Soziokultur verbindet

Der 8. Internationale Kongress der Soziokulturellen Animation (R.I.A. Réseau International de l’Animation Socioculturelle)

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Soziokulturelle Animation im Zeitalter der Digitalisierung und der neuen Medien
Vom 27. – 29. November 2017 in Algerien (in Tipaza)

Wer hat eingeladen?
Das Patronat des Kongresses übernahm die «Ecole National Supérieur Maritime Boussmail –Tipaza». Als Präsidentin des Kongresses wirkte Aicha Boukrissa, Dozentin für Kommunikation an der Uni Algier 2. Es war der erste R.I.A. Kongress auf afrikanischem Boden.

Wer ist gekommen?
Rund 80 Forschende aus Frankreich, Quebec, Italien, Kolumbien, Elfenbeinküste, Irak, Saudi-Arabien, Marokko, Guyana, Algerien und Schweiz waren anwesend. Leider haben sich wenig Vertreter und Vertreterinnen aus der Praxis angesprochen gefühlt. Völlig abwesend waren die algerischen Animatoren und Animatorinnen.

Die Eröffnungsrede
Der Gründer des R.I.A., der emeritierte Professor Jean-Claude Gillet aus Bordeaux, hielt die Eröffnungsrede. In der ersten Reihe sassen die Notabeln der algerischen Provinz, die Verantwortlichen aus Politik, Militär und Polizei. Jean-Claude Gillet zeigte Mut; er sprach von den fragilen Errungenschaften des Arabischen Frühling in Tunesien und betonte, dass Bürgerinnen und Bürger zu sein nicht nur heisse, in einer Gesellschaft zu leben, sondern diese auch zu gestalten und zu verändern. Aus seiner Sicht ist die Soziokulturellen Animation (SKA) essentiell für eine funktionierende Demokratie: «Wir müssen in der Lage sein, uns eine andere und gerechtere Welt auszudenken, weil wir Gestalterinnen und Gestalter sind, weil wir Leute der Aktion sind und weil wir wache, neugierige Strateginnen und Strategen sind. Es geht nicht um ein naives Interpretieren der Situationen, es geht um ein mutiges und hoffnungsvolles Anpacken beim Gestalten von Beziehungen in unseren Quartieren und Dörfern». Da ich in den hinteren Reihen sass, konnte ich die Gesichter der Staatsvertreter nicht sehen. Ich bin jedoch sicher, dass sie diese Einführungsworte im Gegensatz zu mir nicht genossen haben.

Welche Themen wurden eingebracht?
Die Digitalisierung beeinflusst uns alle, auch die Berufsfelder der SKA. Am Kongress wurde die Frage der Vor- und Nachteilen für die SKA gestellt. Und welche Bedeutung die Digitalisierung für die Bildung allgemein hat? So wie die Lebensumstände in den Ländern der Teilnehmenden unterschiedlich sind, so verschieden sind die Einschätzungen der Referierenden. Der Vertreter aus dem Irak beispielsweise sieht in der Digitalisierung vor allem die grosse Gefahr, dass die islamischen Werte unterwandert werden. Für die in Marokko kriminalisierte LGBT-Gemeinschaft hingegen bringen die neuen Medien grosse Verbesserungen in der Kommunikation untereinander. Ihr in Englisch gehaltener Vortrag wurde als einziger nicht ins Arabische übersetzt – das Thema ist in Algerien immer noch ein grosse Tabu.

Auch der Vertreter aus der Elfenbeinküste sieht grosse Vorteile in der Digitalisierung. Die Situation der Eltern von Jugendlichen in der Hauptstadt Abidjan habe sich mit der Digitalisierung stark verbessert. Wenn marodierende und bewaffnete kriminelle Jugendbanden (les «microbes») die Quartiere in der Agglomeration unsicher machen würden, seien die Eltern stets mit ihren Kindern per Handy in Kontakt. In Kolumbien werden die neuen Medien nach mehr als 30 Jahren Bürgerkrieg zur Unterstützung des Friedensprozesses eingesetzt. Wir in der Schweiz nutzen in neuen partizipativen Evaluationsansätzen die neuen Medien erfolgreich.

Die Diskussionen haben gezeigt, dass sie Bedingungen der Soziokulturellen Animation in den einzelnen Ländern so unterschiedlich sind wie die Gewichtung und Beurteilung der Folgen der Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft.

Spekulationen
Warum haben keine algerischen Animatorinnen und Animatoren am 8. Internationalen Kongress der Soziokultur teilgenommen? Die Welt der algerischen Universitäten und die Welt der «terrains», d.h. der Praxis der Soziokulturellen Animation sind wohl zu unterschiedlich. Wir wissen, dass in den algerischen Grossstädten Animatorinnen und Animatoren ausgebildet werden und aktiv sind. Staatliche und private lokale Radios haben in den letzten Jahren für die kulturelle Identität auch in ländlichen Regionen interessante Arbeit geleistet. Eine mögliche Erklärung dafür, dass diese vielen Praktikerinnen und Praktiker am Kongress nicht teilgenommen haben: Soziale Gerechtigkeit und Emanzipation sind in Algerien immer noch zu heikle Themen, um sie mit der Praxis zu diskutieren. Deshalb frage ich mich, ob es richtig war, den Kongress in Algerien durchzuführen. Wer hat davon profitiert?

Der nächste Kongress findet im Herbst 2019 zum zweiten Mal in der Schweiz, in Lausanne, statt.

About Author

Bernard Wandeler

Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, im Institut für Soziokulturelle Entwicklung. Er doziert in den Bachelorstudiengängen zu den Themen der Gruppenarbeit, Entwicklungspolitik und diversen andern methodischen Themen. In der Forschung begleitet er faszinierende Projekte der Arbeitsintegration von Randgruppen in Albanien.

1 Kommentar

  1. Bonjour

    Les réflexions et les opinions dans cet Article sur ce colloque sont intéressantes mais loin d’être juste , par contre les questions de la fin mérite une réponse correcte :
    1- Nombreux sont sur Alger qui ont profité de ce colloque comme la formation des Animateurs en Algérie n’existe pas encore , et nous avons aujourd’hui besoin d’une institution pour ça .
    2- Quand à la décision du lieu de ce colloque à Alger , le droit à la réponse revient au comité scientifique du RIA , si non moi aussi je peux vous faire le retour est vous dire : pourquoi pas ?

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