Vorlesungsreihe 2:
DIE STADT ALS PALIMPSEST
PROF. PETER ALTHAUS
Um den Herausforderungen einer disruptiven Zukunft begegnen zu können, ist es essenziell, die Ursprünge und Entwicklungen unserer heutigen Situation zu verstehen. Nur durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit können wir die Gegenwart begreifen und die Zukunft aktiv gestalten. Ein tiefgreifendes Verständnis der Komplexität unserer bestehenden urbanen Strukturen bildet die Grundlage für die erfolgreiche Bewältigung zukünftiger Herausforderungen.
In dieser Vorlesungsreihe analysieren wir die Entstehung urbaner Räume und Transformation anhand von sechs charakteristischen Städten und setzen deren Entwicklung in Beziehung zu massgebenden städtebaulichen Theorien. Unsere Betrachtung geht über die historische Morphologie hinaus und umfasst auch die aktuellen, vielschichtigen Fragestellungen der Stadtentwicklung. Dabei wird deutlich, dass einige Themen universelle Gültigkeit besitzen und sich weltweit in urbanen Strukturen wiederfinden, während andere Fragen spezifisch und nicht unmittelbar übertragbar sind. In diesem Zusammenhang spricht die Soziologin Martina Löw von der „Eigenlogik der Städte“.
Das Konzept des Palimpsests dient uns als analytische Metapher: Wie bei einem mehrfach beschriebenen und wieder gelöschten Pergament lassen sich in der Stadt verschiedene historische und räumliche Entwicklungsschichten erkennen, deren Spuren sich im urbanen Gewebe überlagern und durchdringen. Diese Lesart ermöglicht es uns, die Stadt sowohl in ihrer geschichtlichen Tiefe als auch in ihrer gegenwärtigen Komplexität zu erfassen. Daraus entwickeln wir eine ausgewogene Perspektive, die globale Zusammenhänge und lokale Besonderheiten gleichermassen würdigt und die Stadt als vielschichtiges Arbeitsfeld begreifbar macht.
VORLESUNG 1: ZENTRUM UND PERIPHERIE
Wir eröffnen die Vorlesungsreihe mit den beiden einzigen europäischen Weltstädten: Paris und London. Kaum zwei Städte in Europa könnten unterschiedlicher geprägt sein, und gerade in dieser Gegensätzlichkeit eignen sie sich besonders für ein grundlegendes Verständnis des europäischen Städtebaus.
An beiden Städten lässt sich die These des Palimpsests exemplarisch nachvollziehen. Paris wie London sind über zweitausend Jahre alte Stadtkörper, die im Laufe der Geschichte immer wieder überformt, neu interpretiert und an die jeweils dominierenden gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Vorstellungen angepasst wurden.
Paris gilt als Inbegriff eines stark zentralistischen Planungsverständnisses, eng verknüpft mit dem politischen System und der staatlichen Machtstruktur Frankreichs. Grossräumige Eingriffe, klare Achsen, monumentale Gesten und eine ausgeprägte planerische Steuerung durch öffentliche Institutionen haben den Stadtkörper nachhaltig geprägt. London hingegen steht exemplarisch für eine Stadtentwicklung, die stark auf privaten Initiativen beruht und sich entlang eines pragmatischen, inkrementellen Vorgehens entfaltet hat. Beide Haltungen und Entwicklungsstrategien sind bis heute im städtebaulichen Gefüge klar nachvollziehbar.
Besonders aufschlussreich ist die Frage, wie Paris und London vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen Prägungen auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren. Trotz globaler Tendenzen und vergleichbarer Problemlagen zeigt sich, dass die jeweilige politische Kultur weiterhin eine entscheidende Rolle spielt – sie beeinflusst planerische Instrumente, Entscheidungsprozesse und die räumliche Aushandlung von Transformation, Wachstum und gesellschaftlichem Wandel.
VORLESUNG 2: RESILIENTE METROPOLIS
In der zweiten Vorlesung vergleichen wir zwei Städte aus grundlegend unterschiedlichen kulturellen Kontexten: Berlin und Tokyo. Auf den ersten Blick scheint es wenig Verbindendes zu geben. Berlin stand lange im Schatten der europäischen Metropolen Paris und London, während Tokyo über Jahrhunderte nicht formelle Hauptstadt Japans war, da Kyoto als kaiserliche Residenz kulturell dominierte.
Trotz dieser unterschiedlichen Ausgangslagen lassen sich zentrale Parallelen erkennen. Beide Städte verbindet der Austausch von Architektinnen, Architekten und Stadtplanerinnen und Stadtplanern sowie vor allem die Erfahrung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Als Hauptstädte autoritärer Regime wurden Berlin und Tokyo im Zweiten Weltkrieg massiv zerstört, Tokyo nahezu vollständig.
Diese Zäsur macht den städtebaulichen Vergleich besonders aufschlussreich. Der Wiederaufbau fiel in eine Phase, die stark von modernen Städtebauideologien geprägt war, wurde jedoch mit sehr unterschiedlichen Strategien beantwortet. Berlin und Tokyo interpretierten Geschichte, kulturelle Prägungen und räumliche Gegebenheiten auf je eigene Weise und entwickelten daraus divergierende planerische Konzepte.
Obwohl beide Städte unter amerikanischer Besatzung standen, verlief der städtebauliche Diskurs grundlegend unterschiedlich. Während in Berlin ideologische und politische Auseinandersetzungen den Wiederaufbau prägten, entwickelte Tokyo eigenständige, teils pragmatische, teils radikal innovative Antworten auf Zerstörung und Wachstum. Diese Gegensätze machen beide Städte zu besonders ergiebigen Fallbeispielen des modernen Städtebaus.
VORLESUNG 3: POSTFORDISTISCHE URBANITÄT
Zum Abschluss der vergleichenden Städtebetrachtung richten wir den Blick auf zwei Städte in den Vereinigten Staaten. Dieser Perspektivwechsel ist bewusst gewählt: Trotz historisch unterschiedlicher Entwicklungswege ist der städtebauliche Diskurs in den USA ausserordentlich prägend. Urbane Phänomene treten dort oft in zugespitzter Form auf und machen grundlegende Mechanismen urbaner Entwicklung besonders gut lesbar.
Zudem hat Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche städtebauliche Konzepte und Modelle aus den USA übernommen oder adaptiert. Amerikanische Städte eröffnen daher nicht nur alternative Entwicklungslogiken, sondern liefern auch Hinweise auf künftige Herausforderungen und Potenziale des europäischen Stadtraums.
Statt des klassischen Fallbeispiels Chicago stehen in dieser Vorlesung New York City und Los Angeles im Fokus. Gemeinsam ermöglichen sie eine vergleichende Betrachtung zweier sehr unterschiedlicher urbaner Modelle innerhalb desselben kulturellen und politischen Rahmens.
New York City entwickelte aus europäischen Wurzeln eine eigenständige amerikanische Identität und wurde im 20. Jahrhundert zu einem zentralen Labor urbaner Innovation. Die Stadt steht exemplarisch für Dichte, vertikale Urbanität und räumliche Konzentration ökonomischer, sozialer und kultureller Prozesse. Los Angeles hingegen verkörpert ein gegensätzliches Modell der flächigen, zersiedelten Stadt, geprägt von Ausdehnung, Mobilität und funktionaler Trennung. Gerade diese Gegensätzlichkeit macht beide Städte zu besonders aufschlussreichen Fallbeispielen.