innenraum, Stadtkante und Landschaft.
St. Johannes (1970) – Würzenbach:
Die Kirche ist Teil eines suburbanen Gartenstadt-Kontextes mit fliessenden Grünräumen. Der fragmentierte Baukörper ohne dominante Ausrichtung erzeugt ein komplexes Gefüge aus Innen- und Aussenräumen in brutalistischer Formensprache.
METHODE & KOMPETENZEN
Studierende arbeiten in Gruppen und setzen sich entwerferisch mit den bestehenden Kirchen und ihrer Umgebung auseinander. In einer ersten Phase werden die Bestandbauten bezüglich ihrer räumlichen Eigenschaften, bautypologischen Eigenarten und Einbettung in die Umgebung anhand von Bildern und historischer Fotografien vertieft portraitiert. Darauf aufbauend werden Collagen gefertigt, die neue Raumbezüge herstellen und Schwellenräume schaffen, die die Beziehung von Kirche zur unmittelbaren Umgebung umdeuten, erweitern und manipulieren. Die Collagen werden von Hand erstellt und mittels Schneiden, Kleben, Überdecken, etc. sukzessive weiterentwickelt.
Im Laufe des Semesters erarbeitet jede Gruppe ein Triptychon, dass die veränderte räumliche Situation der bearbeiteten Kirche in drei zusammenhängenden Segmenten zeigt. Kunsthistorisch ist ein Triptychon ein dreiteiliges Werk – meist ein Gemälde oder Altaraufsatz – das aus einer zentralen Tafel und zwei seitlichen Flügeln besteht. Triptychen waren besonders in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sakralkunst verbreitet. Wir eignen uns deren narrative Bildtechnik an und übersetzen die spekulativen Umdeutungen der Kirchen in eine Sequenz aus 3 Bildcollagen. Jedes Triptychon wird als freistehendes Objekt gebaut.
Studierende entwickeln ihr räumliches Verständnis weiter und lernen Raumeigenschaften zu benennen, zu qualifizieren und weiter zu entwickeln. Sie lernen Konzepte wie Schwellen, Passagen und Transparenz am Beispiel der Kirchenbauten kennen und entwickeln eine spekulative Haltung beim Entwerfen. Studierende erkennen die Wechselwirkung zwischen Innen- und Aussenräumen und können darauf entwerferisch einwirken. In der Gruppe sind sie in der Lage eine zeitgenössische Problemstellung technisch und inhaltlich in eine virtuose Darstellungsform zu übersetzen und zu verdichten.