ARCHITEKTUR UND Kontext FS 2026

KIRCHEN – TRANSFORMATION – KONTEXT

PROF. ANGELIKA JUPPIEN

DIE STÄDTEBAULICHE DIMENSION DES WOHNENS 

Die Schaffung qualitativ hochwertigen Wohnraums stellt eine der zentralen Herausforderungen für Architektinnen und Architekten dar und ist zugleich eine der drängendsten gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit. In Luzern wie in vielen Schweizer Städten ist Wohnraum grundsätzlich knapp, die Mieten und Kaufpreise steigen kontinuierlich, und der Zugang zu bezahlbarem Wohnen wird zunehmend schwierig. Dadurch werden immer mehr Menschen – insbesondere einkommensschwache Haushalte – aus attraktiven Quartieren verdrängt, was soziale Spannungen verstärkt und die Inklusion in der Stadt gefährdet.

Die Bevölkerung der Schweiz wächst und gleichzeitig steigt der durchschnittliche Quadratmeterverbrauch pro Person. Dies führt zu einem steigenden Gesamtkonsum an Wohnraum. Allerdings wachsen nicht nur der Anspruch auf bezahlbaren und gut angebundenen Wohnraum, sondern auch essenzielle Grün- und Freiräume geraten unter Druck. Der Bund sieht die zunehmende Hitzebelastung in Städten und Agglomerationen als eine der grössten Herausforderungen und warnt: Mit dem Klimawandel wird diese Belastung in der Schweiz weiter zunehmen. Modellrechnungen von MeteoSchweiz prognostizieren, dass Hitzewellen, die derzeit etwa alle zehn Jahre auftreten, Mitte des Jahrhunderts jährlich vorkommen könnten.1 Die Herausforderungen des Wohnens erstrecken sich zudem auf die Biodiversität, da Verdichtung und Bebauung Lebensräume für Pflanzen und Tiere immer stärker fragmentieren. Qualitativ hochwertiger Wohnraum sollte daher grüne Infrastrukturen integrieren – wie Dach- und Fassadenbegrünungen, renaturierte Gewässer oder vernetzte Grünflächen –, um Habitate für beispielsweise Insekten und Vögel zu schaffen und die Artenvielfalt zu stärken. 

Wohnen bleibt ein fundamentales Bedürfnis und Grundrecht, das auf wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Ebene unter Druck gerät. Anne Lacaton unterstreicht dies, indem sie das Verteidigen der Freude am Wohnen als zutiefst politische Haltung beschreibt2 – eine Haltung, die qualitativen Wohn- und Lebensraum als Basis für soziale Gerechtigkeit und Inklusion im Quartier und der Stadt begreift. In Zeiten des Klimawandels erfordert dies integrierte Ansätze: klimaangepasste Stadtplanung mit mehr Grünflächen, Schatten und kühlen Materialien, kombiniert mit Strategien für bezahlbaren Wohnraum, um Lebensqualität für alle zu sichern.

UNTERSUCHUNGSRAUM QUARTIER 

Ein Quartier ist die überschaubare Lebenswelt im Umfeld der eigenen Wohnung – jener Raum, in dem sich der Alltag entfaltet und soziale sowie räumliche Beziehungen verdichten. Es handelt sich um «fuzzy places», deren Grenzen und Bedeutungen sich aus sozialen Beziehungen, Wahrnehmung und Aushandlung ergeben: dynamisch und sozial konstruiert, nie klar umrissen.3

In diesen offenen Gefügen überlagern sich individuelle Netzwerke wie Familie, Nachbarschaft, Vereine oder Initiativen und erzeugen eine spezifische Dynamik, die Identität stiftet und vielfältige Lebensentwürfe ermöglicht.

Für das Wohnen reicht daher der alleinige Fokus auf die Gestaltung privater Sphären nicht aus; vielmehr geht es um die Schaffung eines Rahmens, der soziale Teilhabe, Vielfalt und nachhaltige Lebensqualität unterstützt. Quartiere sind keine isolierten Einheiten, sondern verknüpft mit Stadt, Region und globalen Prozessen – etwa durch Mobilität, Migration, Tourismus oder ökologische Zusammenhänge. Gerade aus dieser Offenheit resultiert ihre architektonische und gesellschaftliche Relevanz: Hier werden gesellschaftliche, ökologische und kulturelle Transformationsprozesse konkret erfahrbar.

Das Quartier gewinnt somit zentrale Bedeutung für gesellschaftliche Transformation und demokratische Teilhabe. Als lokaler Erfahrungsraum macht es spürbar, wie soziale, ökologische und kulturelle Veränderungen ineinandergreifen. Herausforderungen wie Globalisierung, Polarisierung, Migration und demografischer Wandel manifestieren sich hier besonders intensiv und wandeln Quartiere in Brennpunkte wie auch Chancenräume für Veränderungsprozesse.

VIER LUZERNER QUARTIERE – VIER KIRCHEN

In diesem Semester stehen vier Luzerner Quartiere im Fokus – jedes mit eigener Geschichte, Struktur und Dynamik sowie einer Kirche in spezifischer Beziehung dazu. Die unterschiedlichen Konstellationen von Quartier und Kirche bilden die Basis für eine vertiefte Auseinandersetzung mit städtebaulichen Transformationsprozessen. Die Quartiere bilden den zentralen Untersuchungskontext, die Kirchen dienen als räumliche und symbolische Ausgangspunkte – von dort erschliessen wir Alltagsräume, Nutzungen, Konflikte und Potenziale der jeweiligen Quartiere.

ALTSTADT LUZERN – ST. PETER

Die historische Altstadt Luzerns inszeniert sich zunehmend als «authentische Vergangenheit» und schöpft daraus hohen ökonomischen Wert – vor allem aus dem florierenden Massentourismus. Diese starke ökonomische Prägung schafft jedoch auch Resistenz gegen Veränderungen: Das Stadtbild bleibt bewahrt, während touristische Interessen soziale und räumliche Beziehungen im Quartier dominieren. St. Peter (1259) ist die älteste Kirche der Stadt und liegt im Herzen der Altstadt.

REUSSBÜHL – ST. PHILIPP NERI

Das Reussbühl Quartier erfüllt historisch und heute eine zentrale Durchgangs-, Verbindungs- und Pendlerfunktion. Es liegt strategisch zwischen Luzern-Innenstadt, Emmen und den Seetalgebieten – Verkehrsachsen und Knotenpunkte prägen das Quartier stark. Die Entwicklung von Luzern Nord eröffnet zwar Aufwertungschancen für Reussbühl, doch zugleich bergen die Gestaltung des Seetalplatzes und neue Verkehrswege weitere Herausforderungen. St. Philipp Neri (1902) steht mitten in diesem sich wandelnden Umfeld.

BRAMBERG UND BASEL-BERNSTRASSE – ST. KARLI

Das Bramberg-Quartier ist ein traditionelles Wohngebiet mit vorwiegend bürgerlichem Charakter, während das benachbarte Basel-/Bernstrassen-Quartier durch soziale Vielfalt, baulichen Sanierungsbedarf und Verkehrsbelastung geprägt ist. Diese unterschiedlichen städtebaulichen und sozialen Milieus treffen am rechten Reussufer aufeinander. St. Karli (1934) liegt direkt an der St. Karli-Brücke, die beide Quartiere verbindet, und wird so selbst zu einem Bindeglied zwischen ihren unterschiedlichen Identitäten und Bewohner:innen.

QUARTIER WÜRZENBACH – ST. JOHANNES 

Das Quartier Würzenbach liegt am östlichen Stadtrand Luzerns am rechten Vierwaldstättersee-Ufer, geprägt von Dietschiberg, Gerlisberg und dem namensgebenden Bach. Das Wohnquartier übernimmt wichtige Erholungsfunktionen und verfügt über eine gute Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten, Nahversorgern und einer eigenen S-Bahn-Station. St. Johannes (1970), entworfen von Walter Förderer, ist die jüngste Luzerner Stadtpfarrei und versteht sich als Ort der Kultur.

KIRCHEN – IMPULSGEBER:INNEN FÜR QUARTIERSTRANSFORMATIONEN?

Kirchen bleiben wichtige Orientierungspunkte und soziale Treffpunkte im Stadtraum. Doch sie weisen Räume auf, die unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr vollständig genutzt werden. Gerade diese Strukturen eröffnen jedoch die Chance, sie als Ressource für nachhaltige Quartiertransformationen zu aktivieren

Von den Kirchen aus erschliessen sich die Quartiere als umfassende Transformationsfelder. Sie können räumlich, sozial und ökologisch als Impulsgeber:innen wirken. Als gemeinwohlorientierte Institutionen übernehmen Kirchen häufig zivilgesellschaftliche Funktionen und fungieren «als Orte der frei gewählten Auseinandersetzung» – als Plattformen für kollektives Handeln in einer pluralistischen und zunehmend polarisierten Gesellschaft.

Die Transformation von Quartieren und ihren Kirchen eröffnet Räume für Szenarien, die über die architektonische Dimension hinausgehen und neue Formen von Verantwortung, Teilhabe sowie sozialer und ökologischer Koexistenz erproben. Mit dem Projekt verfolgen wir das Ziel, Quartiere und ihre Kirchen als gemeinsame Transformationsfelder zu erfassen und zu verstehen: Wie sollte sich das Verhältnis zwischen Raum, Gesellschaft und Umwelt verändern? Welche zukunftsfähigen Szenarien für Nutzung, Gestaltung und Bedeutung lassen sich aus diesem veränderten Verhältnis ableiten? Und wie können obsolete Systeme als nachhaltige Ressourcen für positive Veränderungen begriffen werden? 


JAHRESSTRUKTUR

QUARTIERSLESUNG

Im Rahmen dieses studioübergreifenden Formats präsentieren und diskutieren die Sechser-Gruppen ihre Quartierslesungen. Beobachtungen, Wahrnehmungen und fundierten Analysen zu (frei-)räumlichen, sozialen und ökologischen Strukturen werden nachvollziehbar dokumentiert, strukturiert aufbereitet und eigenständig interpretiert. Ziel des Formats ist es, die Basis für einen informierten Diskurs über die Transformationspotenziale der Quartiere herzustellen. Die Impulse dienen als Grundlage und Orientierung für die Szenario-Erarbeitung.

SZENARIO

Auf Grundlage weiterführender Recherchen, Analysen und individueller Interpretationen erarbeiten die Sechser-Gruppen Thesen und ein Szenario zur zukunftsfähigen Quartierstransformation. Diese werden im studioübergreifenden Plenum vorgestellt und diskutiert. Es geht darum, die erzählerische und räumliche Kohärenz und Relevanz des Szenarios zu reflektieren und mögliche Wege für seine Weiterentwicklung zu erkennen. Das aufbereitete Material bildet die Grundlage für erste Vorschläge zu baulich-räumlichen Interventionen in Zweier-Teams. Diese sollten u.a. klären: Warum und wo sind welche Interventionen denkbar? Welchen Bezug haben sie zu den Recherche-Ergebnissen? Wie stark oder fein greifen sie in bestehende Strukturen ein – und warum? Das Plenum versteht sich als gemeinsames Denkfeld, in dem Fragen gestellt, Hypothesen geschärft und Potenziale aufgezeigt werden.

TISCHKRITIK

Die Tischkritiken sind wöchentlich stattfindende Gespräche in Zweier-Teams und Sechser-Gruppen, bei denen die Studierenden aktuelle Herausforderungen ihres Entwurfsprozesses im Team und in der Gruppe gezielt ansprechen können. Eine gute Vorbereitung mit konkreten Fragen und die Identifizierung von offenen Punkten ist Voraussetzung für konstruktive Gespräche. Die Studierenden tragen die Verantwortung, relevante Themen einzubringen und den Austausch aktiv zu gestalten. Die Atelierdozierenden geben gezielte Anregungen und stellen relevante Fragen, liefern aber keine fertigen Ideen. Ziel ist es, die Reflexion zu fördern und individuelle Lösungsvorschläge im Entwurfsprozess zu unterstützen.

ZWISCHENKRITIK

Bis zur Zwischenkritik sollen die Themen der Zweier-Teams so gefestigt sein, dass sie eine tragfähige Grundlage für die baulich-räumliche Umsetzung ihrer Thesen bieten. Jetzt sollte klar werden, was, wie und mit welcher Absicht entwickelt wird, welche architektonischen Mittel dabei zum Einsatz kommen und in welchem Bezug die eigene Intervention zum Szenario steht. Der im Zusammenhang mit dem Gruppenszenario vorgestellte Entwurf wird als Arbeitsstand im laufenden Prozess verstanden und in der Zwischenkritik gemeinsam mit den betreuenden Atelierdozierenden sowie externen Fachexpert:innen (Architektur und Landschaftsarchitektur) diskutiert. Die Zwischenkritik ist ein zentraler Bestandteil der Gesamtleistung im Semester. Entsprechend sind alle Arbeitsstände pünktlich und verbindlich auf ILIAS einzureichen.

LANDSCHAFTSKRITIK

Die Tischkritik+ ergänzt die regulären Tischkritiken durch (studio-)externe Gäste aus der Disziplin der Landschaftsarchitektur. Ihre Expertise zur Freiraumgestaltung bereichert die Diskussion mit neuer Perspektive. Sie unterstützt und fordert die Studierenden heraus, ihre Entwürfe präzise, klar und argumentativ überzeugend zu präsentieren und unterstützt die Reflexion zur Bedeutung von Freiräumen im Quartier. Sie gibt essenzielle Impulse für das Szenario und das Transformationspotenzial der Projekte. 

SCHLUSSKRITIK

Die Schlusskritik bildet den Semesterabschluss und erfolgt in Form einer mündlichen Präsentation des Szenarios und der mit ihm verbundenen Projekte mit anschliessender Diskussion. Im Mittelpunkt stehen die in Wechselbeziehung zum Szenario entwickelten architektonisch-räumlichen Antworten auf die im Semester formulierten Fragestellungen und Thesen. Die Schlusskritiken finden studioübergreifend statt. Externe Gäste aus der Architektur und Landschaftsarchitektur sowie Dozierende anderer Studios treten als Expert*innen in den Dialog mit den Studierenden. Die Schlusskritik gilt gleichzeitig als Modul-Endprüfung. Die Teilnahme ist obligatorisch und Voraussetzung für die Bewertung der Arbeit. Erwartet werden eine ganztägige Anwesenheit. Alle relevanten Arbeitsstände sind fristgerecht und verbindlich auf der Plattform ILIAS einzureichen.

Beurteilungskriterien