Homeoffice und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: ein Härtetest

Corona, Lockdown, Kontaktbeschränkungen, Homeschooling – im Frühjahr 2020 waren Familien vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Dazu kam häufig auch noch Homeoffice bei einem oder beiden Elternteilen. Generell heisst es in der Literatur, Homeoffice fördere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese pauschale Annahme wurde im Lockdown auf eine harte Probe gestellt.

Ein studentischer Beitrag von Sebastian Bucher, Dominic Hüsing, Milos Ognjanovic und Eric Tuscher

Ein wichtiges Puzzle-Stück in unseren Recherchen und Interviewanalysen war das Konzept der «Lebensphasen»: Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf hängt stark vom Umfeld der Familie und anderen Einflussfaktoren ab. Neben dem Beruf und Arbeitspensum der beiden Elternteile kann gerade das Alter der Kinder entscheidend sein. Unsere Interviews zeigen ein grosses Potential bei Vätern, die Vollzeit arbeiten, mit Kleinkindern. Ein Mann berichtet:

«Also ich habe das Gefühl gehabt, es war so ein wenig die Zeit, in der ich ihn erst so richtig kennen gelernt habe, oder ich eine Beziehung zu ihm aufgebaut habe, das hat uns jetzt extrem gutgetan.»

In den Interviews wurde ersichtlich, dass die Aufteilung der Kinderbetreuung sehr individuell und vielfältig gestaltet wird. Homeoffice ist dabei keine Gratis-Alternative einer externen Betreuung wie beispielsweise einer Kita. Es kann aber den Betreuungsmix entlasten oder erweitern. Zudem bietet Homeoffice den Eltern die Möglichkeit, sich punktuell stärker gegenseitig zu unterstützen.

Das Homeoffice ist eine grosse Chance für mehr Familien-Zeit. Dies passiert einerseits in Form eines fliessenden Übergangs zwischen Beruf und Familie – bspw. indem die Arbeitspausen anstatt mit den Arbeitskollegen mit der Familie verbracht werden. Andererseits wurde beschrieben, dass im Lockdown auch mehr Freizeit für die Kinderbetreuung eingesetzt wurde. So wurde beispielsweise der Nachmittag bei entsprechender Arbeitsauslastung freigemacht.

Homeoffice bietet mehr Flexibilität, was sich wiederum positiv auf die Work-Life-Balance auswirkt. Arztbesuche oder das Sporttraining müssen nicht mehr zu Randzeiten vereinbart werden, da auch gut am Abend noch eine Stunde gearbeitet werden kann. Dabei war es interessant, dass sich die Arbeitszeit nicht erhöht, sondern höchstens verlagert hat. Es wird als Chance beschrieben, die Arbeit selbst einteilen zu können. Die Freiräume werden für die Kinderbetreuung oder auch die Hausarbeit zwischendurch genutzt.

Durch Homeoffice sind gerade vollzeit berufstätige Personen (typischerweise Männer) zu ungewöhnlichen Zeiten zu Hause und bekommen dadurch einen stärkeren Bezug zum Haushalt sowie den dort anfallenden Arbeiten. Teilweise hat dies zu einer Neuverteilung der Hausarbeit geführt. Allerdings ist schwer zu beurteilen, wie nachhaltig dieser Effekt sein wird.

Schwierig war vor allem die Abgrenzung zwischen Freizeit und Arbeit. Es besteht ein fliessender Übergang zwischen Arbeitsalltag und dem Familienleben, was nicht selten zu Konflikten führt. Ein treffendes Zitat aus einem Interview:

«Ich bin halt diszipliniert gewesen und um halb 5 aufgestanden am Morgen, habe von 5 bis um 9 Uhr eigentlich gearbeitet, dann sind die Kinder aufgestanden, dann habe ich ihnen Frühstück gemacht.»

Ob sich Homeoffice in der Zukunft flächendeckend durchsetzen kann, wird sich zeigen. Die Situation im Frühjahr 2020 war in vielerlei Hinsicht ausserordentlich. Allerdings ist deutlich geworden, dass nur mit einem gut eingerichten Arbeitsplatz, Selbstdisziplin und einer durchdachten Aufteilung der Familienarbeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Homeoffice gefördert wird.

4 Gedanken zu „Homeoffice und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: ein Härtetest“

  1. Ich fand es schwierig, durch die Nähe zwischen Home Office und Home Living eine mentale Distanz herzustellen bzw. die Verbindung zur Familie nach Verlassen des Arbeitszimmers sofort wieder herzustellen. Mit den Gedanken war ich noch bei der Arbeit und physisch hat mich bereits im Wohnzimmer das alltägliche Familienchaos erwartet. Ich habe oft gedacht: „Ich bin im falschen Film!“. Der Arbeitsweg hat trotz seines zeitlichen Aufwands auch eine katharsische Funktion.

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    • Eine interessante Beobachtung, die an manchen Stellen auch in unserer Forschung aufgetaucht ist. Ich erinnere mich an ein Interview, wo jemand den allabendlichen Pendlerstau vermisst hat. Da konnte er laut Musik hören, nochmal die Ereignisse des Arbeitstages innerlich Revue passieren lassen und damit abschliessen. Der Begriff der „Katharsis“ passt da sehr gut. Vielleicht liessen sich im Homeoffice neue Rituale entwickeln, die eine ähnliche Wirkung haben.
      Ihr Beispiel zeigt aber vielleicht auch noch etwas anderes, nämlich dass sich für Frauen heute teilweise das Verhältnis Freizeit – Arbeit umkehrt: Da wird die Arbeit zur Erholung, weil die Freizeit mit extrem verdichteter Sorgearbeit (dem „alltäglichen Familienchaos“) angefüllt ist. Sehr gut hat das die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild analysiert: https://www.perlentaucher.de/buch/arlie-russell-hochschild/keine-zeit.html

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  2. Ich persönlich liebe es, von zu Hause aus zu arbeiten, weil die Produktivität so stark gestiegen ist. Im Büro müssen Sie 9 Stunden verbringen, egal was passiert, wenn die Ihnen gegebene Arbeit nicht einmal 5 Stunden beträgt. Der Hauptvorteil der Arbeit von zu Hause aus ist die Steigerung der Produktivität.

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  3. Vielleicht ist die Frage, ob Firmen mit ihren Bürokräften, die nun zur Heimarbeit verdonnert wurden, zufrieden sind, von Anfang an problematisch. Die Firmen haben nämlich gar keine andere Wahl, als abzuwarten und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. In der Zwischenzeit lassen sie ihre MitarbeiterInnen weiterhin von zuhause aus arbeiten, da die häusliche Quarantäne das Beste ist, was jeder Einzelne von uns momentan tun kann, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die Firmen bleiben auf jeden Fall weiter am Ball, da sich die wirtschaftliche Lage so langsam wieder erholt. Es scheint, als gäbe es keinen wirklichen Grund, sich zu beschweren.

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