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Die Corona-Situation in der Schweiz (1/3): Die Räder spulen im Leeren

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Anfang letzten Herbst kündigte ich der Blog-Redaktion eine neue «Coronavirus-Serie» an. Sie sollte «das neue Normal» heissen und dieses «neue Normal» mit Blick auf das Individuum, den Staat und den gesellschaftlichen Zusammenhalt beleuchten. Doch dann wurde erneut reiner Distanz- statt Präsenz-Unterricht verordnet, Sitzungen fanden fast nur noch online statt, die Fallzahlen sahen immer schlechter aus und R-Wert und Positivitätsrate wurden zu alltäglichen Begriffen. Es gab Ansteckungen bei den Studierenden, plötzlich kannte jede und jeder eine erkrankte Person. Quarantäne und Selbstisolation betrafen uns nun direkt. Jean-Claude Gillet, ein Doyen der Soziokultur, starb an Covid-19. Über den Jahreswechsel waren soziale Pausen statt Feuerwerk und gemeinsames Feiern angesagt. An ein «neues Normal» ist zurzeit nicht zu denken. Deshalb sieht die Serie nun etwas anders aus: Sie nimmt die aktuelle Schweizer Politik in den Blick, das Handeln der Menschen und das Lernen und Lehren in und nach der Pandemie – stets natürlich auch mit der Frage, was dies für die Soziokultur bedeutet.

1/3 Die Corona-Situation in der Schweiz: Politik
Als der Bundesrat im Frühling den Lockdown verfügte, wurde dies noch relativ breit akzeptiert. Ab Sommer und erst recht im Herbst setzte dann – im Angesicht der steigenden Fallzahlen und des drohenden Kollaps’ des Gesundheitssystems – ein immer hektischeres und zunehmend auch gehässiges Spiel von sich gegenseitig widersprechenden Prognosen und Befürchtungen ein.

Mitglieder der Taskforce und andere Expertinnen und Experten, Politikerinnen und Politiker – in erster Linie auf Ebene der Kantone und des Bundes – und unterschiedliche Gesichter aus dem Bundesamt für Gesundheit versorgen die Menschen mit Informationen zur aktuellen Corona-Situation. Eine Vielzahl von Stimmen zu hören, ist grundsätzlich gut und sogar wichtig, denn das Abwägen und Diskutieren unterschiedlicher Ebenen, Gewichtungen und Interessen ist der eigentliche Inhalt von Politik. Dass in einer Pandemie-Situation vieles revidiert, korrigiert und adaptiert werden muss, ist ebenso normal und richtig. Verwirrend, ermüdend und letztlich potentiell kontraproduktiv ist jedoch das politische Gezänke der letzten Monate und Wochen zum Umgang mit der SARS-CoV-2 Pandemie. Da sind Rufe nicht weit, in der Krise tauge halt der Föderalismus, ja die Demokratie nicht viel. Doch meiner Meinung nach ist nichts so falsch wie diese Kapitulation. Im Gegenteil, eine Krisensituation wie die SARS-CoV-2 Pandemie zeigt gerade, wie der föderalistische, demokratische Bundesstaat tatsächlich unser Fundament bildet – wenn dieses auch nicht perfekt ist. Aber dazu braucht es neben der Politik und der Verwaltung auch mündige Bürgerinnen und Bürger – und den Dialog.

Föderalismus in der Krisensituation der SARS-CoV-2 Pandemie
Es ist verständlich, dass die Kantone, welche ja unter anderem für die Bildung und die Gesundheit zuständig sind, bei der Festlegung von Einschränkungen mitreden wollen, die zur Eindämmung der Pandemie ergriffen werden. Schliesslich sind die Kantone sowohl für die Kosten ihrer Spitäler als auch für die Durchführung der nun endlich anlaufenden Corona-Impfungen verantwortlich. Allerdings wären im Vergleich zur Realität mindestens drei andere Entwicklungen wünschenswert gewesen:

  1. Schnelleres Tempo
  2. Einheitliches Handeln
  3. Ernstzunehmender demokratischer Dialog.

In der Ruhe liegt die Kraft – aber in der Krise sind kurze Wege gefragt
Politische Diskussion, Interessenabwägungen, Meinungsbildung, Entscheidungsfindung, das alles braucht Zeit. In den Kantonen, beim Bund, zwischen den Kantonen und zwischen Bund und Kantonen. Schon in normalen Zeiten werden die Schwerfälligkeit und die Langsamkeit der politischen Prozesse gerne beklagt. Allerdings stehen ihnen dann solide Prozesse der Vernehmlassung gegenüber, welche im Idealfall einen echten Konsens, auf jeden Fall aber einen politisch lebbaren Kompromiss wiedergeben.

Nun zurück zu Corona: Es steht ausser Zweifel, dass Politikerinnen und Politiker sowie Verwaltungsangestellte – jedenfalls die meisten unter ihnen – ihre Arbeit ernst nehmen und sich engagieren. Allerdings ist in der «zweiten Welle» der Corona-Krise nun wiederholt ein unkoordinierter Eindruck entstanden, der den so nötigen Goodwill der Menschen in diesem Land arg strapazierte. Selbstverständlich befolgt man die Schutzmassnahmen zur Bekämpfung der Pandemie nicht aus Goodwill, sondern aus Überzeugung oder doch Vernunft. Aber das Zusammenstehen, das Gefühl, dass sich alle anstrengen, gemeinsam; dass jede und jeder das tut, was möglich ist, das ist hier mit Goodwill gemeint. Die rasant schnelle Entwicklung von (verschiedenen!) Impfstoffen hat gezeigt, dass – mit grossem Ressourceneinsatz und auch mit Glück – ein geregelter und sicherer Prozess eingehalten werden kann, auch wenn alles viel schneller gehen muss.

Kantönli-Geist ist hinderlich – bei der Corona-Impfung wie bei den Lockdown-Massnahmen
Das Beispiel des kantonalen Vorgehens bei der Corona-Impfung und die kantonalen Unterschiede bei den beschlossenen Einschränkungen zeigen eine kantonale «Autonomie», die dem Zweck der Pandemie-Kontrolle nicht unbedingt dienlich ist. Partielle IT-Lösungen, von Tag zu Tag – wenn nicht gar von Stunde zu Stunde – wechselnde Regelungen, wer wann wo geimpft werden soll, überhaupt das territoriale kantonale Denken sorgen für Ratlosigkeit und sind ein Beispiel für schlechte Ressourcenallokation. Wenn Menschen sich zur Impfung anmelden sollen, dies auch tun wollen, es aber – auch längerfristig – nicht tun können, läuft etwas falsch. Dass das Anmeldesystem bei einem grossen Ansturm zusammenbreche, könne man weder voraussehen noch verhindern – echt jetzt?

Dieses Vorgehen wurde mit einem technokratischen Denken entwickelt, ohne dass man genug an die Menschen gedacht hat. Warum wurde hier keinen Moment an ein partizipatives Verfahren gedacht? Oder zumindest mehr Akteurinnen und Akteure in die Entwicklung einbezogen? Das aktuelle Vorgehen im Kanton Zürich beispielsweise ist weit weg von der Situation von hochaltrigen, zuhause lebenden Menschen und ihren Betreuungspersonen. Warum ist man nicht interdisziplinär vorgegangen? Warum hat man die Menschen nicht als in einen sozialen Kontext, ein Familiensystem, eine Nachbarschaft eingebunden verstanden?

Bei den Verschärfungen der zweiten Welle hat die Romandie, welche vorher schon lokale Einschränkungen vorgenommen hatte, verständlicherweise darauf plädiert, die Massnahmen flexibel nach Fallzahlen und Situation auf den Intensivstationen anzupassen. Allerdings: das Flickwerk an Einschränkungen und Lockerungen führt einerseits zu grotesken Situationen (Kioske und Hofläden sind am Sonntag geschlossen, Bäckereien offen, aber nur unter bestimmten Bedingungen); andererseits jedoch – und das ist das Bedenkliche – führt dies zu einem ständigen Wiederaufflackern von Ansteckungsherden. Nicholas Christakis, Medizinsoziologe in Yale, macht einen etwas unappetitlichen, aber sehr gut nachvollziehbaren Vergleich: die kantonal unterschiedlichen Regelungen seien etwa so, wie wenn man in einem Swimming Pool das Urinieren ins Wasser an einer Ecke erlauben, an den andern drei aber verbieten würde. Breitet sich das mit Urin versetzte Wasser dann nicht im ganzen Pool aus? Also Impfstrategie und Massnahmen kantonal begrenzen und denken, das Virus mache das mit? Das Gegenteil ist der Fall. Es bräuchte nicht nur überkantonale, sondern übernationale Vorgehensweisen, etwa einen europäischen Lockdown (unabhängig davon ob EU oder nicht).

Soziokultur: Demokratie im Alltag, Handeln in der Krise
Soziokultur sei die tägliche Arbeit an der Demokratie, hat Jean-Claude Gillet gesagt. Wie das geht, sollen hier exemplarisch drei Beispiele aufzeigen. Mit der Freiwilligkeit, der Aktivierung, der Partizipation haftet der Soziokulturellen Animation oftmals ein Hauch von Schönwetterprogramm an: Wenn es allen schon gut geht, kann die Soziokultur noch mehr Menschen einbeziehen, das Zusammenleben noch attraktiver machen. In der aktuellen Pandemie-Situation hat die Soziokultur jedoch mehrfach gezeigt, dass sie auch in der Krise funktioniert und es vor allem schafft, schnell und koordiniert zu handeln. Als Erstes sei hier auf den Podcast von Studierenden der Soziokulturellen Animation verwiesen: Unterschiedliche Stimmen der Soziokultur berichten darin, wie sie in der Pandemie-Situation agieren. Als Zweites möchte ich auf eine der vielen Initiativen hinweisen, bei welchen Jugendliche Einkaufsdienste für ältere Menschen übernommen haben, im Lockdown im Frühling und darüber hinaus. In diesem Fall wurden diese Einkaufsdienste von unterschiedlichen Pfadi- und Jungwacht Blauring-Gruppen sowie einem Jugendchor aus Luzern koordiniert. Schön an diesem Beispiel ist auch, dass es von der Stadt Luzern mit dem Anerkennungspreis Quartierleben 2020 ausgezeichnet und im Newsletter Luzern60Plus kommuniziert worden ist. So funktioniert Generationendialog! Last but not least sei der Verein Incontro von der Zürcher Langstrasse erwähnt. Angesichts des Elends in der teuersten Stadt der Welt haben Schwester Ariane Stocklin und ihre Mitkämpferinnen und Mitkämpfer innert kürzester Zeit eine tägliche Essensabgabe organisiert. Wie sie das machen, das ist Soziokultur pur.


Die geplanten Blogbeiträge der Serie «Die Corona-Situation in der Schweiz»:

  • Der Staat und seine Bürger und Bürgerinnen (2/3)
  • Lehre und Bildung (3/3)

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About Author

Simone Gretler Heusser

Dozentin und Projektleiterin im Institut für Soziokulturelle Entwicklung, Hochschule Luzern - Soziale Arbeit. Verantwortlich für das Kompetenzzentrum Generationen und Gesellschaft. Fragt sich, wie möglichst alle Menschen gesellschaftliche Teilhabe erleben können.

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