Seminar 1:
PLATZ DA?! – WOHNEN, BODEN UND DIE FRAGE, WEM RAUM GEHÖRT
PROF. ANGELIKA JUPPIEN UND MARTIN WYSS
In den 70er-Jahren kaufte der Architekt und Künstler Gordon Matta-Clark in New York fünfzehn winzige Restgrundstücke: schmale Streifen, spitze Dreiecke, Randstücke von Gehsteigen und Einfahrten, kaum zugänglich und meist unbebaubar. Die Parzellen waren durch Vermessungsfehler, Zonenlogiken, Strassenbau und die Rasterordnung der Stadt entstanden. Matta-Clark nannte sie «Fake Estates». Mit Verträgen, Plänen, Karten und Fotografien machte er sichtbar, was im Alltag selten auffällt: Räume, die kaum nutzbar sind, aber vermessen, bewertet, verkauft und besessen werden können.
«Fake Estates» ist keine romantische Freiraumsuche, sondern eine präzise Intervention in die Eigentumslogik. Matta-Clark interessierten Lücken, Reste und Zwischenräume: Orte, die durch Planung und Markt entstanden, aber jeder sinnvollen Nutzung entzogen wurden. Die Parzellen waren «real», weil sie amtlich vermessen und im Kataster erfasst waren, und «fake», weil Wert und Warencharakter absurd wirkten: Grundstücke ohne Zweck, Wert als Papierwirklichkeit. «Fake Estates» zeigt, wie eine Linie auf dem Plan zur Grenze und ein Rest zur handelbaren Ware wird.
Die Arbeit ist ein Impuls für das Seminar. Sie zeigt, wie Eigentum, Grenzen und Nutzungsrechte entstehen und was sie ermöglichen oder verhindern. Das wird besonders relevant, wenn wir Boden nicht als beliebige Ware, sondern als unverzichtbare Lebensgrundlage begreifen, auf deren Nutzung alle angewiesen sind. So verschiebt sich der Blick von der abstrakten Grundstücksfläche zu den konkreten Wohnbedingungen: Welche Räume können entstehen? Für wen und wofür? Wo gibt es Spielräume für Aneignung, Freiraum, Nachbarschaft und Alltag? Wo werden diese durch Bodenwerte, Besitzverhältnisse oder Verwertungslogiken eingeschränkt?
Die Wohnungsfrage zeigt sich in steigenden Mieten, knappen Budgets und Verdrängung ebenso wie in der Wohnqualität: in engen Spielräumen, fehlenden Freiräumen, monotonen Grundrissen, prekären Zwischenzonen, mangelnder Aneigenbarkeit und der Frage, ob Wohnen mehr sein kann als Unterkommen. Diese Qualitäten entstehen nicht erst im Gebäude. Sie hängen mit Boden, Eigentum, Planung, Nutzungsrechten und Wertsteigerungen zusammen – also den Regeln der Verteilung und Nutzbarmachung von Raum. Wer über Boden verfügt, entscheidet mit, welche Qualitäten umgesetzt, Nutzungen gemischt, Freiräume gesichert, Nachbarschaften ermöglicht werden und welche Räume langfristig zugänglich bleiben.
Das Seminar betrachtet die Wohnungsfrage deshalb als Bodenfrage. Guter Wohnraum entsteht nicht allein durch gute Grundrisse oder effizientes Bauen. Begriffe wie Bodenrente, Lagewert, Planungsmehrwert, Baurecht, Kostenmiete, Spekulation oder Gemeingut helfen, scheinbar technische Fragen als räumliche und gesellschaftliche Spannungsfelder zu lesen: Welche Wohnqualitäten werden ermöglicht oder verhindert? Wer erhält Zugang? Wer kann bleiben, mitgestalten und Alltag entfalten? Boden ist unvermehrbar. Er trägt Häuser, Strassen, Gärten, Arbeitsorte und öffentliche Räume. Zugleich wird er gehandelt, vererbt, belehnt, verteuert und als Vermögenswert genutzt. Die Bodenfrage betrifft daher nie nur Fläche, sondern Zugang, Verteilung und Verantwortung. Sie betrifft öffentliche Hand, Privateigentümer, Genossenschaften, Stiftungen, Planer und Bewohner. Auch Architektur ist betroffen, da jedes Projekt auf Voraussetzungen beruht, die vor dem Entwurf feststehen: Grundstück, Eigentum, Baurecht, Finanzierung und Nutzung.
Im Seminar untersuchen wir, wie Bodenpolitik Wohnpraxis prägt. Welche Wohnformen werden möglich, wenn Boden nicht kurzfristig verwertet, sondern langfristig gebunden wird? Was leisten Baurechte, Bodenfonds, Genossenschaften, Stiftungen oder Gemeingutmodelle? Welche Spielräume und Grenzen haben sie? Welche Verantwortung tragen Architektur und Planung, wenn sie neben Gebäuden auch Zugangsbedingungen mitgestalten? Das Seminar «Platz da?!» lädt ein, den scheinbar festen Boden des Wohnens neu zu lesen: als Ressource, gesellschaftliche Aufgabe und Zukunftsraum. Wer die Bodenfrage versteht, erkennt Spielräume – für eine Architektur, die Zugang, Verantwortung und Teilhabe mitgestaltet.