Seminar 1:
SENSING LUCERNE – EINE SENSORISCHE ERKUNDUNG DER STADT LUZERN UND IHRER QUARTIERE
PROF. ANGELIKA JUPPIEN UND MARIE-ANNE LERJEN
Das urbane Leben in materieller, sozialer und imaginativer Hinsicht ist durch die Bewegung unserer Körper und unsere Wahrnehmung geprägt. Durch unser Gehen, Sitzen, Stehen sowie Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken stellen wir in der Stadt Bedeutung her und spüren Bedeutung auf. Meist laufen diese Prozesse eher unbewusst ab.
In diesem Seminar werden wir unsere Sinne als zentrales Werkzeug zur Erforschung der Stadt Luzern und ihrer Quartiere bewusst einsetzen. Wir üben uns auf vielfältige – auch spielerische – Weise im Vor-Ort-Sein und hinterfragen alltägliche Wahrnehmungsroutinen. Vertiefende Betrachtungen und die (Neu-)Einordnung von Bekanntem ermöglichen Perspektivwechsel, die Umdeutungen von räumlichen Situationen und ihren Möglichkeiten anstossen können. Dabei versuchen wir Wege zu finden, das städtische Alltagsleben sowie dessen soziale und räumliche Verflechtungen zu analysieren und zu visualisieren.
Es geht also darum, sich in die urbanen Räume hineinzubegeben, ihre Atmosphären, Geräusche, Bewegungen und Rhythmen körperlich mitzuvollziehen. Die Stadt wird so nicht mehr nur als Objekt der Betrachtung verstanden, sondern als gelebter, gespürter und geteilter Erfahrungsraum. Durch diese Art der Bewegung im Raum sammeln wir sinnliches Wissen in all den Momenten, in denen wir Teil urbaner Situationen werden.
In vier Etappen erkunden wir unterschiedliche Quartiere Luzerns und durchqueren die Stadt von Nordwest nach Südost. Wir starten in Emmenbrücke und enden jeweils bei den Kirchen St. Philipp Neri, St. Karli, St. Peter und St. Johannes – also an Orten, wo sinnliche Erfahrungen von Bildern, Klängen, Gerüchen und Geschmäckern ganz bewusst gestaltet werden.
Die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer sind eingeladen, nicht nur die gebaute Form zu erforschen, sondern sich auf die gelebte Erfahrung des Räumlichen einzulassen. Wie Raum-Detektiv:innen erforschen wir Schritt für Schritt die vorgefundenen (Quartiers-)Räume, ihre Grenzen und atmosphärischen Qualitäten. Wir handeln weniger als Konsument:innen vorgegebener räumlicher Möglichkeiten, sondern als Forschende, die im Erspüren und Deuten selbst zur Produktion städtischer Bedeutungen beitragen.
Aus dieser Perspektive wird Stadtforschung zu einer körperlich-sinnlichen Praxis – ein Prozess des Vor-Ort-Seins, der Wahrnehmung und Interpretation, durch den wir die vielfältigen sozialen und räumlichen Gefüge der Stadt Luzern und ihrer Quartiere neu verstehen lernen.
ÜBER UNS
Angelika Juppien ist Architektin und Professorin am Institut für Architektur der Hochschule Luzern, wo sie im Bereich der Wohn- und Quartiersentwicklung lehrt, forscht und publiziert. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich eingehend mit Wohnqualitäten in verdichteten Quartieren. Sie ist Co-Autorin der mit dem DAM Architectural Book Award ausgezeichneten Bücher «Vokabular des Zwischenraums» und «Atlas des Dazwischenwohnens».
Marie-Anne Lerjen ist Kulturwissenschaftlerin und Spazierkünstlerin und betreibt seit 2011 in Zürich «lerjentours – Agentur für Gehkultur» (www.lerjentours.ch). Mit künstlerisch konzipierten Stadtspaziergängen entwickelt sie Formate einer intensivierten, sinnlichen Raumwahrnehmung und macht den öffentlichen Raum als alltägliche Umgebung sowie als experimentelles Feld des Gehens erfahrbar.
METHODEN
WALKING
«Walking means being present, bearing witness and putting one’s body into the research process and into the world.»1
Gehen ist mehr als eine Fortbewegung – es ist eine Praxis der Stadtuntersuchung. Planer:innen, Kulturwissenschaftler:innen oder Künstler:innen haben diese Methode in den letzten Jahrzehnten bereits auf verschiedene Weise angewandt. Der Schweizer Stadtsoziologe Lucius Burckhardt gründete beispielsweise Anfang der 1980er Jahre mit seinen Studierenden in Kassel die «Spaziergangswissenschaft» und sah im Spaziergang eine Methode des Entdeckens und Aufdeckens. Auch die Situationisten der 1960er Jahre in Paris wählten das «Umherschweifen» (Dérive) als Methode. Dabei wurden auch die Alltagsroutinen herausgefordert.
In diesem Seminar gehen wir auf die verschiedenen Möglichkeiten ein, wie die Stadt im Gehen erkundet werden kann, und wenden diese direkt an. Gehend fügen wir uns in die Stadt- und Quartiersräume ein und versuchen Prozesse, Strukturen, Situationen und Atmosphären intensiv und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Mittels verschiedener Übungen erkunden wir die Eigenarten der Quartierräume, sammeln Wissen und verknüpfen Erfahrungen zu neuen Zusammenhängen. Gespräche über räumliche Eigenschaften oder Interpretationen von urbanen Räumen sind Teil unserer Raumerkundungen – ergänzt durch Diskussionen ausgewählter Texte zur Rolle des Körpers im Stadtraum.
Die Teilnehmenden dokumentieren ihre Beobachtungen eigenständig vor Ort: Individuelle Erfahrungen werden textlich und zeichnerisch reflektiert. Auch relevante Fundstücke können die Dokumentationen im Skizzenheft ergänzen. Ziel der individuellen Sammlungen ist, ein Gefühl für die Stadt und ihre Quartiere zu entwickeln, Details und Zusammenhänge festzumachen und den eigenen Wissensspeicher zu füllen.
PERCEPTION
«Wir betrachten, berühren, hören und bemessen die Welt mit unserer gesamten körperlichen Existenz; unser Körper steht im Zentrum einer Erfahrungswelt, die ihn mit ihren Ordnungen und Strukturen umgibt.» 2
Wahrnehmung ist im Kontext dieses Seminars kein passiver Akt, sondern eine bewusst geschulte, forschende Praxis. Sie bildet das Kernstück unserer methodischen Annäherung an die Stadt und ihre Quartiere, weil erst durch vertiefte, konzentrierte Wahrnehmung die vielfältigen Schichten urbaner Räume zugänglich werden – jene Atmosphären, Rhythmen und Details, die sich dem flüchtigen Blick entziehen. Es geht darum, das Alltägliche nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern genau zu betrachten. Diese scheinbar einfache Aufgabe erweist sich als anspruchsvolle Übung, denn unsere Sinne sind durch Gewohnheiten und Erwartungen vorgeprägt. Deshalb werden wir im Seminar auch über die je eigenen Wahrnehmungsprägungen und -möglichkeiten reflektieren.
Räume erschliessen sich nicht allein durch das Auge, sondern durch den gesamten Körper – durch Berührung, Gehör, Geruch, das haptische Gedächtnis, durch Gleichgewicht- und Muskelinformationen etc. Indem wir im Seminar Oberflächen, Geräusche oder Gerüche bewusst erkunden, treten wir in einen direkten, körperlichen Dialog mit den Quartiersräumen.
Wahrnehmung wird so zur methodischen Grundlage, um Routinen zu durchbrechen und Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Wir registrieren sensorische Qualitäten ganz bewusst, um Räume als vielschichtige Gefüge zu begreifen. Diese geschärfte Wahrnehmung ist Voraussetzung für das Mapping.
MAPPING
«Mapping is a fantastic cultural project, creating and building the world as much as measuring and describing it.»3
Zur Materialisierung und Kommunikation unserer Erfahrungen vor Ort nutzen wir die Methode des Mappings – nicht als neutrale Abbildung, sondern als Prozess des Entschlüsselns von Atmosphären, Erfahrenem und Gedachtem oder auch räumlichen Rhythmen vor Ort. Aus individuellen Wahrnehmungen entsteht so eine Visualisierung – ein Mapping, das nicht nur erfasst, was in den Räumen ist, sondern wie sie erlebt werden.
Mapping verstehen wir dabei als Verbindung von sinnlicher Wahrnehmung, Erinnerung und Erzählung: Beim Zeichnen subjektiver Karten entstehen räumliche Bilder, die gesellschaftliche Bedeutungen und alltägliche Erfahrungen sichtbar machen. Solche mentalen Karten sind narrative Konstruktionen, die weniger auf topografische Genauigkeit als vielmehr auf räumliche Bedeutungsschichten zielen – auf das, was Orte in sozialer, atmosphärischer und emotionaler Hinsicht prägt.
Gerade für Architekt:innen ist diese Form des Mappings zentral. So wird beispielsweise in der archithese-Ausgabe Kartografie / Mapping4 hervorgehoben, dass Mappings nicht nur analytische Werkzeuge sind. Sie öffnen vielmehr Denk , Entwurfs und Imaginationsräume. Kartografische Darstellungen werden als experimentelle Formate verstanden, die Beobachtungen, Atmosphären und Geschichten verweben. So wird Mapping zu einer Methode, die im Spannungsfeld zwischen Forschung und Entwurf operiert – zwischen präziser Analyse und spekulativer Projektion.
Im Seminar knüpfen die Mappings unmittelbar an die beim Gehen gewonnenen Eindrücke, Wahrnehmungen und an die individuellen Dokumentationen in den Skizzenheften an: Notizen, zeichnerische Beobachtungen, Diagramme, perspektivische Skizzen und Fundstücke bilden das Material, aus dem die Karten entwickelt werden. Mapping wird damit zu unserer Methode, Luzern und seine Quartiere nicht nur zu lesen, sondern aus der gelebten Erfahrung heraus neu zu denken.
1: Royal Academy of art (Ed.): Walking as a Research Method, 2020, https://issuu.com/kabk/docs/kabk_designlectorate_walkingpublication
2: Juhani Pallasmaa, Die Augen der Haut. Architektur und die Sinne, Los Angeles: Atara Press, 2013, S. 82
3: James Corner, The Agency of Mapping – Speculation, Critique and Invention. S. 27. In M. Dorrian & G. Waldie (Hrsg.), MAPPING: An Examination of Cartography in Relation to Landscape Design (S. 26–50). University of Sunderland.
4: Archithese 2.2025: Kartografie / Mapping. Zürich: Archithese Verlag.