Seminar 2:

WOHNEN IM SPANNUNGSFELD – ARCHITEKTUR, STADTENTWICKLUNG UND GESELLSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG

HANAE BALISSAT UND RALF KELLER

 

Wohnbauprojekte werden heute häufig mit grossen Versprechen beworben: als «Taktgeber für einen neuen Stadtteil» oder als «Ein Stück Stadt für alle». Doch wie viel Stadt entsteht tatsächlich, wenn neue Wohnquartiere geplant und gebaut werden? Und für wen?

Wohnen ist weit mehr als die Gestaltung von Gebäuden und Grundrissen. Wohnbauprojekte sind Teil komplexer gesellschaftlicher, ökologischer, politischer und ökonomischer Prozesse. Sie prägen die gebaute Umwelt, aber vor allem auch Formen des Zusammenlebens, Möglichkeiten der Aneignung und Vorstellungen davon, wie Stadt zukünftig funktionieren soll. Gerade bei grossen Entwicklungsgebieten, Umnutzungen und Verdichtungsprojekten treffen unterschiedliche Interessen und Erwartungen aufeinander.

Das Seminar nimmt diese Spannungsfelder zum Ausgangspunkt und fragt, wie Wohnbauprojekte gesellschaftliche Realitäten aufnehmen und zugleich verändern. Welche Formen des Zusammenlebens werden ermöglicht oder ausgeschlossen? Wie verhalten sich soziale Ansprüche, ökologische Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Interessen und architektonische Qualität zueinander? Was bedeuten Begriffe wie Gemeinschaft, Aneignung, Verdichtung, Rückbau oder Zwischennutzung konkret, und welche Rolle spielen sie für die Entstehung von Stadt?

Dabei interessiert uns auch die Aufgabe der Architekt:Innen und Planenden: Zwischen Entwurf, politischen Rahmenbedingungen, ökonomischen Interessen und tatsächlicher Nutzung bewegen wir uns mit dieser Rolle in einem komplexen Aushandlungsprozess. Das Seminar versteht diese Widersprüche nicht als Problem sondern als Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung und Reflexion über das eigene Planen und Bauen.

Anhand von vier ausgewählten Wohn- und Stadtentwicklungsprojekten untersuchen wir unterschiedliche Modelle und Strategien des Wohnens und fragen nach ihren gesellschaftlichen, ökologischen, ökonomischen und städtebaulichen Auswirkungen. Ausgewählte theoretische, historische und praxisorientierte Texte bilden die Grundlage für gemeinsame Diskussionen und kurze Referate. Sie liefern Perspektiven und Begriffe, mit denen wir die Projekte kritisch lesen und hinterfragen wollen.

Ergänzend erkunden wir die Projektstandorte vor Ort und führen Gespräche mit Fachpersonen aus Planung, Entwicklung und Bewohnerschaft. Der Wechsel zwischen Lesen, Diskutieren, Beobachten und Erleben ermöglicht es, theoretische Positionen an konkreten Räumen zu überprüfen und die eigene Wahrnehmung zu schärfen.

Das Seminar richtet sich an Studierende, die Wohnen über die architektonische Entwurfsaufgabe hinaus als gesellschaftliche und städtebauliche Frage verstehen möchten. Im Zentrum steht die Entwicklung einer eigenen, begründeten Haltung – durch kritisches Lesen, genaues Beobachten, gemeinsames Denken und die Verbindung von Texten, Räumen und konkreten Erfahrungen.