Seminar 2:
DAS HEILIGE UND DAS PROFANE
MARKUS HUBER UND RETO HUBER
DAS UNSICHTBARE SEHEN
„Das Heilige ist das Zentrum der Welt, das den Menschen Orientierung gibt und den Raum ordnet.“ Mircea Eliade
„Was ein gewöhnliches Objekt zu einem Kunstwerk macht, ist die Fähigkeit, die Welt auf eine neue Weise sichtbar zu machen.“ Arthur C. Danto
Städte, Siedlungen und Landschaften sind nicht nur funktionale Räume, sondern auch Träger symbolischer Bedeutungen. Zwischen sakralen Orten, alltäglichen Räumen und den Übergängen dazwischen entfaltet sich ein Geflecht aus Ritualen, Routinen, Atmosphären und Sinnschichten. Die Grenzen zwischen Heiligem und Profanem sind dabei nicht starr: Profanes kann heilig werden, wenn alltägliche Orte durch Rituale, Erfahrungen oder historische Ereignisse eine besondere Bedeutung erhalten. Umgekehrt kann Heiliges profan werden, wenn frühere Symbolkraft verblasst oder Räume neue Nutzungen erhalten. Dieses dynamische Bedeutungsgefüge entsteht aus individuellen, gemeinschaftlichen und kulturellen Praktiken, aus subjektiven Erfahrungen, aus Traditionen sowie aus Anteilen, die sich unserer Kontrolle entziehen.
In diesem Modul nähern wir uns dem (Stadt-)Raum aus unterschiedlichen Perspektiven. Wir entwickeln ein gemeinsames Verständnis für Orte, an denen Heiligkeit, Alltag und Profanität aufeinandertreffen. Dabei arbeiten wir nicht nur mit klassischen Analysemethoden, sondern öffnen uns auch unkonventionellen Zugängen: atmosphärischen, phänomenologischen, symbolischen und intuitiven Wahrnehmungsformen, die über das rein Sichtbare hinausgehen. Auf Grundlage unserer Beobachtungen und Dokumentationen identifizieren wir anschliessend thematische Spannungsfelder, die die sozialen, kulturellen, religiösen und historischen Dimensionen der untersuchten Orte beleuchten. Dabei interessieren uns sowohl materielle Aspekte wie Architektur, Ritualräume, Schwellen und Artefakte als auch immaterielle Aspekte wie Geräuschkulissen, Rhythmen, Bewegungsmuster, Erinnerungen, Geschichten, Rituale und verborgene Ordnungen im Zusammenleben.
In einem narrativen und künstlerisch-forschenden Prozess verdichten wir die gewonnenen Erkenntnisse zu einer eigenen künstlerischen Arbeit oder Intervention zum übergeordneten Thema des Heiligen und Profanen. Diese soll im städtischen Raum verborgene Schichten, Spannungen und Atmosphären sichtbar machen. Die Form der Arbeiten ist offen. Möglich sind Installationen, Objekte, Performances, Videos, fotografische Serien, Texte, raumbezogene Experimente oder interaktive Formate. Ziel des Moduls ist es, Wahrnehmungsräume zu erweitern, die eigenen Blickweisen zu hinterfragen und neue Zugänge zu entwickeln, um den urbanen Raum als vielschichtiges Gefüge aus Bedeutung, Praxis und Erfahrung zu verstehen. Der iterative und interdisziplinäre Arbeitsprozess ermöglicht es, den Raum sowohl analytisch als auch intuitiv-künstlerisch zu erschließen und jene Momente sichtbar zu machen, die im alltäglichen Blick oft verborgen bleiben.
ARBEITSWEISE DES SEMINARS
Das Seminar ist in zwei klar strukturierte und aufeinander aufbauende Teile gegliedert, die sich methodisch und inhaltlich ergänzen. In der ersten Phase erarbeiten die Studierenden in Zweiergruppen eine forschende, fotografische Untersuchung als alternative Form der Raumanalyse. Der Fokus liegt auf der Erkundung und Dokumentation von Erscheinungsformen des Heiligen und Profanen im städtischen Kontext. Dabei orientiert sich die Arbeitsweise einerseits an klassischen fotografischen Positionen wie Robert Frank oder William Eggleston und andererseits an aktuellen dokumentarischen und experimentellen Ansätzen. Ein Beispiel hierfür ist die Filmreihe Homo Urbanus von Bêka & Lemoine, die städtische Räume phänomenologisch und atmosphärisch erforscht.
Auf Grundlage der in der ersten Phase gewonnenen Beobachtungen und Analysen entwickeln die Studierenden in der zweiten Phase thematische Schwerpunkte, die sie in eine eigene künstlerische Arbeit überführen. Das Ziel besteht darin, die individuellen Forschungsansätze in eine präzise gestalterische Form zu übersetzen und somit neue Perspektiven auf urbane Räume sichtbar zu machen. Der gesamte Prozess wird eng begleitet und kontinuierlich reflektiert, beispielsweise in Arbeitsgesprächen, Werkstattsettings und Gruppendiskussionen. In jeder Phase erhalten die Studierenden theoretische und praktische Inputs. Dazu gehört die Analyse ausgewählter künstlerischer Positionen, die sich mit Aspekten des Sakralen und des Profanen sowie mit räumlichen Transformationsprozessen auseinandersetzen. Ergänzend werden Grundlagen der Kreativitätstheorie sowie künstlerische Strategien vermittelt, die für offene und experimentelle Forschungs- und Gestaltungsprozesse relevant sind. Zudem werden systematisch Schnittpunkte zwischen Architektur, Landschaftsarchitektur und Kunst aufgezeigt und diskutiert, um interdisziplinäre Denk- und Arbeitsweisen zu fördern.
Das Modul ist bewusst offen und experimentell angelegt. Es bietet einen strukturierten Rahmen, in dem die Studierenden eigene Fragestellungen entwickeln, erproben und vertiefen können. Durch die Verknüpfung der beiden Phasen entsteht eine kontinuierliche Verbindung von Beobachtung, Analyse und künstlerischer Umsetzung. So entwickeln die Studierenden einen eigenständigen, künstlerisch-forschenden Zugang zum Spannungsfeld zwischen Heiligem und Profanem im urbanen Raum.
LITERATUR: BEZUG AUF ELIADE UND DANTO – RAUM, WAHRNEHMUNG UND BEDEUTUNGSZUWEISUNG
In unserem Modul orientieren wir uns an zwei zentralen theoretischen Texten, die unterschiedliche Aspekte der Wahrnehmung, Interpretation und Inszenierung von Raum beleuchten. Dies sind Mircea Eliades „Das Heilige und das Profane” (1957) und Arthur C. Dantos „Die Verklärung des Gewöhnlichen” (1981). Beide Werke thematisieren, wie Menschen ihrer Umwelt Bedeutung verleihen, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven.¨
Eliade beschreibt das Heilige als eine Sphäre, die sich radikal vom profanen Alltag abhebt: „Das Heilige ist das, was sich von der gewöhnlichen Welt unterscheidet, es ist das Absolute, das sich dem Menschen offenbart“ (Eliade, 1957, S. 27; engl. Original: „The sacred is that which is set apart from the ordinary world; it is the absolute that reveals itself to man“). Orte, Objekte und Rituale werden hier zu „hierophanen” Manifestationen, die Orientierung und Sinn stiften. Für die Analyse von Architektur und urbanem Raum bedeutet dies, dass bestimmte Orte durch symbolische, kulturelle oder rituelle Praktiken aufgeladen werden und so eine übergeordnete Bedeutung erhalten. Danto betrachtet hingegen die Konstitution von Kunstwerken im Alltäglichen und zeigt, dass Gegenstände erst durch Interpretation und Kontext zu etwas Besonderem werden. Er schreibt: „Ein Ding ist ein Kunstwerk nicht wegen seiner Eigenschaften, sondern weil es innerhalb eines Kunstwelt-Kontexts präsentiert und als Kunst interpretiert wird“ (Danto, 1981, S. 47; engl. Original: „A thing is an artwork not because of its properties, but because it is presented within an artworld context and interpreted as art“). Für die räumliche Analyse im architektonischen Kontext eröffnet sich dadurch die Perspektive, dass selbst profane Räume oder Objekte durch narrative, gestalterische oder performative Eingriffe eine neue Bedeutung erlangen können.
Der Querbezug zwischen Eliade und Danto liegt in der Zuweisung von Bedeutung und der Transformation von Wahrnehmung: Eliade betont die religiöse und symbolische Dimension, während Danto zeigt, dass dieselben Prinzipien der Bedeutungszuschreibung auch für künstlerische Interventionen gelten. Beide Ansätze unterstreichen, dass Räume und Objekte nicht nur funktional existieren, sondern durch Wahrnehmung, Kontext und Interpretation zu Trägern von Erfahrung und Sinn werden.
ÜBER UNS – KÜNSTLERISCHE PRAXIS UND INTERDISZIPLINÄRE STRATEGIEN IM RAUM
Wir arbeiten seit 2005 unter dem Namen huber.huber zusammen, nachdem wir unser Studium an der ZHdK abgeschlossen haben. Unsere künstlerische Praxis umfasst Fotografie, Video, Skulpturen, Objekte und raumbezogene Installationen, die konzeptuell, narrativ und vielschichtig sind. Unsere Arbeiten werden in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt. Sie wirken auf den ersten Blick oft ruhig, bei genauerer Betrachtung eröffnen sie jedoch verborgene Spannungen und erzeugen überraschende Wahrnehmungen. Wir interessieren uns für das Unsichtbare, für Atmosphären, Stimmungen und die narrative Qualität von Räumen, die berühren, irritieren und zum Nachdenken anregen. Humor oder ein „Augenzwinkern” sind uns wichtig, unsere Arbeiten sind jedoch nie laut, zynisch oder moralisch belehrend. Thematisch beschäftigen wir uns mit dem ambivalenten Verhältnis zwischen Zivilisation und Natur, den Auswirkungen des Anthropozäns sowie mit den sozialen, geopolitischen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit.
Unsere langjährige Erfahrung in der Lehre umfasst die Bereiche Szenografie, Bühnenbild, Landschaftsarchitektur sowie Zeichen- und Gestaltungsdidaktik. Diese Kompetenzen fliessen direkt in unser Seminar ein und werden mit unserer künstlerischen Praxis verbunden. Dabei begleiten wir die Studierenden gezielt im kreativen Prozess – von der Ideenfindung über experimentelles Arbeiten bis hin zur Umsetzung eigener Projekte. So entsteht ein praxisnaher, interdisziplinärer Zugang, der es ermöglicht, Räume aus unterschiedlichen Perspektiven zu erkunden, sinnlich zu erfahren und gestalterisch zu interpretieren.
Weitere Arbeiten und Projekte finden sich auf www.huberhuber.com.